Olli Dittrich/Tom Theunissen: Das FIFA-Märchen. Fragen an Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war (ARD/WDR)

Und dann sprach im Fernsehen ein anderer für den Abgetauchten

13.11.2015 •

13.11.2015 • Seit Wochen hat ihn niemand gesehen. Beim Pay-TV-Sender Sky, für den er als Fachmann normalerweise mindestens alle zwei Wochen Rede und Antwort steht oder im Studio sitzt, taucht er derzeit nicht auf. Auf den Veranstaltungen, zu denen die Prominenz angekarrt wird und für die er sein Exil in Österreich ab und an verlässt, wird er vermisst. Interview-Anfragen aller Art werden negativ beschieden. Franz Beckenbauer ist aus den Medien, die er mindestens so liebt wie sie ihn, verschwunden. Der Grund ist offensichtlich. Beckenbauer möchte zu den Vorkommnissen rund um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland nichts sagen. Er möchte auch nichts sagen über jene 10 Mio Schweizer Franken (6,7 Mio Euro), die der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus dem Deutschen Fußball-Bund einst geliehen und die der DFB Jahre später über den Weltfußballverband FIFA an Dreyfus zurückgezahlt haben will. Den Schuldschein für diesen Kredit soll Beckenbauer unterschrieben haben.

Franz Beckenbauer kam zu alldem zunächst nur indirekt zu Wort. Etwa in der mittlerweile legendären Pressekonferenz vom inzwischen zurückgetretenen DFB-Präsident Wolfgang Niersbach am 22. Oktober in Frankfurt am Main, auf der Niersbach fast nur das berichtete, was ihm Beckenbauer drei Tage zuvor in Salzburg erzählt habe. Am 26. Oktober gab Beckenbauer dann eine dürre Pressemitteilung heraus, in der lediglich stand, dass nichts, was in Sachen WM-Vergabe nach Deutschland geschah, illegal gewesen sei und dass er ansonsten weiter schweigen werde. Schlecht für die Wahrheitsfindung, schlechter noch für viele Sportjournalisten und ganz schlecht für den Abonnementsender Sky, der weiter auf sein Aushängeschild verzichten muss.

Am 5. November sprach dann im Fernsehen ein anderer für den Abgetauchten: Schorsch Aigner alias Olli Dittrich. Der Schauspieler und Comedian Dittrich hatte einst schon in der Show „RTL Samstag Nacht“ Beckenbauer auf wunderbare Weise imitiert. Vor einem knappen halben Jahr entwickelte er für den von ihm geschriebenen und inszenierten Film „Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war“ (vgl. MK-Kritik) die Figur eines Doubles, das, so enthüllt es Schorsch Aigner, seit den 1960er Jahren immer wieder eingesprungen war, wenn der echte Beckenbauer keine Lust oder keine Zeit gehabt hatte. Diese Figur nun aus aktuellem Anlass wieder aufleben zu lassen, war ein programmlicher Scoop, für den der WDR überraschend schnell und spontan reagiert hat und dem die ARD an diesem Donnerstagabend die Sendezeit im Ersten nach den „Tagesthemen“ freiräumte. Wie aktuell die Produktion war, konnte man daran sehen, dass sie auf die Durchsuchungen der DFB-Zentrale in Frankfurt und einiger Privathäuser durch Steuerfahnder Bezug nahm, die erst zwei Tage zuvor stattgefunden hatten.

Den Rahmen des knapp zwanzigminütigen Beitrags mit den Titel „Das FIFA-Märchen“. Fragen an Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war“ (22.45 bis 23.05 Uhr) bildete eine Interview-Situation, in der Tom Theunissen als Journalist Schorsch Aigner und seine Frau Elfriede (Carolin Fink) befragt. Anfangs auf einem Flugfeld und später in dem Privatjet, mit dem das Ehepaar vor dem Presserummel in Deutschland flieht. Denn auch das Beckenbauer-Double leidet unter der WM-Affäre und wird wie das Original von der Presse verfolgt.

Zunächst wehrt Elfriede Aigner das Ansinnen eines Gesprächs vor der Kamera ab. Wie Theunissen dann das Ehepaar überzeugt hat, sich seinen Fragen zu stellen, wird im Film nicht erwähnt. Ob also etwa Rundfunkbeitragsgelder dafür geflossen sind, um das Double zum Sprechen zu bringen, ist reine Spekulation. Das, was Aigner dann erzählt, treibt all das, was der „Spiegel“ an Anklagen vorbrachte und die „Bild“-Zeitung als oberste Verteidigungsinstanz für ihren Gastautor Beckenbauer bislang an absurden Geschichten aufgetischt hat, auf die Spitze.

Es war nämlich nicht Franz Beckenbauer, der den Schuldschein für Robert Louis-Dreyfus unterschrieben hat, sondern sein Beckenbauer-Double. Schorsch Aigner hatte aus Katar jene 10 Millionen Schweizer Franken bekommen, um die avisierte Wahl des katarischen Unternehmers Mohamed bin Hammam zum neuen FIFA-Präsidenten mit seinen, genauer: Beckenbauers Kontakten sicherzustellen. Doch die Wahl scheiterte und Hammam wollte sein Geld zurück, das Aigner aber nicht mehr hatte, so dass Louis-Dreyfus mit seinem Kredit einspringen musste, den dann am Ende der DFB auslöste. Aigner gesteht also ein, dass er statt Beckenbauer den Schuldschein unterschrieben habe, was nicht verwundert, hat er doch jahrzehntelang auch dessen Autogrammkarten perfekt signiert. Beckenbauer selbst, das ist Aigner wichtig, sei der einzige, „der wirklich nichts, aber wirklich auch gar nichts damit zu hat“, ja, er wisse noch nicht einmal etwas von diesem ganzen Geschehen.

So schön diese Schlusspointe war und so gut und trocken, wie sie gesetzt wurde, gab es dann doch – um eine passende Metapher zu wählen – die ein oder andere Durststrecke in der Sendung, vor allem als Aigner in langen Wortgirlanden zugab, als Franz Beckenbauer für die Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar gestimmt zu haben, um im Gegenzug Sand aus der Wüste zu bekommen, den er an Gemeinden in der ehemaligen DDR für Beachvolleyball-Felder und Badestrände verkauft habe. Das Imitationsspiel hat Olli Dittrich mittlerweile so verfeinert, dass er als Schorsch Aigner wie der echte Beckenbauer mit viel Charme minutenlang reden kann, ohne irgendetwas zu sagen. Leider bewies er das in dieser Sendung – die von 1,88 Mio Zuschauern gesehen wurde (Marktanteil: 9,4 Prozent) – etwas zu oft.

Die Inszenierung, der Rahmen der Handlung, die Nebenfiguren waren hingegen – wie immer bei Dittrich – perfekt bis ins Detail (Produktion: Beckground TV). Da nahm beispielsweise Carolin Fink als Aigners Ehefrau im Bildhintergrund pikiert ein Buch in die Hand, als ihr Gatte von Erlebnissen im Harem von Katar erzählte. Und Tom Theunissen spielt das Erstaunen, das sich bei ihm angesichts des Geständnisses einstellt, gekonnt. Es war unterm Strich ein etwas zu lang geratener Spaß, den die „Bild“-Zeitung nun aber nutzen sollte, um endgültig Beckenbauers Unschuld in dieser Angelegenheit zu beweisen – während der „Spiegel“ vermutlich wohl bald enttarnen wird, dass Schorsch Aigner nicht das Double von Beckenbauer, sondern von Olli Dittrich ist.

13.11.2015 – Dietrich Leder/MK