Peter Güde/Matthias Fischer/Filippos Tsitos: Tanze Tango mit mir (ARD/BR)

Aus Frank wird Franco

29.03.2021 •

Die Geschichte, die der vom Bayerischen Rundfunk (BR) für den ARD-Filmplatz am Mittwoch produzierte Film „Tanze Tango mit mir“ erzählt, wirkt oberflächlich betrachtet wie eine Mär aus vergangener Zeit, geprägt von einem Gesellschaftsbild, das hierzulande bereits Ende der 1960er Jahre an Akzeptanz zu verlieren begann. Da erleidet nämlich ein – der Sprache nach in Bayern sozialisierter – Fünfzigjähriger mit ausgesprochen gutmütigem Naturell nach und infolge von Jobverlust und Herzinfarkt eine Midlife-Crisis. Die Krise überwindet er, indem er, der bisher vor allem immer das getan hat, was andere von ihm erwarteten, endlich seine eigenen Bedürfnisse wahrnimmt. Frank lernt, sich in seiner aus nörgelnder Schwiegermutter, alltagspraktischer Ehefrau und pubertierender Tochter bestehenden Familie durchzusetzen.

Das Mittel, durch das er die Veränderung erreicht, ist ausgerechnet ein aus Argentinien stammender Gesellschaftstanz, dessen hervorstechendes Merkmal es ist – wie auch im Film immer wieder betont wird –, dass hier der Mann die Tanzpartnerin zu führen hat. Indem Frank seine Leidenschaft für den Tango entdeckt und diesen Tanz von da an vereinsmäßig organisiert als Sport betreibt, renoviert er sein Selbstwertgefühl. So verbessert sich durch die tänzerische Aktivität sein Gesundheitszustand und er findet – über einige Turbulenzen hinweg – endlich auch Anerkennung in seiner Familie. Aus Frank wird also Franco, so wird er dann auch von seinen Tanzpartnerinnen genannt, und von seiner Familie, so scheint es, wird er nun endlich für voll genommen.

In der Art und Weise, wie dieser von den Drehbuchautoren Peter Güde und Matthias Fischer entwickelte Stoff im Detail erzählt und von Regisseur Filippos Tsitos filmisch umgesetzt wird, entpuppt sich der Film dann allerdings doch als anspruchsvolle Komödie, die so geschickt mit Zuspitzungen arbeitet, dass mit dem Happy End auch diese kleinbürgerliche Welt in sich zusammenbricht (Produktion: Die Film GmbH). Eine zunächst so biedere und unbeweglich wirkende Erscheinung wie der gelernte Bankkaufmann Frank (Michael A. Grimm) lässt sich von der Tango-Truppe begeistern, die in dem Theater probt, bei dem er vorübergehend eine Stelle als Nachtportier innehat. Die Gruppe praktiziert nicht den strengen Schreittanz, als den man den Tango aus dem internationalen Tanzsport auch kennt, sondern den viel emotionaleren Tango Argentino. In seinem Spannungsfeld von herausfordernder Strenge und lasziver Sinnlichkeit, von distanzierender Fremdheit und wachsender emotionaler Nähe erscheint eine bis dahin eher einfach gewirkte Welt nunmehr in neuer Komplexität. Die Figur des Tango lernenden Frank ist eine Paraderolle für Michael A. Grimm, die er meisterhaft erfüllt.

Aber auch die Bildsprache des Films (4,96 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,9 Prozent) trägt viel dazu bei, von diesem Ausbruch aus dem Alltäglichen zu erzählen. So haben es der Kamera beispielsweise die Schuhe besonders angetan: Wenig alltagstaugliche hochhackige bei den Damen, aber auch die Tanzschuhe für den männlichen Partner weichen ab von dem, was hierzulande alltäglich ist. Zudem gibt die starke Betonung der Tango-Musik, die so eindrücklich zu hören ist, dass sie auch den Erzählrhythmus des Films mitbestimmt, ihm eine wichtige emotionale Grundierung gibt, die Begeisterungsfähigkeit und Zielstrebigkeit zugleich verkörpert, gepaart mit einem gewissen Maß an Melancholie und Exotik.

Die Filmbilder zeigen auch, wie heterogen sich die Mitglieder dieses Tanzsports zusammensetzen: aus Individuen sehr unterschiedlichen Alters und Aussehens. Ebenso gibt es immer wieder Szenen, in denen die Rolle des vom Mann zu führenden Tanzpartners nicht durch eine Frau, sondern durch einen Mann wahrgenommen wird. Dabei entwickelt Frank im Verlauf des Filmgeschehens allmählich eine Beweglichkeit, die körperliche Leichtigkeit und seelische Sensibilität zugleich vermittelt. Seine Filmpartner jedoch bleiben viel länger in eher überspitzt gezeichneten Rollenklischees verhaftet. Das trifft vor allem auf die Frauenrollen zu, sowohl auf Franks Ehefrau Katrin (Eva Meckbach), seine Tochter Paula (Lilith Kampffmeyer) und Schwiegermutter Ingrid (Gaby Dohm) als auch auf die argentinische Tanzlehrerin Maresa (Kara Wenham) und Tanzpartnerin Julia (Amanda da Gloria).

Die neue Lehrerin von Franks und Katrins Tochter entpuppt sich dann beim Elternsprechtag, zu dem die Eheleute von der Schulleitung einbestellt wurden, auf so plakative Weise als Mitglied des Tango-Studios, dass dabei Frank in Anwesenheit seiner Frau nicht nur mit seiner neuen Tanz-Leidenschaft auffliegt, sondern Katrin ihn anschließend deswegen auch in einem Eifersuchtsanfall aus dem Haus schmeißt, woraufhin Frank nirgendwo anders Unterkunft findet, als ausgerechnet bei seiner verhassten Schwiegermutter. Damit ist neben der komödientypischen Bedienung von Rollenklischees ebenso das komödiennotwendige Maß an Turbulenz erfüllt, was dann aber auch die Feinzeichnung von Franks Charakter besonders gut sichtbar macht.

29.03.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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