Oliver Mayer: Alex Meier – mein Weg zum Fußballgott (HR Fernsehen)

Zelebriertes Gefühl

22.12.2020 •

Und dann ist für Eintracht Frankfurt, den Bundesligisten aus der Mainmetropole, doch noch ein Fußballmärchen wahr geworden. 2018 gewann die Mannschaft, wegen ihrer Wechselhaftigkeit als „launische Diva“ verschrien, überraschend den DFB-Pokal durch einen 3:1-Sieg im Endspiel im Berliner Olympiastadion gegen Bayern München. Der erste Titel für die Eintracht seit einer gefühlten Ewigkeit! Doch im Trubel dieser Sensation, die unter anderem in der überraschend erfolgreichen Kinodokumentation „Die Rückkehr des Pokals – Der Film“ von Jan Martin Strasheim und Franziska Rappl gefeiert wurde, ging eine Schlüsselfigur, die das Schicksal der Eintracht in der vergangenen Dekade maßgeblich mitprägte, nahezu vollkommen unter: Alex Meier saß bei diesem denkwürdigen Finale am 19. Mai 2018 nicht einmal mehr auf der Reservebank.

Kurz nach dem Pokalgewinn wechselte der Stürmer, der lange auch Kapitän der Eintracht war, nach einem kurzen Intermezzo beim Zweitligisten FC St. Pauli für ein Jahr nach Australien und beendete schließlich seine Karriere, in deren Verlauf er dem Frankfurter Klub sage und schreibe 14 Jahre lang die Treue gehalten hatte. Aufgrund seiner verblüffenden Treffsicherheit wurde der anfangs nicht wirklich beliebte Spieler von den Fans schließlich ehrfürchtig zum „Fußballgott“ getauft. Diese seltsame Mischung aus Euphorie und Melancholie macht der HR-Moderator und -Sportreporter Oliver Mayer spürbar in seiner Dokumentation „Alex Meier – mein Weg zum Fußballgott“, die das Dritte Programm HR Fernsehen als Sondersendung seines Sportformats „Heimspiel“ ausstrahlte.

Der halbstündige Film erfindet nicht gerade das Rad der Sportdokumentation neu. Er ist ungefähr so, wie man es erwartet hätte. Mit der Kamera begleitet er den heute 37-jährigen Meier in sein Heimatdorf Buchholz nahe Hamburg. Gezeigt wird dabei auch jener Bolzplatz, auf dem er als kleiner Junge mit seinem Vater täglich trainierte. „Nimm die Innenseite“, habe der Vater ihm beim Torschuss geraten. Meier hat dies beherzigt. Die Innenseite wurde sein Markenzeichen.

Trainer und ehemalige Mitspieler kommen zu Wort. Anekdoten, schräge Geschichten, Aussetzer? Fehlanzeige. In seiner gesamten Laufbahn war Alex Meier ein zurückhaltender, öffentlichkeitsscheuer Mensch. Ein Musterprofi. Genau dieses Image, das eigentlich kein Image ist, sondern Authentizität, vermittelt Film. Wenn Meier zu Hause auf der Couch sitzt und auf seine aktive Zeit zurückblickt, dann ist das Understatement dieses Mannes mit dem Pferdeschwanz kaum zu übertreffen.

Der Film bewahrt diese Stimmung. Mit Spielszenen, die Meiers Torinstinkt illustrieren, geht die Dokumentation sparsam um. Eine Schlüsselszene mit Gänsehaut-Faktor darf natürlich nicht fehlen: Als Meier, nach mehrmonatiger Verletzungspause endlich genesen, am 5. Mai 2018 letztmals für eine Bundesliga-Partie der Eintracht im Kader war und auf der Ersatzbank saß, wechselte der damalige Trainer Niko Kovač ihn im Heimspiel gegen den abstiegsbedrohten Hamburger SV erst wenige Minuten vor Schluss ein. Jeder im Stadion hielt den Atem an. Jeder hoffte auf ein Wunder. Würde es geschehen? Als Meier dann in der Nachspielzeit tatsächlich noch einmal eines dieser unnachahmlichen Alex-Meier-Tore gelang, stand das Stadion Kopf. Erwachsene Männer hatten Tränen in den Augen.

Dieses Gefühl zelebriert die Dokumentation. Allerdings auf kleiner Flamme, ohne zu dick aufzutragen. Wenn der Fußballer selbst über diesen Ausnahmemoment spricht, so klingt das wiederum eher nüchtern. Er habe in seiner Laufbahn als Profi eben das, was er am liebsten tut, beruflich machen können. Punkt. Viel mehr sagt er nicht. Trotzdem kommt man in diesen 30 Filmminuten dem Menschen Alex Meier ein klein wenig näher. Wo andere Profis mit teuren Autos protzen oder in sozialen Netzwerken unterwegs sind, geht Alex Meier lieber mit seinem Golden Retriever „Alf“ am Mainufer spazieren.

Emotionen und Turbulenzen? Gab es in der Karriere dieses Fußballers, der aufgrund seiner ungewöhnlichen Körpergröße (1,96 Meter) nicht gerade elegant wirkte, auch. Einmal. Als Meier in der Saison 2014/15 Torschützenkönig der Fußball-Bundesliga wurde, erhielt er ein „millionenschweres Angebot“ aus China. Vor der Kamera erklärt Heribert Bruchhagen, von 2003 bis 2016 Vorstandsvorsitzender bei Eintracht Frankfurt, er habe dem in Fernost begehrten Spieler, als der bei ihm wegen des gewünschten Wechsels vorsprach, einfach gesagt: „Meier, hau ab. Geh trainieren“. Man hat ihm ganz einfach verboten, den Verein zu wechseln. Welcher Profi würde sich das heute noch bieten lassen?

In „Alex Meier – mein Weg zum Fußballgott“ rekonstruiert Oliver Mayer eine Mischung aus Vereinstreue und Bescheidenheit, die im hochbezahlten Profigeschäft wohl einzigartig, zumindest aber nur noch sehr selten ist. Sein Film ist eine ausgewogene Mischung aus Sportdokumentation und Porträt. In manchen Szenen hätte man vielleicht etwas mehr über den Hintergrund des Spielers zu erfahren gewünscht. Es fehlt auch ein Seitenblick auf jene nicht gerade kleine Demonstration von Fußballfans, die nach Meiers Ausbootung in Frankfurt im Juni 2018 für die Weiterbeschäftigung ihres Lieblingsspielers auf die Straße gingen. Unter dem Strich ist diese Dokumentation jedoch ein würdiger, gleichzeitig aber auch trauriger Abschied – von einem Fußballgott.

22.12.2020 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 19-20/2021

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