Patrick Brunken/Rick Ostermann: Das Haus (ARD/NDR/RBB/Arte)

Knapp in die Zukunft gedacht

17.12.2021 •

Das Haus, das diesem Film den Titel gibt, steht auf einer schmalen bewaldeten Schäreninsel. Es ist auf dem Eiland in der Ostsee das einzige Haus. Eine Luxusimmobilie, nicht nur wegen des großzügigen Meerblicks. In diesem volldigitalisierten Bau regiert der Computer. Das Haus setzt von sich aus Reinigungsroboter in Gang, entfernt die Abdeckung vom Pool, spielt maßgeschneiderte Musik, wenn die Bewohner eintreffen. Beim morgendlichen Zähneputzen blendet es im Spiegel Mangelerscheinungen ein, die beim Frühstück gleich per Ernährungszusatz behoben werden. Was das Haus nicht selbsttätig erledigt, wird per mündlicher Anweisung veranlasst. Das Einstellen der Wassertemperatur zum Beispiel.

Es ist noch nicht lang her, da war dergleichen noch Science-Fiction. In der von 2006 bis 2012 beim US-Sender SyFy ausgestrahlten Serie „EUReKA“ beispielsweise dienten die Streiche eines über ein eigenes Bewusstsein verfügenden futuristischen Hauses als Running-Gag. Inzwischen ist diese Technik herangereift. Kühlschränke geben von sich aus Lebensmittelbestellungen auf, Rasenmäher bewegen sich ohne menschliches Zutun, digitale Assistenten reagieren auf verbale Befehle.

Im Fernsehfilm „Das Haus“, der zuerst bei Arte und fünf Tage danach im Ersten lief, ist das futuristische Gebäude nicht das eigentliche Thema, sondern dient als Deus ex machina in einer Geschichte, die sich mehr auf die gesellschaftspolitische Zukunft kapriziert als auf die technische. Das einsam gelegene Architekturwunder wird vom Ehepaar Lu und Johann Hellström bezogen. Johann (Tobias Moretti) ist Journalist und von seiner Zeitung in Deutschland wegen eines angeblich mit falschen Behauptungen angereicherten politischen Artikels geschasst worden. Er bekam ein Schreibverbot auferlegt, sieht sich öffentlichen Angriffen und möglichen juristischen Konsequenzen ausgesetzt und zieht sich verbittert auf die ansonsten unbewohnte Insel zurück.

Hintergrund des politischen Geschehens ist das Erstarken einer rechtspopulistischen Partei, die bei den anstehenden Wahlen die Regierungsmehrheit übernehmen könnte. Drastische, vielleicht gar totalitäre Maßnahmen sind absehbar. Schon wird die Abschiebung aller Menschen ausländischer Herkunft angekündigt. Die Opposition fürchtet das Schlimmste. Es haben sich Widerstandszellen gebildet. Die Anwältin Lu (Valery Tscheplanowa) betreut mit der jungen Leyla (Lisa Vicari) eine Angehörige einer solchen Gruppe, sympathisiert mit deren Haltung.

Dem vollautomatisierten Haus, das lernen kann und darauf programmiert ist, sich auf seine Bewohner einzustellen, ist Lu noch fremd. Es hält sich an seinen Administrator Johann. Und zeigt bald ein eigenwilliges Verhalten. Es bringt Johann mit dem Lift in den Keller statt ins Erdgeschoss, öffnet Türen und Schubladen, führt Johann so zu einem versteckten Schnellfeuergewehr. Lu hat es eingeschmuggelt. Leyla und ihr Freund Alex (Max von der Groeben) werden kommen und es abholen.

Als sich ein Anschlag auf die Polizeiführung ereignet, bei dem auch Kinder zu Tode kommen, werden linke Terroristen verantwortlich gemacht. Auch moderate Politiker rufen empört nach Bestrafung. Dann stehen, für Johann unerwartet, Leyla und Alex vor der Tür. Sie führen Beweise mit sich, die belegen, dass weder sie noch andere Angehörige der beschuldigten Gruppe auch nur in der Nähe des Anschlagsortes waren. Hier erlauben sich die Autoren Patrick Brunken und Rick Ostermann (auch Regie) eine beinah ironische Pointe: Die Beweise bestehen – in dieser rundum computerisierten Umgebung ein Anachronismus – aus analogen Fotos, die zwar auch, aber nicht so leicht zu fälschen sind wie digitale. Im Keller des Hauses befindet sich eine Dunkelkammer mit analogem Leica-Vergrößerer, Chemikalien, Schalen. Hier erstellt Lu ganz klassisch Abzüge von den Negativen, die ihre Gäste mitgebracht haben.

Für Spannung sorgt, dass die Behörden nach den beiden Gästen suchen. Sie müssen vor einem Techniker (Daniel Krauss) versteckt werden, dann taucht überraschend Johanns Chefredakteur Paschke (Hans-Jochen Wagner) auf. Haben die Staatsorgane vielleicht Zugriff auf die Kameras und Mikrofone des Hauses? Angeblich verfügt es über ein geschlossenes System. Aber wie es sich verhält, wird den Anwesenden, die nun gemeinsam ihre Flucht nach England vorbereiten, zunehmend unheimlich.

Dem Film (Produktion: Wüste Medien) gelingt es sehr überzeugend, die angesprochene Thematik mit wenigen Personen örtlich zu verdichten, in einen grundsätzlichen politischen Diskurs einzusteigen und das Publikum erzählerisch wie inszenatorisch durch Anleihen beim Genrekino zu fesseln. Anfangs verurteilt Johann den Anschlag, verfasst auch eine entsprechende Stellungnahme, wendet sich gegen die mutmaßlichen linken Attentäter. Lu agiert zunächst zurückhaltend, lässt aber bald erkennen, dass sie der Opposition zuneigt und deren Proteste für nötig hält. Sie ist sich sicher, dass der Anschlag in Wahrheit von rechten Kreisen ausgeführt wurde, um Unruhe zu schüren und den politischen Gegner zu diskreditieren.

In die Diskussionen fließt die Rolle der Presse ein. Chefredakteur Paschke beteuert, auf Johanns Seite zu sein. Er habe ihn, den prominenten Journalisten, nur feuern müssen, weil der Druck zu groß geworden sei. In einer Rückblende ist zu sehen, wie Johann das Redaktionsbüro unter dem Beifall seiner Kollegen verlässt. Auch dies nur ein kleiner Dreh in die Zukunft. Wenn gegenwärtig journalistische Texte im Internet so gestaltet werden, dass eher durch gewisse Reizworte als durch seriöse Inhalte viele Aufrufe erzielt werden sollen, ist das möglicherweise ein Anzeichen beginnender Korruption. Aus dem nur knapp in die Zukunft gedachten Fernsehfilm spricht ein Plädoyer für Haltung. Nicht laut und demonstrativ, sondern schlüssig in das Geschehen integriert und ohne aufgesetzten Idealismus. Denn im klug aufgelösten Finale zahlt es sich nicht für alle Beteiligten aus, dass sie in entscheidenden Momenten Haltung bewiesen haben.

Der Stoff hat eine interessante Vorgeschichte. Redaktionen von NDR und SWR baten deutsche Schriftsteller um eine Kurzgeschichte in der Tradition der utopischen Fernsehfilme der Siebziger wie „Smog“, „Welt am Draht“ oder „Fleisch“. Ausgewählte Beiträge sind unter dem Titel „2029 – Geschichten von morgen“ bei Suhrkamp erschienen. Verfilmt wurden bislang fürs Fernsehen „Exit“ (ARD/SWR; vgl. MK-Kritik) und fürs Kino „Ich bin dein Mensch“. Bei der letzteren Produktion handelt es sich um Maria Schraders Adaption einer Vorlage von Emma Braslavsky; Thema ist die Beziehung einer Frau zu einem humanoiden Roboter. Der Film wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und ist als deutscher Kandidat für die Oscars 2022 angemeldet. Nun also folgte mit „Das Haus“, nach einer Kurzgeschichte des „Spiegel“-Redakteurs Dirk Kurbjuweit, die dritte Verfilmung eines Beitrags aus der „2029“-Reihe.

17.12.2021 – Harald Keller/MK

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