Niki Stein: Louis van Beethoven (ARD/WDR/ORF)

Das Genie aus Bonn

23.12.2020 •

Der diesjährige ARD-Weihnachtsfilm „Louis van Beethoven“, bei dem Niki Stein sowohl das Drehbuch verfasst als auch Regie geführt hat, stellt den ultimativen ARD-Beitrag zum Beethoven-Jahr 2020 dar. Das war am 16. Dezember 2019 offiziell gestartet worden, genau ein Jahr vor dem 250. Geburtstag Beethovens, der kurz vor dem 17. Dezember gelegen haben dürfte, denn exakt kennt man nur seinen Tauftag, den 17. Dezember 1770. Seit dem 17. Dezember steht der zweistündige ARD-Film auch bereits in der Mediathek zur Ansicht bereit. Er hätte der krönende Abschluss des Jubiläumsjahres sein können, wenn nicht wegen der Corona-Pandemie große Teile der für 2020 geplanten Veranstaltungen ausgefallen wären, so dass man das Beethoven-Jahr inzwischen bis zum September 2021 verlängert hat.

Der Name „Louis“ im Filmtitel deutet darauf hin, dass es hier vor allem um den jungen Beethoven geht, der „Louis“ statt „Ludwig“ genannt wurde. Er wuchs in Bonn auf, wie das auch bei Niki Stein der Fall war. Diese Parallelität mag bei diesem Filmprojekt – bei dem neben ARD Degeto und WDR der Österreichische Rundfunk (ORF) als Koproduzent dabei war – eine Rolle gespielt haben, aber es gibt noch ein weiteres Vorbild, auf das Stein selbst in einem Radiointerview hingewiesen hat (SWR 2, 24.10.20): den überaus erfolgreichen Film „Amadeus“ von Miloš Forman aus dem Jahr 1984, ein Spielfilm über das Leben von Wolfgang Amadeus Mozart, der den Wunderkind- und Genie-Mythos um die Person Mozart dekonstruierte zugunsten eines jungen Menschen mit Stärken und Schwächen.

In „Louis van Beethoven“ (Produktion: Eikon) geht es Niki Stein ebenfalls darum, den in Bonn aufgewachsenen Beethoven von seiner Kindheit und Jugend aus zu denken, und dabei spielt auch die Musik Mozarts immer eine Hauptrolle. Hier am Rhein hat Beethoven dem Drehbuch zufolge all jene geistigen Anregungen erhalten, die sein späteres Schaffen prägten. Mit diesem Ansatz ist dem Filmemacher auch ein eindrückliches Porträt von Bonn als Residenzstadt zur Zeit der einflussreichen kurkölnischen Fürstbischöfe gelungen, die 1794 mit der Besetzung durch napoleonische Truppen endete. (Danach wurde Bonn im Jahr 1815 nach dem Wiener Kongress Teil der preußischen Rheinprovinz, wodurch der Stadt nicht nur die alte politische Elite, sondern auch ein Teil ihrer eigenständigen kulturellen Identität abhandenkam.) Beethoven hat Bonn 1792 mit 22 Jahren verlassen und ist dann nie mehr an diesen Ort zurückgekehrt. Sein neuer Schaffensort wurde Wien.

So wie Österreich im Jahr 2006 den 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) dazu genutzt hatte, den in Salzburg geborenen Ausnahmekünstler mit einem nationalen Mozart-Jahr zu feiern, so beabsichtigte nunmehr auch Deutschland den 250. Geburtstag von Beethoven im Jahr 2020 ausführlich zu begehen: Man gründete dafür 2016 eine von Bund, Land und Kommune getragene Beethoven Jubiläums-GmbH (als eine Tochtergesellschaft des Bonner Beethoven-Hauses), die den Auftrag erhielt, dieses Jubiläum als „nationales Ereignis mit internationaler Strahlkraft in regionaler Verankerung zu gestalten“, wie es offiziell heißt.

Bereits im Koalitionsvertrag der Bundesregierung von CDU/CSU und SPD für die Legislatur­periode 2014 bis 2017 stand der Satz: „Der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven im Jahr 2020 bietet herausragende Chancen für die Kulturnation Deutschland im In- und Ausland. Deshalb ist die Vorbereitung dieses wichtigen Jubiläums eine nationale Aufgabe.“ Beim offiziellen Festakt der Jubiläums-GmbH am 17. Dezember 2020 in der Oper Bonn war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Festredner gesetzt. Niki Stein hat jetzt mit seinem sehr aufwendig gedrehten und künstlerisch anspruchsvollen Werk den passenden Film zum nationalen Jubiläum geliefert.

Die Schwierigkeit einer solchen „nationalen Aufgabe“ besteht allerdings darin, dass Beethoven zwar in Bonn geboren wurde, er aber dann doch in die Musikgeschichte – wie Haydn und Mozart – als Repräsentant, ja, als Vollender der Wiener Klassik eingegangen ist, die ihrerseits der italienischen Musikkultur, die bis dahin führend in Europa gewesen war, viel zu verdanken hat. Zudem weiß man über Beethovens Bonner Jahre sehr wenig, was Stein jedoch als Drehbuchautor auch viel dichterische Freiheit für diesen Zeitraum gegeben hat.

Der Film erzählt von der Jugendzeit Beethovens ab 1778 (Beethoven wird dabei zunächst dargestellt von Colin Pütz und Anselm Bresgott), er zeigt, wie hier das Fundament für Beethovens Genialität gelegt worden ist, in Rückblenden vom Jahr 1826 aus. Dieses Jahr verbringt der erwachsene Ludwig van Beethoven (dargestellt nun von Tobias Moretti) bei seinem Bruder im österreichischen Krems. Aus dem Komponisten ist inzwischen ein gehörloser Griesgram geworden und seine erfolgreichste Zeit hat er hinter sich. Stein erzählt von dieser Zeit jedoch in einer Weise, dass sich in ihr Ereignisse aus Beethovens Jugendzeit spiegeln, so dass sich zwischen dieser und jener Zeit ein enger Erzählzusammenhang ergibt. Am Ende des Films wird dann die endgültige Abreise aus Bonn im Jahr 1792 parallel zu der endgültigen Abreise aus Krems zurück nach Wien erzählt. Aufgrund dieser Reise wird Beet­hoven an einer Lungenentzündung erkranken, an deren Folgen er am 26. März 1827 stirbt.

Beethovens rheinischer Zungenschlag bleibt ihm im Film zeit seines Lebens erhalten, wie hier auch die Wiener leicht wienern und sein Bonner Lehrer Christian Gottlob Neefe (Ulrich Noethen) gelegentlich einen sächsischen Akzent hörbar werden lässt. Die Person des aus Sachsen stammenden reformierten Theatermusikers, Komponisten und Bonner Hoforganisten Neefe als dem musikalischen Lehrer Beethovens ist historisch verbürgt. Ob Neefe aber tatsächlich auch diese dominante Rolle gespielt hat, die Stein ihm hier andichtet, ist nicht überliefert. Auch die im Film auftretende Figur der Helene von Breuning (Silke Bodenbender, übrigens eine gebürtige Bonnerin) als große Förderin des Talents Beethoven ist zwar historisch belegt, die dargestellten Details sind jedoch vom Drehbuch hinzuerfunden.

Dass Beethoven katholisch getauft und erzogen worden ist, wird im Film sichtbar gemacht, ohne explizit benannt zu werden. Dass es auch Protestanten am Rhein gibt, darauf wird dann allerdings explizit mit einer – historisch eher unwahrscheinlichen – Episode verwiesen: Bei einer Aufführung von Händels Halleluja durch seinen Lehrer Neefe muss Louis als Kind den Blasebalg für die Orgel treten, lässt sich dabei aber ablenken, woraufhin der Orgel die Luft auszugehen droht. Darauf spricht Neefe überdeutlich in die Kamera: „Macht man das hier im Rheinland so mit Protestanten?“ (Vielleicht ein Wink des Filmemachers an die evangelische Produktionsfirma Eikon?)

In Steins zweistündigem Films tritt auch Mozart als Person auf, allerdings eher als karikaturhaft überzeichnete Figur (pointiert gespielt von Manuel Rubey), zu der der junge Beethoven bei seinem ersten Wien-Aufenthalt vergebens Kontakt aufzunehmen versucht. Wie das dann doch geschieht, ist wiederum eine Erfindung Steins; historisch überliefert ist dagegen, dass der ‘Wiener Klassiker’ Joseph Haydn auf der Rückreise aus England in Bonn Station macht und Beethoven so zu seinem zweiten Aufenthalt in Wien bringt, von dem er dann nie wieder nach Bonn zurückkehren wird.

Im von Kurfürst Maximilian Franz von Österreich, einem Sohn der österreichischen Regentin Maria Theresia, regierten Bonn blickte man zu Beethovens Jugendzeit kulturell nach Wien und so war es auch selbstverständlich, dass dieser musikalisch hochbegabte Junge dorthin geschickt wurde (und nicht nach Berlin oder Leipzig). Auch die neuen politischen Ideen kamen zu dieser Zeit nicht aus Deutschland nach Bonn, sondern der revolutionäre Wind wehte eher aus Südwest, sozusagen von Frankreich aus den Rhein herunter: In der Region war es seinerzeit zu mehreren politischen Unruhen gekommen und auf diese Weise dürfte Beethoven in Bonn mit den Ideen der Französischen Revolution in Berührung gekommen sein. Stein lässt ihn aber in seinen Bonner Jahren auch explizit mit deutschen Geistesgrößen in Berührung kommen: mit der Literatur von Lessing, Goethe und Schiller beispielsweise und der Musik von Johann Sebastian Bach.

Was in der Filmerzählung fehlt, sind die Jahre der großen Erfolge Beethovens in Wien, so auch die Zeit, als dort der Wiener Kongress tagte (1814/15), an dem über 200 europäische Staaten teilnehmen, um nach dem Sieg über Napoleon Europa neu zu ordnen. Man kann davon ausgehen, dass auch Beethoven am kulturellen Rahmenprogramm der Veranstaltung gut verdient hat. Neben etlichen, aus diesem Anlass von ihm verfassten Huldigungsmusiken, die heute vergessen sind, entstanden in dieser Zeit etwa auch seine siebte und achte Sinfonie. Ebenso feierte damals die dritte (endgültige) Fassung seiner Oper „Fidelio“ Premiere, eine sich gegen politische Tyrannei richtende Befreiungsoper. Beethoven könnte mit dem Stoff seinerzeit den „terreur“ der Jakobiner unter Robespierre in Frankreich angeprangert haben, so eine mögliche Interpretation. (Im Januar 2020, am Anfang des Beethoven-Jahres, hat Volker Lösch diese Oper in einer bemerkenswerten Neuinszenierung für die Oper Bonn in expliziten Zusammenhang mit der Verfolgung von Kurden und politischen Gegnern in der Türkei gebracht.)

In Niki Steins Film hört man zumeist nur Ausschnitte aus Werken Beethovens aus dessen Früh- und Spätzeit; für die meisten Szenen wurden sie sogar live beim Dreh aufgenommen. Als Bonner Hoforchester agiert da beispielsweise das Czech Ensemble Baroque, das in hoher Qualität auf historischen Instrumenten spielt. Das macht den Film jedoch noch nicht zu einem Musikfilm, da große Teile des klassischen Werks von Beethoven ausgespart bleiben. Der Schwerpunkt der Filmerzählung liegt vielmehr auf der Lebensgeschichte eines Genies, dessen Anfang und Ende parallel zueinander erzählt werden.

23.12.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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