Oliver Schwabe: Helga – Die zwei Gesichter der Feddersen (NDR Fernsehen)

Ein Film, den man nicht so leicht vergisst

09.10.2020 •

Die Erzählmaschine Fernsehen, die täglich unendlich viele – sich allerdings oft ähnelnde – Geschichten hervorbringt, hat selbst eine Geschichte, von der sich gut erzählen ließe, wenn man sich für sie interessierte. Doch das Fernsehen besinnt sich nur im Ausnahmefall der eigenen Herkunft und Entwicklung, etwa wenn sich die bekanntesten Sendereihen wie der ARD-„Tatort“ zu einem Jubiläum jähren. Ansonsten lebt es nur in jenem „Hier und Heute“, das früher einmal eine aktuelle Fernsehsendung des WDR bezeichnete und was heutzutage mit dem Begriff der Aktualität benannt wird. Erst allmählich werden sich die öffentlich-rechtlichen Sender bewusst, welche Schätze in ihren Programmarchiven stecken, wenn diese nicht in besinnungslosen Aktionen, um beispielsweise Platz zu schaffen oder Material wiederzuwenden, zerstört wurden. 

So sind alle Aktionen zu loben, mit denen diese Schätze, die ja von denjenigen, die viele Jahre Rundfunkgebühren entrichteten, finanziert wurden, eben diesen Hörern und Zuschauern und damit der Öffentlichkeit über die Mediatheken zugänglich werden. Radio Bremen präsentiert beispielsweise durch den Schauspieler Bastian Pastewka im Podcast „Kein Mucks!“ Kriminalhörspiele seiner Sendegeschichte. Das TV-Politmagazin „Panorama“ (ARD/NDR) hat viele seiner erhaltenen alten Ausgaben online gestellt. Der Südwestrundfunk (SWR) hat zahlreiche Dokumentarfilme und Dokumentationen der beiden Sender Süddeutscher Rundfunk (SDR) und Südwestfunk (SWF), aus denen er im Jahr 1998 als Fusionsanstalt hervorging, für seine Mediathek hervorgeholt; so kann man dort beispielsweise Filme der Reihe „Zeichen der Zeit“ anschauen.

Zu denen, die sich voller Entdeckerfreude der Fernseharchive angenommen haben, gehört der 1966 in Hannover geborene Autor und Regisseur Oliver Schwabe. Ihn hatte Ende der 1990er Jahre der Redakteur Horst Königstein zum NDR geholt, für den Schwabe eine Reihe von „Videotagebüchern“ herausgab. Später konzipierte Schwabe Sendestrecken mit Fundstücken aus den Archiv, die nachts im Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlt wurden. Schließlich untersuchte er die Geschichte jener „Tatort“-Folgen, die der NDR für die ARD beisteuerte, und der Reihe „Polizeiruf 110“, die von den Anfängen in der DDR bis in die Gegenwart der NDR-Produktionen reicht. Für den WDR rekonstruierte Schwabe 2016 die Geschichte des Punks in Düsseldorf und ein Jahr später die der Fernsehsendung „Rockpalast“.

In seinem jüngsten Film „Helga – Die zwei Gesichter der Feddersen“, der am 6. Oktober im NDR Fernsehen ausgestrahlt wurde (leider sehr spät, von 0.00 bis 1.30 Uhr), beschreibt er die Lebens- und Arbeitsgeschichte einer Schauspielerin, die in sehr unterschiedlichen Rollen und Funktionen von 1960 bis 1990 das deutsche Fernsehen mitgeprägt hat. Vielen ist Helga Feddersen (1930-1990) vor allem als sogenannte „Ulknudel“ bekannt, als eine schräge Frauenfigur, die mit dem Mut zur Hässlichkeit und einem Hang zum schwarzen Humor das betuliche Unterhaltungsfernsehen aufmischte, ob das an der Seite von Dieter Hallervorden in der Sketch-Reihe „Abramakabra“ (ARD, 1972 bis 1976) oder an der Seite von Frank Zander in der „Plattenküche“ (WDR, 1976 bis 1980) geschah.

Doch das ist nur eine Seite ihrer Arbeit, wie Oliver Schwabe in seiner 90-minütigen Dokumentation eindrücklich demonstriert. Denn Helga Feddersen, die in Hamburg geboren wurde und dort zeitlebens verwurzelt war, begann als klassische Schauspielerin, die zu Beginn ihrer Karriere Anfang der 1950er Jahre von einem Stadttheater im Ruhrgebiet verpflichtet wurde und auch in einigen Kinofilmen in der Rolle des patenten Mädchens zu sehen war.

Mit 25 Jahren wurde bei ihr im Gesicht ein Krebstumor entdeckt. Nach dessen operativer Entfernung waren Stränge der Gesichtsmuskulatur zerstört, was in der Konsequenz ihrem Gesicht gerade jene besondere Form verlieh, mit der sie bekannt wurde. Ihr Rollenrepertoire war seither indes eingeschränkt. So erfand sie sich für das aufkommende Fernsehen als Sängerin, die nicht singen, aber den Gesang anderer gut persiflieren konnte, und als Komikerin neu. Gleichzeitig erprobte sie sich als Drehbuchautorin. Sie schrieb alltägliche Geschichten, die sie aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld in Hamburg kannte. Ihr Vater besaß einen Laden für Seemannsbedarf, der als „Sea Shop Carl Feddersen“ heute noch existiert.

In der Werkstatt, die der NDR-Fernsehspielchef Egon Monk in den frühen 1960er Jahren auf dem Gelände von Studio Hamburg errichtet hatte, wurden zwei von Helga Feddersens Drehbüchern verfilmt: „Vier Stunden von Elbe 1“ (1968) und „Gezeiten“ (1970). Beide inszeniert von einem Schauspieler, der aus dem Stadttheaterbetrieb ins Fernsehen geflohen war und der in den 1970er Jahren zu den wichtigsten Regisseuren von ARD und ZDF wurde: Eberhard Fechner.

Schwabe zitiert in seinem Film mehrfach Szenen aus „Vier Stunden von Elbe 1“ und spricht mit dem Kameramann Rudolf Körösi über die Dreharbeiten, die vor Ort in Hamburg und in Brunsbüttelkoog stattfanden. Körösi, der auch bei den frühen Dokumentarfilmen von Klaus Wildenhahn die Kamera führte, legte die Aufnahmen als Plansequenzen an. Er beobachtete die Aktionen der Schauspieler – unter ihnen neben Klaus Höhne, Vadim Glowna, Evelyn Hamann und Rolf Schimpf auch Helga Feddersen – mit der Schulterkamera, also in einem gewissen dokumentarischen Duktus.

In den Ausschnitten, die Schwabe zitiert, scheint die Genauigkeit auf, mit der die sozialen Verhältnisse, aber auch ein alltägliches Sprechen durch Drehbuch und Inszenierung festgehalten wurden. Auffallend für die Zeit auch der multiperspektivische Ansatz: Das Drehbuch von Helga Feddersen folgt mehreren Frauen und Männern, die sich auf privater wie beruflicher Ebene immer wieder begegnen. Wer diesen Film gesehen hat, wird ihn mit seiner Lakonie und seiner Melancholie nicht so leicht vergessen. Das bezeugt im Film von Oliver Schwabe der Schriftsteller und Musiker Sven Regener, der bereits 1991 für seine Band ‘Element of Crime’ und deren Album „Damals hinterm Mond“ einen Song schrieb und sang, der sich auf „Vier Stunden von Elbe 1“ bezieht.

Dass Helga Feddersen an ihren Alltagsgeschichten weiterschrieb, während sie bereits als Fernsehkomikerin bekannt und vertrackterweise auf diese Rolle festgelegt war, beweist der Film „Bismarck von hinten oder Wir schließen nie“, der nach einem Drehbuch von ihr entstand. Den Film inszenierte Joachim Hess 1974 mit Christa Wehling und Hans Jürgen Diedrich in den Hauptrollen. Auch dieser Film erzählte von mehreren Familien, die in jenem Teil von St. Pauli in Hamburg wohnten, in denen man das dortige Bismarck-Denkmal nur von hinten sehen kann. Erzählt wird von Konflikten, von Streitereien, von Liebe und Betrug, von Geldnot und Strukturwandel. Auch auf den Bismarck-Film verweist Schwabe in seiner Dokumentation mit einem kleinen Ausschnitt. Und es wird von einem der vielen Interviewpartner darauf hingewiesen, dass in diesem wie in den anderen Fernsehfilmen, zu denen Helga Feddersen die Drehbücher schrieb, Frauen gleichberechtigt agierten und ihre Probleme und Konflikte ernst genommen wurden.

In ihren komischen Rollen, die sie auch auf dem Boulevardtheater, in Sex-Komödien und in den erwähnten Sketch-Reihen spielte, ist davon wenig zu spüren. Hier geht es darum, Pointen zu setzen und komische Effekte zu erzielen. Um einen guten Gag zu landen, war sich Helga Feddersen für nichts zu schade. Sie liebte, so erklärt es ihr Biograf, das Publikum und dafür tat sie alles.

In den 1980er Jahren eröffnete sie in Hamburg mit ihrem Lebenspartner ein Boulevardtheater, das all das spielte, was selbst der Volksbühne Ohnesorg-Theater zu platt erschien, und erlitt damit ökonomischen Schiffbruch. Gelegentlich wurde sie dann doch in ernsten Rollen besetzt – von Fechner als sadistische Lehrerin in dem ZDF-Zweiteiler „Tadellöser & Wolff“, von Rainer Werner Fassbinder im Kinofilm „Lola“ oder in einer der von Jürgen Roland inszenierten Folgen der ARD‑Krimiserie „Großstadtrevier“. Gesundheitlich ging es Helga Feddersen seit Ende der 1970er Jahre immer schlechter. In einem Dokumentarfilm, den der amerikanische Filmemacher Richard Leacock drehte, der mit ihr seit den 1960er Jahren befreundet war, ist sie bis auf die Knochen abgemagert zu sehen. Aber noch will sie der Kamera zeigen, wie sie lebt – eine Szene, die selbstironisch und also komisch und tragisch zugleich ist.

Oliver Schwabe spart in seinem Porträt die Schattenseiten nicht aus. Sein Bild der Helga Feddersen ist differenziert gezeichnet und lebt von dem, was er in den Fernseharchiven von ihr und über sie entdeckte. So könnte man zum Beispiel allein anhand ihrer Talkshow-Auftritte, die der Film zitiert, eine kleine Geschichte dieses Genres und seiner Moderatoren schreiben. Von Joachim Fuchsberger bis Karl Dall. Wichtiger wäre es allerdings, sich der Autorin Helga Feddersen zu erinnern. Der NDR könnte dies zum Anlass nehmen, einmal wieder die Fernsehfilme, die sie schrieb, zu zeigen. Es sind Produktionen, auf die der NDR stolz sein kann. Wenn sich der Sender ihrer nur bewusst wäre. (Der Film von Oliver Schwabe steht in der NDR-Mediathek weiterhin zum Abruf bereit.)

09.10.2020 – Dietrich Leder/MK

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