Nicht dein Ernst! Die Dilemma-Show. Moderation: Sabine Heinrich und Jürgen von der Lippe (WDR Fernsehen)

Gar nicht okay

11.03.2020 •

Machen wir mal auf Sabine Heinrich, eine von zwei Gastgebern der WDR-Show „Nicht dein Ernst!“: Ist es okay, wenn zwei dem schlagfertigen Humor nicht abgeneigte Showprofis für eine neue Unterhaltungssendung engagiert werden und nur eine der beiden Personen die Gastgeberrolle wirklich ernst nimmt? Und, diese Frage muss auch unbedingt geklärt werden: Ist es okay, mit eben diesen beiden Entertainern am späten Sonntagabend im Dritten Programm die größte anzunehmende Kraft- und Einfallslosigkeit zu verbreiten?

„Dilemma-Show“ nennt der WDR sein neues Format im Untertitel (der allerdings im Vorspann nicht eingeblendet wird). Und es ist natürlich nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet jener Sender, zusammen mit der Produktionsfirma SEO Entertainment („Laura Karasek – Zart am Limit“, ZDFneo; vgl. MK-Kritik), dieses „Genre“ quasi „erfunden“ hat, welcher selbst in einem Dilemma steckt. Seit im September 2016 nach 20 Jahren die letzte Folge von „Zimmer frei!“ über den Bildschirm ging, wird fürs WDR Fernsehen ein Nachfolgeformat gesucht. Der Erwachsenenquatsch mit Christine Westermann und Götz Alsmann gilt als unvergleichlich und unerreichbar und ist es, trotz retrospektiver Verklärung, wohl immer noch.

Bei der Wahl zwischen hot oder Schrott griff der WDR nachfolgend jedenfalls zuverlässig zu Letzterem. Sei es „Geheimniskrämer“ mit Gastgeber Martin Klempnow (2018), sei es „Das Tier in dir“ mit der Komikerin Lisa Feller und dem Tierforscher Karsten Brensing, sei es „Haussitter gesucht!“ mit Moderatorin Donya Farahani (beide 2019) – stets waren es Shows, die offenbar nur dazu dienten, Promi-Personal des WDR (Frank Plasberg, Marijke Amado, Ruth Moschner, you name it) irgendwie durch die 45-Minuten-Sendestrecke zu schleusen. Dem großen Vorbild „Zimmer frei!“ am nächsten kam vielleicht noch „Haussitter gesucht!“, des Settings wegen: Statt auf WG-Tauglichkeit wurde auf häusliche Fähigkeiten getestet.

Bei „Nicht dein Ernst!“, dem x-ten Neustart auf dem Sendeplatz, sind nun rudimentär Ähnlichkeiten in der „Zimmer-frei!“-Herangehensweise zu erkennen. Eine Journalistin, Sabine Heinrich in der Westermann-Rolle, und ein Freigeist, Jürgen von der Lippe als Alsmann-Ersatz, werden zusammengespannt, um mit einem prominenten Gast (ja, Frank „Hart aber fair“ Plasberg ist auch wieder dabei) intim zu werden, im übertragenen Sinn. Vordergründig soll das Trio bereden, wie man sich in einer kniffligen Situation am besten verhält.

Genau genommen führt Sabine Heinrich durch die Show, von der acht Ausgaben vor Publikum aufgezeichnet wurden. Sie stellt die Fragen. Punkt für Punkt arbeitet sie, die sonst für „Frau TV“ (WDR Fernsehen) vor der Kamera steht und beim Hörfunkprogramm WDR 2 neben anderen die Frühstrecke moderiert, die von den Autoren Mathias Taddigs („Shopping Queen“, Vox) und Markus Schafitel („Zimmer frei!“) vorbereitete Liste angeblich ungeschriebener Regeln des Alltags ab, die zu klären sind. Es geht dabei immer um Dilemma-Situationen: Ist es okay, dem Gastgeber zu sagen, dass sein Essen nicht schmeckt? Ist es okay, im Gespräch zu offenbaren, dass man keine Ahnung hat, wer das Gegenüber ist? Ist es okay, dem Bürokollegen beizubringen, dass er müffelt? Ist es okay, per Textnachricht Schluss zu machen? Solche Fragen, okay?

Und was macht Jürgen von der Lippe? Er sitzt einfach da in seiner hawaiihemdigen Bräsigkeit, meistens stumm, als wäre er nur Dekoration im farblich auf ihn abgestimmten Vintage-Set in Schwarzgrün mit Neonpink (oder ist es umgekehrt?). Es muss ihm dann nach der Premiere mit Frank Plasberg jemand gesagt haben, dass er sich, bitte schön, doch etwas mehr einbringen muss. In Sendung Nummer 2 – mit Schauspielerin Janine Kunze als Dritter im Bunde – erwacht er etwas aus der Passivität. Offenbar liegt ihm das Thema „Sex und Partnerschaft“, um das es diesmal geht, auch mehr. Er geht sogar „arbeiten“, wie er es nennt. Das heißt, er schnappt sich ein Mikro und fragt im Studiopublikum herum: „Wie lang war Ihre längste Sex-Pause?“

Haut von der Lippe mal was raus, dann geht es oft ums „Ficken“, eins seiner Lieblingsworte. So kennt man ihn, so hat man den 71-Jährigen in seiner Jahrzehnte andauernden TV-Karriere, die übrigens beim WDR mit dem „WWF Club“ begann und mit der Grimme-Preis-gekrönten ARD-Show „Geld oder Liebe“ den Zenit erreichte, schon oft erlebt. Sabine Heinrich hätte da vorgewarnt sein können und ist es auch. In der ‘Sex-Sendung’ zückte sie ein ums andere Mal eine Pappe mit dem Wort „Hilfe“ drauf, um ihr Gesicht dahinter zu verbergen, wenn es ihr allzu peinlich vorkam. Dabei ist sie selbst bei zwischenmenschlichem Stoff nicht zimperlich. Wie ihr erstes Mal war und wie die erste Nacht mit Freund unter Vaters Dach verlief, gibt sie hier preis. Wobei in dieser Sendung beim Drüberreden übrigens nicht mal Alkohol im Spiel ist wie bei anderen feuchten Talkformaten zu später Stunde; es gibt nicht mal Wasser.

Zum trockenen Dreier-Plausch gehört, dass – nach guter „Zimmer-frei!“-Tradition – eben auch die Gastgeber auspacken und nicht nur ein Frank Plasberg, der ausplaudert, dass er sich (nicht sein Ernst!) beim Stiefeltrinken zum ersten Mal total besoffen hat. Von solchen Anekdötchen zu anderen Witzchen schleppt sich die Sendung voran. Deren Unterhaltungswert changiert von Gast zu Gast, von lustig (Janine Kunze über den Hund im Bett) bis lasch (ARD-Moderator Sven Lorig über Eheanbahnung im Kindergarten). Unterbrochen wird der Stream of Jux und Langweilerei von eingespielten Sketchen. Darin klären Schauspieler, welche Regeln zum Beispiel für Paare bei Partys gelten; ein penetranter Buzzer-Ton gibt die akustische Antwort, was richtig oder falsch ist.

Auch die eingestreuten „Sozialexperimente mit versteckter Kamera“ (WDR-PR) in der Fußgängerzone (Lockvogel umarmt wahllos Passanten und so) reißen es nicht heraus. Die weiteren Folgen von „Nicht dein Ernst!“ laufen noch bis zum 22. März (am 23. Februar gab es keine Ausgabe). Ja, es fehlt was auf dem Sendeplatz des WDR Fernsehens am Sonntag um 22.15 Uhr. Anarchie. Aktion. Abkehr vom immergleichen Talkmuster. Mit anderen Worten: Es wäre jetzt echt okay, wenn die Unterhaltungsabteilung des WDR wirklich mal was total anderes wagte als eine „Zimmer-frei!“-Annäherung.

11.03.2020 – Senta Krasser/MK