Nina Blum/Klaus Witting: Herz über Kopf. Crimenovela (RTL)

Verliebt in Köln

30.09.2019 •

Es passiert in Folge 1 zwischen Autowrack und Kornfeld: Der schöne Robert rettet Kathi und ihre beiden Kinder aus dem brennenden Wagen und sogleich ist es um die alleinerziehende Kosmetikerin geschehen – die Liebe hat sie erwischt. Die Zeitlupe streckt noch diesen magischen Moment in Minute 13, wenn sich die beiden Hauptfiguren der neuen RTL-Nachmittagsserie „Herz über Kopf“ einen Tick zu lang in die blauen Augen schauen. Man muss kein Hellseher sein, nur ein geübter Telenovela-Gucker, um vorauszusehen: Die beiden enden ganz bestimmt vor dem Traualtar, ganz zum Schluss in Episode 180 – wenn RTL bis dahin durchhält.

„Herz über Kopf“ ist von der Grundkonstellation her einer jener abgeschlossenen TV-Liebesromane, die in Südamerika erfunden wurden und dann mit der Sat-1-Interpretation „Verliebt in Berlin“ 2005 auch ins hiesige Fernsehen Einzug hielten (vgl. FK-Heft Nr. 11/05). Egal, was folgte, ob „Sophie – Braut wider Willen“ (ARD), „Lotta in Love“ (Pro Sieben), „Bianca – Wege zum Glück“ (ZDF) oder auch „Alles was zählt“ (RTL) – immer stand das romantische Versprechen im Vordergrund, dass sich zwei Liebende durch 100 plus x Folgen schmachten, bis sich Intrigen, Missverständnisse und Eifersüchteleien im Wohlgefallen einer Hochzeit auflösen.

Die Welt hat sich seit dem Telenovela-Hype Mitte der 2000er Jahre indes weitergedreht. So altmodisch, so kitschig, so wider den emanzipatorischen Zeitgeist darf eigentlich nicht mehr erzählt werden, außer am Sonntagabend in den „Herzkino“-Filmen des ZDF. Deshalb ist die Love Story von „Herz über Kopf“ nicht mehr so pink geraten wie ihre Vorgänger und deren Protagonistin Kathi Bender nicht mehr so jung und naiv wie Lisa Plenske & Co.; stattdessen überrascht die RTL-Telenovela mit einem Krimi-Strang. Und der geht so:

Manuel Bender, Kathis Angetrauter und Vater ihrer beiden Kinder Marie und Kai, ist vor zwei Jahren von einem Tag auf den anderen aus dem perfekten Glück in Köln nach Afrika abgehauen und hat die Familie auf Schulden sitzen lassen. Kurz vor seinem Verschwinden war er noch in einen Juwelenraub verwickelt, bei dem ein Polizist ums Leben kam, nämlich Roberts Vater. Kathis Retter, selber Polizist, hat seither die Bestrafung des Vatermörders fest im Kopf, aber plötzlich die Liebe zu dessen Ehefrau im Herzen. Und dann taucht, schon in Folge 5, Manuel wieder auf und will Kathi zurück samt dem „Bergmann-Gold“ aus dem Juwelierladen, das er unter einem Campingplatz verbuddelt hat und mit dem er nun die Operation für seinen im Rollstuhl sitzenden Sohn Kai bezahlen will…

Ein spektakulärer Autocrash nach Art der Action-Spezialisten der RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“, ein Polizist in der Rolle des Romeo-Agenten, der das Telefon seiner Geliebten verwanzt, und ein zwielichtiger Familienvater, der mit dem Spaten nach dem Goldschatz gräbt – uiuiui, das ist für den Serienstart schon harter Krimi-Tobak, den sich die neue Kreativschmiede The Fiction Syndicate (TFS), eine Abspaltung der Produktionsfirma Filmpool, als erstes Auftragsprojekt ausgedacht hat. Es läuft unter der Bezeichnung „Crimenovela“. Konkret am Werk dieses wilden Genre-Mix waren die Serien-Experten Klaus Witting (Regie) und Nina Blum (Headautorin); beide arbeiteten bereits für die seit September 2006 laufende RTL-Telenovela „Alles was zählt“. Bei „Herz über Kopf“ achten sie darauf, dass bei aller Krimi-Dramatik der Romantik-Faktor nicht zu kurz kommt. Da müssen die Hauptdarsteller Felix Maximilian (Robert) und Mandy Neidig (Kathi) eben durch und sich schon mal triefend verliebt unterm Rasensprenger küssen.

Genau, sowas ist seicht und seifig. Die Dialoge zur Romantik im Bild kommen wie aus der Schnulzenschreibfabrik: „Ich finde, du hast es verdient, dass du dich jeden Tag so wohlfühlst.“ Und die Figurenzeichnung, na ja, Schablonen halt. Es versammeln sich: die patent alleinerziehende Mutter, die lebenslustige Schwester, die pubertierende Tochter, außerdem die sexy Staatsanwältin, allzeit bereit, dem Kommissar an die Wäsche zu gehen, und der Bad Cop, Roberts Chef, der sich wie ein Gauner geriert. Alles ist schön übersichtlich und gar nicht kompliziert erzählt. Neu- und Wiedereinsteigern in die Serie erleichtern Kurzresümees der vorangegangenen Folge das Dranbleiben. Natürlich hält die Crime-Story wie so oft im fiktionalen Fernsehen – echte Polizisten sind dieses Leid gewohnt – dem Realitätscheck nicht stand. Seit wann dürfen Kommissare, bitteschön, in eigener Angelegenheit ermitteln? Schon mal was von Befangenheit gehört?

Und doch liegt „Herz über Kopf“ über dem üblichen Daily-Soap-Standard, rein optisch gesehen. Das typisch grelle, schattenwerfende Licht in künstlicher Studiokulisse gibt es zwar auch; es findet sich etwa im Beauty-Salon, in dem Kathi arbeitet. Aber es geht noch öfter als in vergleichbaren Serienproduktionen raus aus dem Set an die frische Luft, ins wahre Leben. Dort wird viel Auto und Motorrad gefahren auf Kölns Straßen. Überhaupt kommt Köln, wo die Produktionsfirma TFS ihren Sitz hat, in all seiner Pracht (das Dom-Panorama vom Rheinboulevard aus) und all seiner Schande (Kathis Zuhause in der Niehler Hochhaus-Tristesse) prominent zur Geltung. „Verliebt in Köln“, das hätte sich als Serientitel durchaus angeboten.

Was die Zuschauer von „Herz über Kopf“ betrifft: Da scheint noch nicht mal das Stadium des Verliebtseins erreicht zu sein. Bis jetzt ist keine Liebe zwischen Publikum und Serie in Sicht. Die Marktanteile schwankten in den ersten vier Sendewochen zwischen unerhört niedrigen 4,8 und auch nicht viel hoffnungsfroheren 8,5 Prozent in der umworbenen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen (Durchschnitt: 6,5 Prozent). Dabei sollte die neue Daily, im direkten Vorlauf zur Dauer-Soap „Unter uns“, ein wichtiger Baustein bei der Renovierung (oder: Rettung?) des RTL-Nachmittagsprogramms sein: „Herz über Kopf“ ersetzt um 17.00 Uhr den in jeder Hinsicht schwachen „Sex-and-the-City“-Abklatsch „Freundinnen – Jetzt erst recht!“ nach (immerhin) 160 Folgen. Auf dem 15.00-Uhr-Slot versucht RTL mit „Ran an den Speck – Familien nehmen ab“ eine Abnehm-Doku ans Laufen zu bringen, allerdings auch hier mit mäßigem Erfolg: Die Kalorien purzeln schneller, als die Quote zunimmt.

Mag sein, dass die Rakete bei „Herz über Kopf“ bis Mai 2020, dem Zeitpunkt des geplanten Finales, noch abgeht. Diejenigen wenigen, die es nicht erwarten können, wie die Sache mit Kathie und Robert ausgeht oder ob Manuel seine Angeraute mit selbstgemachtem Curry-Hühnchen zurückerobern kann, haben sieben Tage vor linearer Ausstrahlung Episodenzugriff in der kostenpflichtigen RTL-Mediathek TV Now. Über die Nachfrage dort ist nichts bekannt.

30.09.2019 – Senta Krasser/MK