Peter Probst/Wolfgang Murnberger: Schönes Schlamassel (ARD/BR/ORF)

Ein Fest des schnellen und geistreichen Dialogs

19.09.2020 •

Ein Golfplatz im Nebel: Das ist hier der Ort, an dem Männer in Steppjacken unter sich sind, Pläne schmieden und ihre Wunden lecken – Wunden, die von der Liebe geschlagen wurden. Denn natürlich geht es an diesem frauenlosen Ort nahezu ausschließlich um Frauen. Es ist ein schöner Drehbucheinfall, diesen seltsam entrückten Ort mit seiner bemerkenswert beständigen Wetterlage in den Film „Schönes Schlamassel“ einzubauen. Und diese Liebeskomödie ist ziemlich reich an solch zündenden Ideen (Produktion: Conradfilm und Bavaria Fiction).

Zudem handelt es sich hier um einen Film, der auf beeindruckende Weise den Wortwitz feiert, den schnellen, klugen und schlagfertig-geistreichen Dialog (Drehbuch: Peter Probst und Wolfgang Murnberger). Das Spiel mit Worten und (Selbst-)Ironie ist auch zentraler Inhalt der Geschichte. Denn die handelt von einer nicht-jüdischen Frau, die geradezu besessen ist von allem Jüdischen, den berühmten jüdischen Humor eingeschlossen. Und von einem nicht-jüdischen Mann, der sich, um dieser Frau zu gefallen, als Jude ausgibt.

Bezeichnenderweise beginnt in dem Film – der vom Bayerischen Rundfunk (BR) und Österreichischen Rundfunk (ORF) in Auftrag gegeben wurde – alles mit Ephraim Kishon, dem hierzulande vielleicht berühmtesten jüdischen Satiriker. Die Münchner Buchhändlerin Anne (Verena Altenberger), die sich natürlich auf jüdische Literatur spezialisiert hat, stolpert über ein Buch des Autors – und bricht sich den Arm. Ihr behandelnder Arzt ist der Unfallchirurg und Sonnyboy Tobias (Lasse Myhr), mit dem sich Anne zum Date verabredet, nachdem sie an dessen Hals eine Kette mit Davidstern entdeckt hat. Beide bringen Verstärkung mit in den „Shalom Club“: Anne ihre beste Freundin Laura (Lisa Wagner), Tobias seinen besten Freund Daniel (Maxim Mehmet). Und dann funkt es zwischen Tobias und Laura, während sich der verkrampfte Gynäkologe Daniel zunächst nicht gerade im besten Licht präsentiert. Doch alles ändert sich, als sich Daniel aus einer Laune heraus als Jude ausgibt, damit ist ihm Annes Aufmerksamkeit sicher – und die bringt ihn regelrecht zum Aufblühen, plötzlich ist er charmant und witzig.

Es kommt, wie es in einer solchen Liebeskomödie kommen muss: Anne und Daniel verlieben sich, diverse Gelegenheiten zur Aussprache vergehen ungenutzt, die Sache wird immer ernster und Daniel verstrickt sich hinsichtlich seines angeblichen Jüdisch-Seins immer stärker im Lügengebäude. Parallel dazu fangen Tobias und Laura eine so leidenschaftliche wie unverbindliche Sex-Beziehung an. Doch ausgerechnet Frauenverschleißer Tobias möchte bald mehr, verliebt sich in die selbstbewusste Masseurin, die auch noch eine langjährige Affäre mit ihrem verheirateten Chef pflegt.

Daneben wird Annes „Obsession“ für alles Jüdische beleuchtet. Die rührt vom Reichtum ihres Elternhauses her, der auf lukrativen Geschäften während der Nazi-Zeit basiert. Annes Großvater, ein Antiquitäten-Händler, kaufte seinerzeit Juden, die sich zur Flucht aus Deutschland entschlossen hatten, deren Möbel und Vasen ab. Um die Schuld ihrer Familie ‘abzuarbeiten’, sammelt Anne Geld für ein jüdisches Seniorenheim, lektoriert das Werk des dort lebenden Schriftstellers Schlomo Wisniewski (Dieter Hallervorden) und begegnet allem Jüdischen mit einer langen Liste positiver Vorurteile. Was gerade für die Juden in Annes Umfeld manchmal anstrengend ist.

Der Film verknüpft diesen Subtext über Philosemitismus – und damit auch über dessen Gegenteil, den in den letzten Jahren wieder so aktuell gewordenen Antisemitismus – geschickt mit einer flotten, ironischen Sex- und Liebeskomödienhandlung voller Sprachwitz und schneller Dialogwechsel. Zwar vermittelt der von Wolfgang Murnberger sehr flott und gekonnt inszenierte Film nicht viel Substanzielles zu heutigem jüdischen Leben – doch das ist auch nicht sein Anspruch.

Ohnehin sollte man sich hüten, das schwierige Unterfangen eines frech-ironischen Filmprojekts zum Thema Judentum durch ausgerechnet deutsch-österreichische Filmemacher nicht auch noch mit Erwartungen bezüglich einer Art jüdischen ‘Gesamtbildes’ zu überfrachten. Klar ist aber, dass der Ton stimmen muss bei einem solchen Vorhaben, das natürlich eine Gratwanderung ist. Aber den Ton treffen Probst und Murnberger sehr gut, jedenfalls was das ironische Spiel mit Klischees und (positiven wie negativen) Vorurteilen gegenüber der jüdischen Religionszugehörigkeit betrifft.

In Sachen Sex hingegen wirkt der Film in seiner betonten Lockerheit gelegentlich ein wenig angestrengt, ein paar Beschneidungs- und Gynäkologenwitze weniger wären auf jeden Fall mehr gewesen. Zudem kippt der in Sachen Musik doch eher einfallslos daherkommende Film, um die Kurve zum Happy End zu bekommen, gegen Ende zu sehr ins Melodramatische, verlagert die Liebeskomödie ihren Fokus zu sehr von der Komödie auf die Liebe – was in diesem Genre aber eine zugegeben generelle Schwierigkeit ist.

Dennoch ist „Schönes Schlamassel“ (3,96 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,1 Prozent) eine trotz ihres herausfordernden Sujets wunderbar leichtfüßige und vergnügliche Produktion, die neben ihren grandiosen Dialogen und schönen Slapstick-Szenen vor allem durch die enorme Spielfreude der Darsteller hervorsticht. Das toll besetzte Ensemble ist mit offensichtlichem Spaß und großem Können bei der Sache, allen voran die zauberhafte Verena Altenberger und die herrlich schnoddrige Lisa Wagner.

19.09.2020 – Katharina Zeckau/MK

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