Peter Bardehle: Der amerikanische Traum – Die Europäer in der neuen Welt (Arte)

Geschichte von oben

10.03.2019 •

Ein 90-minütiger Dokumentarfilm an einem Samstag um 20.15 Uhr ist auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und selbst bei Arte längst eine Rarität. Und der Versuch, 500 Jahre nordamerikanische Einwanderungsgeschichte am Beispiel der Ostküste der USA filmisch lebendig werden zu lassen, ist ja durchaus ein ambitioniertes Unterfangen.

Von den ersten Jahrhunderten nach der Ankunft von Kolumbus in der neuen Welt gibt es logischerweise wenig Bildmaterial, mit dem man solch eine Dokumentation bestücken könnte. So griff Filmemacher Peter Bardehle hier vor allem auf alte Karten, zeitgenössische Stiche und Gemälde zurück. Hinzu kam das inzwischen bei vielen historischen Dokumentationen gebräuchliche Element von Reenactment-Sequenzen, also szenische Nachstellungen. Hier gab es dialogfreie Momente mit wenigen Personen, die offensichtlich eigens für diesen Film gedreht worden waren, aber auch Massenszenen, die sichtlich aus anderen Produktionen stammten, die aber weder während des Films noch im Abspann benannt wurden.

Das eigentliche Kuriosum der Dokumentation „Der amerikanische Traum – Die Europäer in der neuen Welt“ besteht allerdings in dem Umstand, dass hier 500 Jahre Geschichte nahezu ausschließlich aus der Vogelperspektive erzählt wurden. Lediglich ein-, zweimal, so etwa beim Lincoln-Memorial in Washington, das mit seiner überdachten Statue aus der Luft auch schwer einzufangen ist, hatte die Kamera Bodenberührung. Ansonsten gab es da eineinhalb Stunden lang Luftbilder von der nordamerikanischen Ostküste von Florida bis Maine. Hätte man den Ton ausgeschaltet, man hätte das Ganze auch für eine Natur- oder Reisedokumentation mit dem Titel „Die Ostküste der USA von oben“ halten können. Was nicht weiter verwundert, wenn man sich vor Augen hält, dass sich Peter Bardehle bereits mit Produktionen wie „Baden-Württemberg von oben“, „Die Nordsee von oben“, „Die Ostsee von oben“ und „Die Alpen – Unsere Berge von oben“ als großer Anhänger der Vogelperspektive gezeigt hat.

Nun war es durchaus nicht so, dass im Film über den amerikanischen Traum all diese Luftbilder ohne jeden thematischen Bezug aneinandergereiht waren. Von der Landnahme der Spanier im heutigen Florida wurden zum Beispiel die Orte gezeigt, die bei dieser Besiedlung von Belang waren, und wo immer es möglich war, wurden erhaltene Festungen oder sonstige Relikte späterer Auseinandersetzungen ins Bild genommen. Auf der anderen Seite waren da aber auch Sequenzen, die mit der Besiedlung Floridas durch Europäer herzlich wenig zu tun hatten. So etwa die imposanten Brücken zwischen den einzelnen, „Keys“ genannten Inseln und dem Festland, eine Krokodilfarm in den Everglades oder die hübschen Segelschiffe vor der sonnigen Küste. Die Flut der Luftbilder ging erst im letzten Drittel der Dokumentation zurück, als der Film in seiner Chronologie in einer Zeit angelangt war, aus der Fotos, Bewegtbilder und Tondokumente als Zeugnisse zur Verfügung standen.

Da der Film jedoch auf menschliche Zeitzeugen und Statements von Historikern oder sonstigen Experten komplett verzichtete, blieb das Gros der Geschichtsvermittlung dem Off-Kommentar überlassen. Und dort referierte die sonore Stimme von Sprecher Erik Schäffler einen überaus detaillierten Streifzug durch die Geschichte der Besiedlung Nordamerikas durch Europäer. Wobei der Kommentar gleich zu Beginn deutlich machte, dass der amerikanische Traum auch zahlreiche Opfer fand: „Die Entdeckung Amerikas ist eine Geschichte von Gier und Brutalität.“ Entsprechend ausführlich wurden die Sklaverei und die Beinahe-Ausrottung der indianischen Ureinwohner abgehandelt, für die jene in der amerikanischen Verfassung beschworene Freiheit sehr lange nicht galt. Und gegen Ende bekam auch noch der amtierende US-Präsident Donald Trump mit seiner rigiden Einwanderungspolitik eine Ermahnung durch die Erinnerung, dass sein Großvater schließlich aus der Pfalz eingewandert war.

Die fakten- und anekdotenreiche Nacherzählung der Geschichte Nordamerikas von Kolumbus bis Nine Eleven vermittelte einerseits Großereignisse wie den Unabhängigkeits- und den Bürgerkrieg, hielt sich zwischendurch aber auch mit vergleichsweisen Marginalien wie aus Spanien importierten Wildpferden oder der Information auf, dass die Indianer die Siedler den Maisanbau lehrten, während diese den Ureinwohnern die Nutztierhaltung beibrachten. Zwischendurch verlor sich der Kommentar in steilen Thesen zur unverheirateten Königin Elisabeth I. von England („Nicht, dass sie keusch wäre. Aber warum die Macht mit einem Mann teilen?“) oder er verfiel bei New York auf die Binse, die Stadt einen „Schmelztiegel der Völker und Kulturen“ zu nennen. Wer sich mit der Geschichte Nordamerikas bislang noch gar nicht beschäftigt hatte, bekam hier im umfangreichen Kommentartext einen soliden Grundkurs verabreicht, musste dabei aber eine nahezu dauerhafte, wenig originelle Musikuntermalung und bisweilen nur pittoreske Luftbilder in Kauf nehmen.

10.03.2019 – Reinhard Lüke/MK

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