Paul Wiederhold/Saskia Weisheit/Gordian Maugg: Flucht im Namen Gottes – Die Hugenotten. 2‑teilige Dokumentation (Arte)

Geschichte und Gegenwart

30.11.2019 •

Auf den ersten Blick ist es eine der bei Arte inzwischen gewohnten Geschichtsdokumentationen – dieses Mal über die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich im 17. Jahrhundert: Historiker, Archivare sowie Nachfahren der damals vertriebenen Familien geben Erläuterungen, alte Stiche bilden zeitgenössische Eindrücke ab, ausführliche Spielszenen ergänzen das bislang Gesehene und führen es fort. Auf den zweiten Blick gelingt es den Autoren, auf der Metaebene Linien in die Gegenwart zu ziehen, die verblüffen. Schon eine frühere Dokumentation zum Dreißigjährigen Krieg („1648 – Der lange Weg zum Frieden. Wie der Dreißigjährige Krieg beendet wurde“, Arte/WDR; vgl. MK-Kritik) hatte die damalige jahrelange Konfliktlösung in Zusammenhang gebracht mit der Friedenssuche im aktuellen Bürgerkrieg in Syrien. Allerdings sehr viel auffälliger als in dem zweiteiligen Hugenotten-Beitrag. Doch dazu später mehr.

Die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten im 17. Jahrhundert in Frankreich erreichten mit dem „Edikt von Fontainebleau“ (1685) einen Höhepunkt und lösten eine Fluchtwelle von etwa einer Viertelmillion Hugenotten in protestantisch dominierte Regionen in Europa und Übersee aus. Fast 50.000 Hugenotten flohen damals in deutsches Gebiet, etwa 20.000 davon nach Brandenburg-Preußen, wo der protestantische Kurfürst Friedrich Wilhelm den französischen Glaubensgenossen mit dem „Edikt von Potsdam“ besondere Privilegien gewährte. Neben Religionsfreiheit gehörten dazu die Befreiung von Steuerzahlungen und weitere finanzielle Vorteile wie etwa günstige Grundstücke für ihre Manufakturen.

Der katholische französische König Ludwig XIV. sah in den Hugenotten – der protestantischen Minderheit in seinem Land – eine Bedrohung und löste mit seiner Unterzeichnung des Edikts deren Verfolgung aus. Wer dem protestantischen Glauben nicht abschwor und nicht zum Katholizismus konvertierte, erfuhr Gewalt und Willkür. Auch die Familie Loyal sowie die Kaufleute Godeffroy und Boué stehen vor der Entscheidung zu fliehen. Die in der Dokumentation an diesen Einzelfällen nacherzählte Geschichte der Hugenotten handelt in ihren beiden rund 50-minütigen Teilen von Flucht und Vertreibung sowie von der Hoffnung auf einen Neuanfang in der Fremde – und erscheint denkwürdig ob mancher Parallele zur Gegenwart.

Was in der Bibel steht, soll wortgetreu Maßstab für das Handeln sein. Orientiert an den Anschauungen des französischstämmigen Genfer Reformators Johannes Calvin lehnen die Hugenotten Bilder in ihren „Tempeln“ ab, pflegen Gottesdienste, in denen die Predigt und der Gesang der Psalmen im Mittelpunkt stehen, und sie haben so gut wie keine Hierarchie. Sie lehnen auch weltliche Vergnügungen wie Kartenspiel, Tanz und Musik ab, ihr Arbeitsethos macht sie zu hervorragenden Handwerkern und Händlern. In der absolutistischen Monarchie Frankreichs werden sie zunehmend als Bedrohung der weltlichen Macht empfunden. Das mag Ludwig XIV. bewogen haben, die Duldung religiöser Minderheiten aufzuheben. Allerdings nicht ahnend, dass der Aderlass durch Flucht und Vertreibung die Wirtschaft seines Landes schwer in Mitleidenschaft ziehen sollte.

Dies wird in der sorgfältig recherchierten zweiteiligen Dokumentation (Produktion: Gebrüder Beetz) anschaulich vermittelt. Sie verschweigt auch nicht die Grausamkeit, mit der die französischen Protestanten vom Staat verfolgt wurden. Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde galten als legitim. Ein eigener Begriff für die Übergriffe der französischen Dragoner bildete sich heraus: „Dragonade“. Die Spuren der Zuflucht suchenden Hugenotten in Deutschland sind noch heute zu sehen: Das Reichstagsgebäude in Berlin oder den dortigen Französischen Dom am Gendarmenmarkt bauten Architekten hugenottischer Herkunft. Theodor Fontane, Alexander von Humboldt, Carl Benz oder Thomas de Maiziere und ihre Familien führen ihre Ahnen auf aus Frankreich geflohene Hugenotten zurück. Der Exodus dieser Menschen aus Frankeich betraf also nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Kultur. Und die Fremden, die aus dem Land westlich des Rheins kamen, bereicherten ihre neue Heimat durch Fleiß und Wissen.

Es ist der Subtext, der in manchen, insbesondere den gespielten Szenen dieser Dokumentation mitschwingt: Mit einem Federstrich setzt der französische König Ludwig XIV. der Glaubensfreiheit außer Kraft, die Protestanten – Hugenotten genannt – werden gezwungen, zum katholischen Glauben zu konvertieren oder zu fliehen. Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, vor allem in Brandenburg, sind sie herzlich willkommen. Frühe Willkommenskultur. Der Kaufmannssohn aus Bordeaux flieht versteckt in einem Fass über den Atlantik nach Hamburg. Der Hof einer aus Frankreich emigrierten Familie in Pommern, die den Einheimischen fremd erscheint, geht in Flammen auf. Dabei besiedeln die Geflüchteten Land, das nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges entvölkert ist. Hier liegen Parallelen, die sich zum überheblichen Regierungsstil des amerikanischen Präsidenten Donald Trump mit seiner Abschottungspolitik ziehen lassen oder zum Umgang mit den Flüchtlingen in manchen Regionen Deutschlands seit 2015. Es mag den Anschein haben, dass sich Geschichte doch wiederholt.

30.11.2019 – Martin Thull/MK