Peter Dörfler/Cordt Schnibben: Dutschke – Schüsse von Rechts (ARD/NDR/RBB)

Ein Film spät in der Nacht, der Neues hinzufügt

08.11.2020 •

In den Tagen nach dem zweiten (Teil-)Lockdown in Deutschland und der Präsidentschaftswahl in den USA, die jeweils für diverse Sondersendungen sorgten und den vielen Talkshows die Überschriften lieferten, war versteckt im Nachtprogramm der ARD ein Film zu sehen, der noch vor einem Jahr als Programmereignis präsentiert worden wäre: „Dutschke – Schüsse von Rechts“ von Peter Dörfler und Cordt Schnibben.

Der 60-minütige Film rekonstruiert die Umstände des Attentats im April 1968 in (West-)Berlin auf den Studenten Rudi Dutschke, der damals zu den Wortführern der außerparlamentarischen Opposition gehörte und einer der Chefideologen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) war. Dutschke wird vom Attentäter durch Schüsse aus einer aufgebohrten Gaspistole schwer verletzt, kann nach einer langen Zeit Rekonvaleszenz seine Dissertation zu Ende schreiben und als Hochschullehrer in Dänemark arbeiten, ehe Weihnachten 1979 an den Spätfolgen der Verletzungen stirbt. Diese Seite der deutschen Geschichte ist vom Fernsehen in Dokumentarfilmen, Dokumentationen und Spielfilmen mehrfach erzählt worden. Der Film von Dörfler und Schnibben fügt etwas Neues hinzu, nämlich die Geschichte des Attentäters Josef Bachmann, der kurze Zeit nach den Schüssen aufgespürt, verhaftet und in einem Prozess zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt wurde. In der Haft nahm er sich 1970 das Leben.

In den Darstellungen nach seiner Tat und während des Prozesses war Bachmann zwar als rechtsradikaler Attentäter bezeichnet worden, aber der Hintergrund seiner Geschichte und die Genese des Bewusstseins, die ihn zu den Schüssen auf Dutschke veranlassten, blieben unbeachtet. Dutschkes Freunden und Gesinnungsgenossen war es wichtiger, die Bedeutung der „Bild“-Zeitung, die über die studentische Opposition hergezogen war und auch immer wieder gegen Dutschke polemisiert hatte, für das Bewusstsein des Attentäters hervorzuheben, statt dessen politischen Hintergrund auszuleuchten. In Wolf Biermanns Song „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“ heißt es denn auch: „Die „Kugel Nummer Eins kam / Aus Springers Zeitungswald“. (Für Biermann, der damals noch in der DDR lebte, kam metaphorisch die zweite Kugel aus dem Schöneberger Rathaus, also vom SPD-geführten West-Berliner Senat, und die dritte vom „Edel-Nazi-Kanzler“, wie er den Kanzler der damaligen großen Koalition, Kurt-Georg Kiesinger (CDU), aufgrund von dessen früherer Mitgliedschaft in der NSDAP bezeichnete.) Vereinfacht gesprochen folgte die politische Linke damals eher der These einer Manipulation durch Massenmedien, anstatt die Traditionslinien des Rechtsradikalismus zu untersuchen, der zu dieser Zeit deutlich präsent und über die NPD in einige Länderparlamente eingezogen war.

Der Film von Peter Dörfler und Cordt Schnibben präsentierte nun die Untersuchungsergebnisse zur Person Bachmann, die der Journalist Peter Wensierski 2009 erstmals im „Spiegel“ veröffentlicht hatte. (Wensierski ist bis heute beim „Spiegel“ tätig, für den Cordt Schnibben viele Jahre als Reporter und Ressortleiter gearbeitet hat.) Demnach gehörte Josef Bachmann einer rechtsradikalen Gruppe an, die sich früh bewaffnete und Attentate plante; so sollte beispielsweise der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht getötet werden. Für diese Gruppe waren die linken Studenten der verhasste Gegner und der innenpolitische Feind der Bundesrepublik. Der Angriff auf Rudi Dutschke war also Folge einer politischen Feindeserklärung, wie sie etwa im damaligen Zentralorgan der rechtsradikalen Szene, der „Deutschen National-Zeitung“ (kurzzeitig auch: „Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung“), betrieben wurde.

Dem ging man in den polizeilichen Ermittlungen gegen Bachmann wie auch im Gerichtsprozess nicht nach. Hier galt der Attentäter als verwirrter Einzelgänger. Ob dabei eine Rolle gespielt hatte, dass die rechtsradikale Gruppe, der Bachmann angehörte und aus deren Kreis er die Attentatswaffe erhalten hatte, dem Verfassungsschutz bekannt war und von diesem mit einem V-Mann infiltriert worden war, ist eine Möglichkeit, die der Film andeutet. Wichtiger ist aber – und das legitimiert den Film in dieser Zeit –, dass in der Bundesrepublik die Kontinuität rechtsradikaler Gruppen und ihrer Attentate stets geleugnet wurde, was beispielsweise auch zu jener Blindheit führte, wie es sie im Zusammenhang mit dem Oktoberfest-Anschlag von 1980 gab oder in den 2000er Jahren mit den Morden der Gruppe, die sich selbst Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nannte.

„Dutschke – Schüsse von Rechts“ war formal ein Doku-Drama. Eine Erzählform, die Cordt Schnibben einst im NDR bei Horst Königstein in den 1980er Jahren kennengelernt hatte, der sie zusammen mit Heinrich Breloer zu einer gewissen Perfektion entwickelte. Im Doku-Drama treten neben die Dokumente (Filmausschnitte, Fotos, Texte) inszenierte Passagen, in denen Ereignisse rekonstruiert werden, die nicht im Original filmisch erfasst wurden, aber durch Zeugnisse belegt sind. In diesem Film sieht man also in der Inszenierung, wie der Attentäter nach einer vergeblichen Suche Dutschke dann doch noch zufällig auf dem Kurfürstendamm trifft und nach einem ersten Zögern auf ihn anlegt und schießt. Auch der Prozess wird in entscheidenden Momenten, zu denen unter anderem eine Bombendrohung gegen das Gericht gehörte, nachinszeniert. Ebenso – allerdings unnötig – werden Passagen aus dem legendären Fernsehgespräch nachgespielt, das Günter Gaus für seine Reihe „Zu Protokoll“ (ARD/SWF) im Dezember 1967 mit Dutschke führte. Dabei unterlässt es der Darsteller von Dutschke, Aaron Hilmer, zum Glück, dessen markanten Sprachstil zu imitieren.

Viele Zeitzeugen wie Rudi Dutschkes Ehefrau Gretchen Dutschke-Klotz, die Schriftstellerin Barbara Sichtermann, der Dokumentarist Thomas Giefer, der ewige Kommunarde Rainer Langhans, der Politiker Knut Nevermann (SPD), der Publizist Bahman Nirumand und der Schriftsteller Peter Schneider grundieren zeitgeschichtlich wie biografisch die Darstellung der Ereignisse. Dabei wird angedeutet, wie verwickelt das, was damals geschah, wirklich war. Die Staatssicherheit der DDR etwa hatte ihrerseits die rechtsradikale Gruppe infiltriert, da diese auch Anschläge auf die innerdeutsche Grenze verübte. Der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 bei den Demonstrationen gegen den Schah von Persien in West-Berlin den Studenten Benno Ohnesorg von hinten erschoss und somit ermordete, war nebenbei ein Agent der Stasi. Die DDR-Regierung wiederum erklärte ihre Sympathie mit den demonstrierenden Studenten, so dass der Trauerkonvoi für Ohnesorg ohne Kontrolle das Gebiet der DDR auf dem Weg von West-Berlin nach Hannover zum Ort der Trauerkundgebung zu Ehren Ohnesorgs passieren durfte. Rudi Dutschke wiederum sprach vor dem Attentat leichtfertig von einem „neuen Faschismus“ in Deutschland, statt den alten Faschismus und dessen Präsenz in der Gegenwart zu beachten, der zu dem Attentat führte, das Josef Bachmann auf ihn verübte.

Und einige von Dutschkes Freunden und Bekannten von damals sind heute Teil der rechten und sogar der rechtsradikalen Szene, wie etwa der ehemalige Anwalt Horst Mahler, der 1970 noch im Auftrag von Dutschke einen Kranz am Grab von Bachmann niedergelegt hatte. Mahler, der auch zu den Gründern der linken Terrororganisation RAF gehörte, später auf Zeit Mitglied einer maoistischen Partei wurde, ehe er ins rechte, dann rechtsradikale Milieu rückte, kam dieser Tage wieder auf freien Fuß, nachdem er unter anderem wegen Leugnen des Holocausts mehrere Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Bernd Rabehl, der mit Dutschke einst aus der DDR nach West-Berlin gekommen war und mit ihm zu den Theoretikern des SDS zählte, „vertritt seit 1988 immer wieder nationalistische und rechtsextreme Positionen“, wie es im Abspann des Films heißt. Weitere Namen von Personen könnte man mühelos nachtragen. Sie stehen heute dem Attentäter, auf den sie 1968 fluchten, auf eine erschreckende Weise nahe.

Auch daran erinnert zu haben, ist ein weiteres Verdienst dieses Films. Weshalb die von NDR und RBB in Auftrag gegebene Produktion der Firma Cinecentrum nur für eine Sendezeit im Ersten am späten Montagabend um 23.35 Uhr eingeplant war – de facto begann der Film dann wegen eines „ARD-Extras“ zur Coronakrise  erst um 0.05 Uhr –, wissen vermutlich nur die Programmplaner; gute Gründe werden sie nicht gehabt haben.

08.11.2020 – Dietrich Leder/MK

Vernachlässigter Hintergrund für das Attentat auf Rudi Dutschke: Die Geschichte des Attentäters, der zu einer rechtsradikalen Gruppe gehörte

Foto: Screenshot


` `