Noch mehr Europa: Arte stellt neue Projekte vor und will weiter Vorreiter sein

09.03.2018 • Das Jahr 2017 war, gemessen in Marktanteilen, hierzulande das bisher erfolgreichste Jahr für den in Straßburg ansässigen deutsch-französischen Fernsehsender Arte. Im vergangenen Jahr konnte Arte seinen Marktanteil auf 1,1 Prozent erhöhen – eine Steigerung von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dies gab der Arte-Vorsitzende Peter Boudgoust, im Hauptberuf Intendant des Südwestrundfunks (SWR), am 7. Februar in Hamburg auf der Jahrespressekonferenz von Arte bekannt. Etwas eindrucksvoller noch ist der Zugewinn bei den monatlichen Videoabrufen auf der Arte-Website. 37 Mio Abrufe waren es im Schnitt, rund 50 Prozent mehr als 2016. „Ein gutes Drittel“ der monatlichen Abrufe entfalle auf Online-Only-Formate, erklärte Boudgoust und fügte hinzu: „Das treibt uns weiter an, auch im Digitalbereich Vorreiter zu sein.“

In diesem Bereich für Aufmerksamkeit sorgen will Arte im laufenden Jahr mit der Produktion „Geschichten aus Jerusalem: Glaube • Liebe • Hoffnung • Angst“. So lautet der Titel einer fiktionalen Serie von Dani Levy, bei der die 360-Grad-VR-Technik zum Einsatz kommt. Die Serie besteht aus vier Kurzfilmen, die ab Mai 2018 in der 360-Grad-VR-App von Arte und auf der Website des öffentlich-rechtlichen Senders verfügbar sein werden. Am 18. Februar waren die Filme im Rahmen der diesjährigen Berlinale (15. bis 25. Februar) bereits im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen.

Mehr Dokumentarfilme

Eine der Devisen, die Arte-Präsident Boudgoust in Hamburg für 2018 ausgab, lautete: „Noch mehr Europa!“ Im vergangenen Jahr gelang das mit einer besseren Positionierung des „Arte Journals“, der „einzig wirklich europäischen Nachrichtensendung“, wie der seit Beginn des Jahres 2018 amtierende Arte-Programmdirektor Bernd Mütter bei der Veranstaltung betonte. Seitdem man im März 2017 den Sendebeginn von 19.10 auf 19.20 Uhr verschoben habe – um 19.20 Uhr endet „Heute“, die Hauptnachrichtensendung des ZDF –, verzeichne das „Arte Journal“ einen Zuschauerzuwachs von 30 Prozent. 250.000 Menschen schalten in Deutschland täglich ein. „Gerade in dem Moment der europäischen Krise“ sei das doch bemerkenswert, meinte Bernd Mütter.

Mehr Europa – das bedeutet in diesem Jahr unter anderem eine Ausweitung des Online-Angebots „Arte Europe“, in dem ausgewählte Programme in englischer, spanischer und polnischer Sprache zugänglich gemacht werden. Ab Herbst 2018 kommt mit Italienisch eine weitere Sprache hinzu.

Im Zeichen der Stärkung der Europäisierung steht auch ein 3 Mio Euro umfassendes Finanzierungsprogramm für Primetime-Koproduktionen im Dokumentarfilmbereich. Bis zu sechs zusätzliche 90-minütige Dokumentarfilme pro Jahr sollen dadurch ermöglicht werden, sagte Boudgoust. Filmemacher aus ganz Europa können sich ab sofort bewerben. Das Förderprogramm kann man auch als Reaktion darauf verstehen, dass Filmemacher schon seit langem massiv den geringen Anteil langer Dokumentarfilme in den öffentlich-rechtlichen Programmen kritisieren – wie etwa im Sommer vergangenen Jahres in der „Stuttgarter Erklärung“ (vgl. MK-Meldung).

Zum Ende des Ersten Weltkriegs

Als ambitioniertestes Projekt im diesjährigen Arte-Programm kann die im September startende Reihe „18 – Krieg der Träume“ gelten, die den 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs zum Anlass hat. „Danach hatten 16 europäische Länder demokratische Verfassungen, 20 Jahre später waren es nur noch zwei“ – mit diesen Worten skizzierte Markus Nievelstein, Geschäftsführer von Arte Deutschland, den thematischen Hintergrund der internationalen Koproduktion. Die unter Beteiligung von Sendern aus elf Ländern entstandene Reihe, bei der auf deutscher Seite der SWR federführend ist, hat den Anspruch, den „Clash of Futures“ – so lautet der treffendere englische Titel des Projekts – in der Zwischenkriegszeit zu beschreiben. Dies geschieht auf der Basis von Memoiren, Tagebüchern und Briefen aus jener Zeit – ähnlich wie 2014 bei der unter Beteiligung von Arte und verschiedenen ARD-Anstalten entstandenen Großproduktion „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ (vgl. FK-Heft Nr. 21/14). „18 – Krieg der Träume“ sei „erzählt wie eine fiktionale Serie“, so Markus Nievelstein, dazu trügen insgesamt 120 Schauspieler bei.

Über die Fernsehausstrahlung hinaus wird es verschiedene Buchveröffentlichungen geben, eine vierteilige Hörfunkreihe („18 – Krieg der Träume“ bei SWR 2) sowie eine Hörbuch- und eine Fernsehreihe speziell für den Unterricht in Schulen. Nicht zuletzt wird ein auf einer gesonderten Website präsentiertes Multimediaprojekt die Fernsehproduktion begleiten.

Eine Amtsenthebung durch die EU

Der Tag der Jahrespressekonferenz, der 7. Februar, war noch aus einem anderen Grund ein wichtiger Tag für Arte. An diesem Tag enthob das EU-Parlament in Straßburg den polnischen Abgeordneten Ryszard Czarnecki von seinem Posten als Vizepräsident. Dies war die indirekte Folge einer Reportage aus der Arte-Reihe „Re:“, die der Sender unter dem Titel „Polen vor der Zerreißprobe – Eine Frau kämpft um ihr Land“ (Autorin: Annette Dittert) erstmals am 21. Dezember 2017 gezeigt hatte. Nach der Ausstrahlung des noch bis zum 20. März in der Arte-Mediathek abrufbaren Films hatte Czarnecki dessen Protagonistin, die regierungskritische polnische Politikerin Róza Thun, als „Szmalcownik“ beschimpft. Der Begriff bezeichnet in Polen Personen, die während des „Dritten Reichs“ Juden an Nazis verrieten. Diese Entgleisung Czarneckis veranlasste das EU-Parlament zur Amtsenthebung. Die werktägliche Reihe „Re:“ läuft nunmehr seit rund einem Jahr bei Arte; sie startete am 13. März 2017 (vgl. hierzu diese MK-Kritik und diesen MK-Artikel).

Arte hatte im Übrigen seine Kooperation mit dem polnischen Fernsehen TVP Ende Januar 2016 bis auf Weiteres ausgesetzt. Zur Begründung für diese Maßnahme verwies der Sender auf das von der nationalkonservativen Regierungsmehrheit im polnischen Parlament Ende 2015 verabschiedete umstrittene Mediengesetz, das die Sendeanstalten Telewizja Polska (TVP) und Polskie Radio (PR) in eine Art Regierungsrundfunk umgewandelt hat (vgl. diese MK-Meldung und diese MK-Meldung).

09.03.2018 – René Martens

Print-Ausgabe 16/2018

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