Nina Grosse: Nicht tot zu kriegen (ZDF)

Nostalgische Hommage

18.08.2020 •

Ein schönes, wenn auch ungleiches Paar bilden diese beiden: Die alternde Schauspieldiva Simone Mankus (Iris Berben) und der so virile wie schweigsame Personenschützer Fallner (Murathan Muslu). Sie noch immer attraktiv, vom Erfolg längst vergangener Tage zehrend, er nach außen hin stark und kontrolliert auftretend, aber von inneren Dämonen zerfressen. Auf der Suche nach Halt sind sie beide und zumindest eine Zeitlang werden sie den beieinander auch finden – ganz platonisch, auch wenn die Luft zwischen ihnen beständig flirrt.

Simone hat Fallner engagiert, nachdem ein früherer Stalker wieder aufgetaucht ist, der sie mit übel zugerichteten Barbie-Puppen und bedrohlichen Anrufen quält. Doch der Bodyguard, der gerade – wie sich peu à peu herausstellt – wegen eines tödlichen Zwischenfalls bei einem Einsatz vom Polizeidienst suspendiert ist, versagt, als der Stalker gleich in der ersten Nacht im Garten von Simones Grünwalder Villa auftaucht. Die Erinnerungen an jenen aus dem Ruder gelaufenen Einsatz hemmen Fallner. Ein Trauma, für das der Film von Drehbuchautorin und Regisseurin Nina Grosse ein stimmiges Bild findet: Der „Geist“ des 18-jährigen Dealers, den Fallner an jenem Tag erschoss, verfolgt ihn, sitzt plötzlich in einem nahen Bushäuschen oder gar am eigenen Küchentisch und kommentiert kritisch Fallners Tun.

Der Film „Nicht tot zu kriegen“ (so die im Filmtitel eingeblendete Schreibweise; statt richtig: „totzukriegen“) ist denn auch mehr Drama als Thriller. Die zentrale Frage ist hier nicht so sehr, wer Simone verfolgt und ihr mit drastischen Mitteln ihr Altern vorwirft: „Du warst ein goldenes Mädchen. Nun bist du alt!“, sagt er einmal am Telefon zu ihr. Die zentrale Frage ist, wie Simone und Fallner wurden, wer sie sind, was aus ihrem Aufeinandertreffen erwächst und ob und wie sie aus ihren seelischen Krisen herausfinden. Natürlich geht es schon auch darum, die konkrete Bedrohung der einstigen Großschauspielerin aufzulösen. Doch verfolgen Regie und Drehbuch (nach dem Roman „Ein Schlag ins Gesicht“ von Franz Dobler) die Frage nach dem Stalker eher halbherzig und etwas unkonzentriert – so richtig spannend gerät die Täter­suche in diesem 95-minütigen Film jedenfalls nicht.

Der psychologischen Ebene und damit verbunden der unbestritten großen Schauspielkunst von Iris Berben, aber auch des in der Bodyguard-Rolle ebenfalls perfekt besetzten Murathan Muslu räumt der Film hingegen großen Raum ein. Und er findet dafür starke, stilbewusste Bilder (Kamera: Alexander Fischerkoesen). Schön auch, dass nicht jeder Charakterzug und jede Wendung bis ins Letzte auserzählt werden, der Film Freiräume lässt.

Großes Gewicht haben hier auch Setting, Kostüm, Soundtrack und Zeitkolorit. Denn „Nicht tot zu kriegen“ spielt zwar in der Jetztzeit, Simone Mankus aber hatte ihre großen Momente als Schauspielerin in den 1970er Jahren. Und das sieht und merkt man der liebevoll gestalteten Einrichtung ihres Bungalows, merkt man ihrer Kleidung, ihrem Habitus und der Musik an, die sie hört und singt, das ist alles sehr stimmig. Zudem sind diverse Ausschnitte aus zahlreichen „Simone-Mankus-Filmen“ zu sehen, die natürlich alle Iris-Berben-Filme sind: von Rudolf Thomes „Supergirl – Das Mädchen von den Sternen“ über Markus Imbodens „Frau Rettich, die Czerni und ich“ bis zu Matti Geschonnecks „Duell in der Nacht“. „Nicht tot zu kriegen“ versteht sich schon sehr deutlich als nostalgische Hommage an die lange Karriere der Berben und als Verbeugung vor der Schauspielerin, die zwei Tage nach der Ausstrahlung des ZDF-Films 70 Jahre alt wird.

Auch die mediale Persona von Simone Mankus überschneidet sich (wenn auch in stark überspitzter Form) mit jener von Iris Berben. Simone ist ein gealtertes Hippiemädchen, was ein augenzwinkernder Verweis ist auf die Anfänge von Iris Berben im Umfeld der Studentenszene und des wilden Schwabinger Zeitgeistes am Übergang von den 1960er zu den 1970er Jahren. Freilich ist Iris Berben anders als die Filmfigur Simone Mankus nicht in der Vergangenheit steckengeblieben und hat sich nicht nur darstellerisch, sondern im Lauf der Jahrzehnte auch in ihrem (film)politischen Engagement weiterentwickelt. (Zudem darf man vermuten, dass die echte Iris Berben nie wie ihr Film-Alter Ego darüber nachgedacht hat, ihre Prominenz gegen Geld in einem Reality-TV-Format verheizen zu lassen.)

Und wie Iris Berben hat auch Simone Mankus einen unehelichen Sohn, dessen leiblichen Vater sie vor der Welt geheim hält: Jonas (Barnaby Metschurat) ist eine tragisch-gescheiterte Figur, verstrickt in eine symbiotische Hassliebe zur Mutter und ökonomisch abhängig von ihr. Der ‘echte’ Sohn hingegen, der erfolgreiche Filmproduzent Oliver Berben, hat mit seiner Firma Moovie auch diesen Film seiner Mutter produziert wie schon zahlreiche andere Filme mit ihr. So ist die fiktive Mutter-Sohn-Beziehung von Simone und Jonas ein schöner selbstironisch-spielerischer Umgang mit dem eigenen öffentlichen (Familien-)Bild.

In vielem ist „Nicht tot zu kriegen“ sehr gelungen. Dennoch bleibt bei diesem Film (4,79 Mio Zuschauer Marktanteil: 18,5 Prozent) durch die schwachbrüstige Thriller-Ebene und die ein oder andere unüberzeugende Wendung ein insgesamt etwas disparater Eindruck. Da hat Nina Grosse schon deutlich ‘rundere’ Filme gedreht, etwa „In der Falle“ (ARD/NDR), der 2015 erstausgestrahlt wurde (vgl. MK-Kritik) und der auch einen starken Bezug zu realen Begebenheiten hatte (nämlich den Vorgängen um die versuchte Erpressung von Susanne Klatten), oder beispielsweise die Krimi-Miniserie „Die Protokollantin“ (ZDF), letztere ebenfalls von Moovie produziert und mit Iris Berben in der Hauptrolle.

18.08.2020 – Katharina Zeckau/MK

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