Peter Handke: Chronik der laufenden Ereignisse (ARD/WDR)

Chronik eines Unaufmerksamen

20.05.1971 •

Wenn den vorliegenden Berichten zu trauen ist, geht Peter Handke häufig ins Kino, er sieht auch häufig fern. Dem Vernehmen nach tut er dies, um selbst Fernsehkino zu machen, das heißt in seinem Falle selbstverständlich, sein Fernsehkino, also eins, das alles übrige Fernsehkino ad absurdum führt, wie es ja auch sein Sprechtheater mit allem übrigen Sprechtheater getan haben soll.

Nun könnte es Peter Handke genügen, dass solches der Chronik laufender Waschzettelereignisse zu entnehmen ist. Da aber sein Talent bisher davon lebt, sich konsequent auf die Unzuverlässigkeit jeglicher Kommunikation zu verlassen, sah er sich offenbar genötigt, seinen fleißigen Chronisten den Beweis für ihre Berichte zu liefern. So entnimmt man seiner Chronik laufender Ereignisse vor allem, dass er häufig ins Kino geht, gern fernsieht und dies tut, um eben –siehe oben.

Hätte es viel Unterschied gemacht, wenn Peter Handke stattdessen ein paarmal Pendlerzug gefahren wäre, einen Schlussverkauf, eine Vertreterschulung, ein Bundesliga-Spiel oder eine Werkskantine aufgesucht hätte? Das Resultat wäre genauso hochkünstlerisch und unverbindlich ausgefallen. Vielleicht hätte es etwas weniger gelangweilt. Vielleicht hätte das Jahr 1969 darin etwas mehr Gegenwart gehabt, vielleicht hätte er damit etwas mehr von dem Versprechen eingelöst, das er mit den bestechenden Sätzen des Vorspanns gibt.

Statt den Ursachen der von ihm reflektierten Trivialikonografie nachzustellen, stellt er sie manieriert nach und überlässt es dem ohnehin Eingeweihten, Zusammenhänge herzustellen. Seine Kunstgriffe sind dabei nicht herausfordernd, sondern lähmend. Selbst die systementhüllenden Biografien der Figuren um McNamara, zur Selbstauskunft einer Frühschoppenrunde stilisiert, lassen aus Fakten Fiktion werden. Peter Handke hat es mit sich, seinen Sprach- und Bilderinnerungen zu tun, ohne sich dabei als erinnerndes Subjekt auszuliefern, ohne seinen subjektiven Standpunkt angreifbar zu machen.

Wem nützt das, wem gefällt das? Sicherlich allen jenen, die den Ereignissen ihren Lauf zum Abgrund lassen, sinnend an ihren Spuren halten und aus zweiter Hand in den Mund leben. So gut wie Peter Handke vermag es freilich kaum einer von ihnen.

• Text aus Heft Nr. 21/1971 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

20.05.1971 – Rainer Grünwald/FK

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