Patrick Jeudy: Ein Abend mit Romy (Arte)

Sensibler Einblick

19.10.2018 • Was für eine Sogwirkung diese Frau immer noch hat! Romy Schneider ist ein Mythos, der nicht vergeht. Und das liegt bei weitem nicht nur an ihrem schönen Äußeren. Die Faszination, die die Schauspielerin auslöst, ist schwer zu greifen und offenbar kaum zu stillen – weshalb auch Jahrzehnte nach ihrem Tod (1982) noch immer Filme über sie und ihr Leben erscheinen. So etwa in diesem Frühjahr der Kinofilm „3 Tage in Quiberon“ von Emily Atef und Mitte September die Dokumentation „Ein Abend mit Romy“ von Patrick Jeudy. Die 55-minütige Dokumentation war im Rahmen eines zweitägigen Romy-Schwerpunkts neben ausgewählten Spielfilmen der Darstellerin (wie „César und Rosalie“, „Eine einfache Geschichte“ und „Gruppenbild mit Dame“) bei Arte zu sehen. Der Aufhänger für den Schwerpunkt war ein Jahrestag: Am 23. September wäre „La Schneider“ 80 geworden.

Um das anhaltende Interesse zu verstehen, das Romy Schneider bis heute hervorruft, reicht auch die wirklich große Schauspielkunst der deutsch-französischen Darstellerin allein nicht aus. Und selbst ihr tragisch umwölktes Privatleben mit unglücklichen Liebesbeziehungen, dem schrecklichen Unfalltod ihres 14-jährigen Sohnes und dem eigenen, plötzlichen Tod mit nur 43 Jahren taugt nicht als einzige Erklärung. Natürlich ist es die Kombination aus all dem.

Und es kommt noch etwas sehr Wichtiges hinzu: die spezielle Wesensart der bereits als Teenager berühmt gewordenen Romy Schneider, ihre Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit, ihre enorm große Offenheit wie Unverstelltheit, aber auch die starken Widersprüche, die sie in sich vereinte. Romy Schneider lieferte sich teilweise regelrecht aus, den Journalisten, der Öffentlichkeit. Dies geschah wohl in dem Wunsch, wirklich gesehen und verstanden zu werden. Was eine Haltung ist, die vor allem heute besonders frappiert, heute, das heißt, in einer Zeit, in der man Stars fast nur noch im Korsett streng überwachter PR-Arbeit begegnet und diese Stars die Regeln einer möglichst wenig preisgebenden (Nicht-)Kommunikation völlig verinnerlicht zu haben scheinen.

„Ein Abend mit Romy“ nun gibt Einblick in diese Eigenheiten wie ins filmische Schaffen der legendären Schauspielerin. Der französische Autor und Regisseur Patrick Jeudy erstellt eine Art filmische Collage auf der Basis eines stundenlangen Gesprächs, das Romy Schneider am 12. Dezember 1976, damals 38 Jahre alt, mit der Feministin und Journalistin Alice Schwarzer führte. Damals verwendete Schwarzer letztlich nur einige Passagen des Gesprächs für die erste Ausgabe ihrer Zeitschrift „Emma“. Die Tonbandaufzeichnungen lagerten dann jahrzehntelang in Schwarzers Schublade – zu intim waren viele der darin geäußerten Gedanken, Erinnerungen und Anekdoten. Auch bat die Schauspielerin während des Interviews immer wieder um Vertraulichkeit, ja, sie flehte mit ihrer charakteristischen, süddeutsch-weichen Stimme geradezu darum, nicht „verraten zu werden“ von ihrem Gegenüber.

Nun, 36 Jahre nach Romy Schneiders Tod, schien es Alice Schwarzer legitim, den Inhalt der Bänder zumindest teilweise publik zu machen. Ein vermeintlicher Coop dieser Veröffentlichung, der von den Boulevardmedien dankbar aufgegriffen wurde – dass nämlich Romys Mutter, die berühmte Schauspielerin Magda Schneider, ein sexuelles Verhältnis mit Adolf Hitler gehabt haben soll –, fällt freilich ziemlich schnell in sich zusammen, wenn man ihn näher betrachtet. So bezweifelt Schwarzer selbst im Film, dass diese (offline gemachte) Behauptung der Tochter haltbar sei. Romy Schneiders zweiter Ehemann Daniel Biasini wiederum verwahrte sich in einem „Stern“-Interview massiv dagegen, dass die zum Zeitpunkt des Interviews mit ihm verheiratete Schauspielerin derartige Überzeugungen formuliert haben könnte.

Abgesehen von derlei letztlich überflüssiger Spekulation ist Patrick Jeudy mit seiner im Auftrag von Arte France entstandenen Dokumentation jedoch ein sensibler Einblick in das zerrissene Wesen der Romy Schneider gelungen. Und auch die hier als Zeitzeugin auftretende Alice Schwarzer zeigt sich insgesamt feinfühlig gegenüber ihrer Gesprächspartnerin für eine Nacht (eine leise Arroganz Schwarzers ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, wenn sie von dem spricht, was Romy Schneider „für die Liebe hielt“). Für kleine Irritationen sorgen redaktionell übersehene Fehler: So wird einmal eine Zeitspanne mit 30 Jahren angegeben, die tatsächlich aber nur 20 Jahre betrug. Und über Romys Französisch heißt es einmal, es sei ihre „Stimme des Herzens“ – kurz danach aber wird im Widerspruch dazu formuliert, sie benutze diese Sprache, um auf Distanz zu ihren Gefühlen zu gehen.

Sorgfältig gewählt wie montiert hingegen sind die Filmausschnitte, mit denen die Tonbandaufnahmen auf der Bildebene unterlegt werden. Hier findet sich ein wunderbarer Querschnitt aus Romy Schneiders Schaffen, von Jacques Derays „Swimmingpool“ über Luchino Viscontis „Ludwig II.“ und Ernst Marischkas unvermeidliche „Sissi“-Filme bis zu Claude Sautets „Die Dinge des Lebens“. Doch vor allem die sphärischen, traumartigen Bilder aus Henri-Georges Clouzots unvollendetem Film „L’enfer“ erweisen sich als Glücksfall: Sie ergänzen die häufig gewissermaßen schwebenden, stets um den richtigen Ausdruck ringenden und manchmal auch leicht versponnenen Aussagen Romy Schneiders perfekt.

19.10.2018 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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