Nicolas Vescovacci/Luc Hermann/Paul Moreira: Der Fall Assange – Die Geschichte von Wikileaks (ZDFinfo)

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16.07.2021 •

Im Jahr 2006 wurde die Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks gegründet, um Hinweisgebern die anonyme Publikation geheimer Informationen zu ermöglichen, die von allgemeinem öffentlichen Interesse sind. Mitbegründer und ‘Gesicht’ der Initiative war der Australier Julian Assange. Mit der Veröffentlichung brisanter Dokumente sorgte Wikileaks mehrfach für Schlagzeilen, wurde mit der Zeit aber auch selbst Gegenstand kritischer Berichterstattung, unter anderem deshalb, weil durch die Verbreitung geheimer Dokumente über den Afghanistan-Einsatz der US-Armee namentlich offenbarte zivile Mitarbeiter in Gefahr gerieten. Die größte Aufmerksamkeit richtete sich schließlich auf Julian Assange, der in Schweden einer „minderschweren Vergewaltigung“ beschuldigt wurde. Zudem eröffneten die USA gegen ihn ein Verfahren wegen Hochverrats, ein Vergehen, das mit einer lebenslangen Haft- und sogar mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Der inzwischen in Großbritannien ansässige Assange musste die Auslieferung in die USA befürchten und suchte daher Asyl in der ecuadorianischen Botschaft in London. Nach einem Regierungswechsel in dem lateinamerikanischen Land wurde Assange der Asylstatus entzogen und der britischen Polizei übergeben und verhaftet. Er lebte sieben Jahre in der Botschaft. Derzeit sitzt Assange – laut unabhängigen Quellen psychisch und physisch gebrochen – im Hoch­sicherheitsgefängnis Belmarsh in London und muss seine Auslieferung an die USA gewärtigen.

So weit eine geraffte Darstellung der Ereignisse, die in der 45-minütigen französisch-schweizerischen Dokumentation „Der Fall Assange – Die Geschichte von Wikileaks“ aufgearbeitet werden. Zwei der drei Autoren des Films, Luc Hermann und Paul Moreira, sind die Leiter der auf Investigativjournalismus und Reportagen spezialisierten Pariser Produktionsfirma Premières Lignes Télévision. Schon 2011 hatten sie einen 55-minütigen Film über Wikileaks erstellt. Gemeinsam mit Nicolas Vescovacci als drittem Beteiligten produzierten sie davon in Zusammenarbeit mit Radio Télévision Suisse (RTS) in diesem Jahr eine aktualisierte Neufassung, die nun auch bei ZDFinfo zu sehen war (deutsche Bearbeitung: Kelvinfilm).

Der Film beginnt mit einem Vorfall aus dem Jahr 2007. Über Wikileaks gelangt 2010 ein Video an die Öffentlichkeit, das dokumentiert, wie im Juli 2007 im Irak von einem US-Militärhubschrauber aus auf einen Journalisten, einen Fotografen und deren Fahrer geschossen wird. Die Salve mit schwerer Munition ist so stark, dass eine dicke Staubwolke hochwirbelt. Die Bordbeobachter hatten die Kamera des Fotografen für eine Waffe gehalten. Kurz darauf stoppt ein Lieferwagen. Die Insassen wollen erste Hilfe leisten. Auf sie wird ebenfalls geschossen. Zwei Kinder, vier und zehn Jahre alt, erleiden Verletzungen. Weniger später erreicht ein US-Bodentrupp den Schauplatz des Gemetzels. Einer der Soldaten erinnert sich: „Es schien mir so unwirklich wie eine Szene aus einem schlechten Horrorfilm.“

Ein Beispiel für jene publizistischen Aktivitäten, mit denen Wikileaks ursprünglich Anerkennung erwerben konnte. Die zunehmende Bekanntheit der Plattform, ihre Zusammenarbeit mit Medien wie der britischen Tageszeitung „The Guardian“ und dem deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, die aufkommende Kritik an Wikileaks und insbesondere an dem laut Zeitzeugen zunehmend eigensinniger handelnden Julian Assange werden in der Dokumentation ebenfalls thematisiert.

Großen Raum nehmen die juristischen Verfahren gegen Assange ein, die er selbst als „Schmutzkampagne“ einstuft. Tatsächlich gibt es bei den schwedischen Beschuldigungen einige Ungereimtheiten. Die sexuellen Begegnungen mit den beiden Frauen verliefen laut deren eigener Aussage einvernehmlich. Streit gab es demnach um die Benutzung eines Präservativs. Assange soll es so manipuliert haben, dass es seine Funktion nicht mehr erfüllte. Ein zumindest nicht alltäglicher Vorwurf. Die schwedische Justiz schien sich nicht sicher, stellte die Ermittlungen zunächst ein, nahm sie später wieder auf. Ebenfalls ungewöhnlich: Assanges winzige und lichtlose Kammer in der ecuadorianischen Botschaft sowie die Toiletten dort wurden von einem spanischen ‘Sicherheitsunternehmen’ ausgespäht. Es gab Kameras und Abhöranlagen. Die Ergebnisse sollen an die USA geflossen sein. In den Vereinigten Staaten stieß Wikileaks nicht immer auf Ablehnung. Der frühere Präsident Donald Trump begeisterte sich vor seinen Anhängern, weil die Plattform interne E-Mails aus dem Wahlkampfteam seiner einstigen Gegenkandidatin Hillary Clinton publiziert hatte. Die Trump-Administration schwenkte später allerdings um. Trumps CIA-Direktor Mike Pompeo stufte Wikileaks als „feindlichen Geheimdienst“ ein.

Das Autorenteam des Films liefert mit diesem Überblick über die Vorgeschichte von Assanges Festnahme in London im April 2019 eine wertvolle Ergänzung zu den knappen Tagesnachrichten in Print- und Funkmedien, die in der Regel auf wichtige Hintergrundinformationen schon aus Zeit- oder Platzgründen verzichten müssen. Enttäuschend jedoch, dass das Trio kaum eigene Recherchen angestellt oder zumindest Gespräche mit Beteiligten geführt hat. Die Dokumentation ist primär im Schneideraum entstanden, mit Materialien aus älteren Interviews, Nachrichtensendungen und Fernsehberichten.

Dabei böte diese Geschichte etliche Ansätze für journalistische Vertiefungen. Interviews mit schwedischen Strafverfolgern und Assanges dortigen Anwälten, besser noch mit etwaigen Zeugen wären zum Beispiel eine echte Bereicherung gewesen. Einige der im Gesamtzusammenhang unbeantworteten Fragen: Was haben die Ermittlungen bezüglich des Kaperns von Hillary Clintons E-Mail-Konten ergeben? Sollte es keine Spuren zu den Tätern geben? Wurde überhaupt ermittelt in einer Phase, in der die CIA von einem Vertrauten Donald Trumps geführt wurde, der von den E-Mail-Veröffentlichungen im Wahlkampf unmittelbar profitiert hatte? „Der Fall Assange – Die Geschichte von Wikileaks“ steht in der ZDF-Mediathek noch bis zum 29. Februar 2024 zum Abruf bereit – eine brauchbare Informationsquelle, aber noch längst kein vollständiges Bild. Julian Assange wurde am 3. Juli im Gefängnis im 50 Jahre alt.

In einem offenen Brief haben, angeführt vom Journalisten Günter Wallraff, 120 Prominente anlässlich der bevorstehenden USA-Reise von Bundeskanzlerin Angela Merkel gefordert, sie solle sich bei US-Präsident Joe Biden für die Freiheit von Julian Assange einsetzen. In dem am 12. Juli veröffentlichten Schreiben äußern die Unterzeichner ihre „große Sorge um die Gesundheit und das Leben des Journalisten“.

16.07.2021 – Harald Keller/MK

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