Nikolaus Leytner: Südpol (ARD/BR/ORF)

Fesselndes Triptychon

30.03.2020 •

Was macht ein Mensch, der überraschend seinen Job verliert? Er teilt die betrübliche Nachricht seiner Familie mit und meldet sich alsbald beim Arbeitsamt. Das ist der Normalfall und deshalb nicht eben spannend. Mit Willy Loman hat Arthur Miller in „Tod eines Handlungsreisenden“ (1949) einen tragischen Helden geschaffen, der mit aller Macht versucht, seine berufliche Misere vor der Familie geheimzuhalten. Auch in Filmen ist ein Arbeitsloser, der weiterhin jeden Morgen mit seiner Aktentasche das Haus verlässt, um seiner Familie zu suggerieren, es sei alles in Ordnung, und dann tagsüber in Parks die Zeit totschlägt, eine durchaus gängige Figur. In dieser Hinsicht ist auch Hans Wallentin im Film „Südpol“ durchaus kein Exot. Ungewöhnlich ist allerdings, wie Autor und Regisseur Nikolaus Leytner das Drama um den gekündigten Manager inszeniert hat.

Es beginnt mit einer Geiselnahme. Ein Zeuge hat beobachtet, wie ein Mann mit gezückter Pistole eine junge Frau in eine Kneipe gedrängt hat. Die Polizei rückt an, sichert das Gelände und wartet auf Forderungen des Geiselnehmers. Die Frau wird bald von ihrem Freund als die Studentin Ella identifiziert. Weil er sie telefonisch nicht erreichen konnte, ist er zu dem Lokal namens „Südpol“ gekommen, wo sie jobbt. Der Täter gibt den Beamten allerdings Rätsel auf, weil er keinerlei Forderungen stellt und jede Kontaktaufnahme verweigert.

Nach etwa zwanzig Minuten des Films sieht man, wie sich der Geiselnehmer offenbar stellen will, aber ausgerechnet von Ella in die Kneipe zurückgeholt wird. Dann springt die Geschichte drei Wochen zurück und stellt jenen Hans Wallentin vor. Man sieht, wie er sich morgens von seiner Frau verabschiedet, seinen Sohn zur Schule fährt und wie er später durch Wien schlendert und per Kopfhörer Musik von Bach hört. Als er eines Abends nach Hause kommt, hält ihm seine Frau einen von ihr gefundenen Brief vor – sein Kündigungsschreiben, das er ihr über Wochen vorenthalten hat. Auf ihre Bitte um eine Erklärung packt er wortlos einen Koffer und zieht in ein Hotel. Später reicht er bei einem befreundeten Anwalt die Scheidung ein und überlässt sein gesamtes Vermögen seiner Frau. Sein Luxusauto lässt er irgendwann im Stau stehen und selbst seine Brieftasche wirft er weg.

So radikal wie dieser Manager, dem nach 19 Jahren schriftlich gekündigt wurde, ohne dass jemand aus der Konzernleitung vorher mit ihm gesprochen hätte, hat wohl noch keine Filmfigur mit ihrer Existenz gebrochen. Dabei wird im Verlauf des Films – einer Koproduktion von Bayerischem Rundfunk (BR) und Österreichischem Rundfunk (ORF) – zunehmend deutlich, dass es nicht die Sorge um die Zukunft, sondern das Hadern mit seiner Vergangenheit ist, das Hans Wallentin zur Verzweiflung treibt. Fast sein halbes Leben hat er seinem Job gewidmet, hat vom Aufwachsen seines zwölfjährigen Sohnes kaum etwas mitbekommen und nun hat man ihm mit Mitte 50 zu verstehen gegeben, dass er für seinen Beruf zu alt sei. In einem Vergnügungspark hängt er den Träumen seiner Kindheit nach und landet dort irgendwann in jenem Lokal namens „Südpol“, wo er auf Ella trifft, die er bald regelmäßig besucht.

Nach rund 60 Minuten springt der Film wieder in die Gegenwart und man erlebt die Geiselnahme vom Beginn noch einmal. Diesmal aus dem Inneren der Kneipe und aus der Perspektive von Hans und Ella. Zum Showdown verlässt er den „Südpol“, leistet der Aufforderung der Polizei, stehen zu bleiben und die Hände hoch zu nehmen, aber nicht Folge. Es fallen Schüsse und am Ende liegt Hans blutend am Boden. Ob er überlebt hat oder nicht, bleibt offen.

Es mag gewiss nicht jede Entscheidung dieses extrem Verzweifelten plausibel erscheinen, aber dennoch ist Nikolaus Leytner („Ein halbes Leben“, ZDF/ORF 2009; „Die Auslöschung“, ARD/SWR/ORF 2013) mit seinem neuen Fernsehfilm „Südpol“ ein fesselndes Triptychon gelungen, das wie ein Krimi beginnt, dann zum Drama wird und schließlich als Zwei-Personen-Kammerspiel endet. Dabei lebt die Produktion von Allegro Film nicht zuletzt von ihrer atmosphärischen Dichte. Wien im trüben Herbst liefert eine perfekte Kulisse für die allgegenwärtige Melancholie und der Böhmische Prater am Rande der Stadt mit seinen in die Jahre gekommenen Fahrgeschäften wird wie ein Sinnbild für verrostete Kindheitsträume.

Manche der knappen Dialoge kommen etwas zu gestelzt daher. So etwa wenn Hans seinem Sohn sagt, als Arbeitsloser habe er nun mehr Zeit, um mit ihm zu spielen und der Sohn fragt: „Kannst du denn überhaut spielen?“ Und als Hans später im „Südpol“ Ella fragt, worum es eigentlich bei ihrem Studienfach Meeresbiologie gehe, und sie erklärt: „Letztlich ums Überleben“, dann ist das nicht unbedingt große Dialogkunst. Auch die Szene, in der Hans auf sein eigenes Spiegelbild schießt, ist deutlich zu symbolschwanger geraten. Doch diese kleinen Mängel machen die beiden Hauptdarsteller locker wett. Lili Epply (Ella), die dem Bild der lebenslustigen, unbekümmerten jungen Frau zunehmend Risse verleiht, und vor allem Juergen Maurer, dessen verzweifelter Hans hier immer mehr zur tickenden Zeitbombe mutiert, liefern in diesem Film (2,60 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,4 Prozent) beide eine grandiose Leistung ab.

30.03.2020 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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