Nina Mair/Robert Jahn/Martina Treuter/Jan M. Schäfer/Jean Boué/Jan Tenhaven: Dieses bunte Deutschland. Über den Mut nach der Flucht (ARD/SWR/RBB)

Vier Asylbewerber, vier Schicksale

23.06.2017 •

23.06.2017 • Man kann dem deutschen Fernsehen kaum anlasten, das Thema Migration nicht angemessen zu würdigen. Woche für Woche widmen sich Talkshows, Reportagen und Dokumentationen der Einwanderung nach Deutschland. Doch einzelne Flüchtlinge kommen darin so gut wie gar nicht vor. Und wenn doch, geraten die entsprechenden Berichte über Momentaufnahmen kaum hinaus. Vor diesem Hintergrund ist das Konzept dieses 90-minütigen Dokumentarfilms, das konkrete Schicksal von vier Asylbewerbern in verschiedenen Bundesländern über ein ganzes Jahr lang zu begleiten, per se ein löbliches Unterfangen.

Erste Protagonistin ist die Syrerin Samiha, eine ausgebildete Maschinenbauerin, die in einer Flüchtlingsunterkunft im schwäbischen Leutkirch gelandet ist und die davon träumt, in Deutschland ein Studium zur Ingenieurin absolvieren zu können. Dann ist da der 17-jährige Said aus Afghanistan, der in einem Heim für unbegleitete Jugendliche im sächsischen Pirna lebt und gern Tischler werden möchte. Dritter Protagonist ist der Unternehmer Hasan, der vor seiner Einberufung zur syrischen Armee die Flucht ergriff, Frau und Kinder zurücklassen musste und nun in Berlin bei seinen Eltern lebt. Und als Vierte ist da noch die Tschetschenin Zainap, die nach der Ermordung ihres Mannes ihre Heimat verließ und jetzt im Kindergarten eines brandenburgischen Dorfes aushilft.

Allen vier Flüchtlingen ist gemein, dass zu Beginn des Films ihre Asylanträge noch nicht bearbeitet sind oder sie zumindest noch keinen Bescheid dazu erhalten haben. Das sorgt in der Dramaturgie des Dokumentarfilms für ein durchgehendes Spannungsmoment, da jeder Gang zum Briefkasten zur Gratwanderung zwischen Hoffen und Bangen wird. Überhaupt machte der Film deutlich, dass die Situation von Neuankömmlingen in Deutschland in erster Linie aus Warten besteht, wobei sie in der Regel auch noch zur Untätigkeit verdammt sind. Wenn man dann noch wie Samiha und Said in der Enge eines Heims lebt, wo auch die anderen Mitbewohner denselben Bedingungen unterworfen sind, kann Langeweile zur Tortur werden.

Auf der anderen Seite hat das Team der Filmemacher für diese Langzeitbeobachtung zwar höchst unterschiedliche Protagonisten ausgewählt, es sind jedoch alles Flüchtlinge, die möglichst schnell, um den Filmtitel zu zitieren, in „diesem bunten Deutschland“ Fuß fassen möchten. Am zielstrebigsten ist dabei Samiha, die Deutsch büffelt, im Lauf des Films eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre erhält, ein Praktikum macht, anschließend sogar einen Job und eine eigene Wohnung findet und sich Hoffnungen auf den avisierten Studienplatz machen darf. Auch bei Said und Zainap geht es langsam aufwärts. Er findet eine Lehrstelle, sie bekommt einen bezahlten Job im dörflichen Kindergarten.

Lediglich bei Hasan ergeben sich keine nennenswerter Fortschritte. Seine Frau lebt in der syrischen Hauptstadt Damaskus jetzt mit einem anderen Mann zusammen und zieht, wie im Film berichtet wird, mit den Kindern in ein Viertel ohne Zugang zum Internet – weshalb Hasan mit seinem älteren Sohn auch nicht mehr via Skype Kontakt halten kann. Hasans sehnlicher Wunsch, die Söhne möglichst bald nach Deutschland zu holen, bleibt ein Tagtraum, solange über seinen Asylantrag noch nicht entschieden ist.

Neben den vier Hauptfiguren kommen hier aber auch immer wieder einige der Helfer zu Wort, die ihre Schützlinge durch den Alltag begleiten und die deutlich machen, dass viele Flüchtlinge ohne engagierte Ehrenamtler in Deutschland kaum eine realistische Chance auf eine rasche Integration haben. Keine sonderlich schöne Perspektive. Zumal im Film bereits viele Helfer über nachlassende Unterstützung und persönliche Erschöpfung klagen.

Formal nimmt sich diese Langzeitbeobachtung eher unspektakulär aus. Man erkennt die unterschiedlichen Handschriften der beteiligten fünf Autoren und sieben Kameramänner (Regie: Jan Tenhaven). Doch die vielfach betulichen Off-Kommentare („So schwierig Hasans Situation auch ist, im Glauben findet er Gemeinschaft, Halt und Hoffnung“) hätte es eigentlich gar nicht gebraucht. Zumal sie das Gesehene oft nur verdoppeln. Ähnliches gilt für die Musik, mit der immer wieder Szenen, die ohnehin schon ausdrucksstark sind, zusätzlich emotional unterfüttert wurden. Und dass da zwischendurch immer wieder mal Tafeln mit Hass-Mails aus den sogenannten sozialen Netzwerken durchs Bild schwebten, dürfte ebenso dem Bemühen der Macher um visuelle Auflockerungen geschuldet sein wie die nicht mehr neue Idee, Ortsangaben mittels Google-Earth-Technik einzustreuen.

Unter dem Strich ändern diese überflüssigen technischen Spielereien nichts daran, dass es sich hier um eine überaus verdienstvolle und gute Langzeitbeobachtung handelt, die nachvollziehbar machte, was der im Filmuntertitel benannte „Mut nach der Flucht“ für die betroffenen Menschen bedeutet. Öffentlich-rechtliches Fernsehen dieser nachhaltigen Art ist wichtig und notweniger denn je.

23.06.2017 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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