Neuzugänge in den Bergen: Das ZDF versucht sich an einer „neuen Heimatfarbe“, bislang aber noch halbherzig

17.05.2015 •

Mit jeweils zwei in Wochenabstand ausgestrahlten 90-minütigen Filmen etablierte das ZDF im März und April zwei neue Fernsehfilmreihen: „Hanna Hellmann“ und „Lena Lorenz“. Die von Senderseite mit dem Slogan „Neue Heimatfarbe“ bedachten Produktionen fallen ins gleiche Genre und erzählen ähnliche Geschichten. Und doch gibt es Unterschiede.

Melodramatische und heitere Reihen und Serien mit starkem regionalen Einschlag erfreuen sich hierzulande großer Beliebtheit und werden spätestens seit der „Schwarzwaldklinik“ (ZDF, 1985 bis 1989) intensiv gepflegt. Drehorte wie das Glottertal („Schwarzwaldklinik“) oder Lindauhof in Schleswig-Holstein („Der Landarzt“, ebenfalls ZDF) verzeichnen bis heute einen lebhaften Fan-Tourismus. Erfolgsfaktoren dieser Produktionen, die im Heimatfilm der 1950er Jahre und in entsprechenden Heftromanreihen wurzeln, sind primär die jeweiligen Landschaften und die spezifischen Erzählformen; die Hauptfiguren hingegen sind in der Regel austauschbar – buchstäblich, wie die Beispiele „Der Bergdoktor“ (ursprünglich Sat 1, seit 2008 als Neuauflage im ZDF) und „Der Landarzt“ zeigen, in deren Verlauf die Darsteller der titelgebenden Ärzte mehrfach wechselten.

Das ursprüngliche Heimatgenre ist der konventionellen Kriminalerzählung insofern verwandt, als die jeweiligen Geschichten von einer funktionierenden Ordnung ausgehen, die im Heimatfilm durch Überbetonung landschaftlicher Reize, pittoreske Architektur und die Darstellung funktionierender sozialer Verhältnisse innerhalb eines überschaubaren Rahmens oft zu einer „heilen Welt“ verklärt wird. Die Störung dieses Idylls ergibt den nötigen Konfliktstoff. Durch heldenhaften Einsatz der Hauptfigur(en) wird das Unheil behoben, der Idealzustand wiederhergestellt.

Wandel durch den „Bergdoktor“

Doch ganz so formelhaft laufen die Episodenerzählungen auch in diesem Genre nicht mehr ab. Die „Heimatfarbe“ hat sich gewandelt, seit die auf einer Romanreihe basierende Serie um den „Bergdoktor“ Dr. Thomas Burgner, damals noch gespielt von Gerhart Lippert, 1992 beim Privatsender Sat 1 Premiere hatte. In der am 5. März dieses Jahres ausgelaufenen achten Staffel der Serie „Der Bergdoktor“, der beim ZDF inzwischen Martin Gruber heißt und von Hans Sigl verkörpert wird, gibt es übergreifende Handlungsstränge, fortgesetzte Konflikte und Erkrankungen, die sich nicht durch Anlegen eines Gipsverbandes oder eine dramatische Operation in letzter Sekunde kurieren lassen.

In der abschließenden Folge dieser jüngsten Staffel – die Episode hatte den Titel „Die Lebenden und die Toten“ – leidet eine Patientin Dr. Grubers an Multipler Sklerose (MS). Die Erzählung gilt den verzweifelten Bemühungen der noch vergleichsweise jungen Michaela Höffner (Margit Sartorius), die Symptome zu unterdrücken, um dem mit ihrem Mann Sebastian (Ole Puppe) gemeinsam geführten kleinen Architekturbüro einen Großauftrag in London zu sichern. Die Mutter der Patientin ist bereits an MS erkrankt, sie lebt mit dem Paar als Pflegefall unter einem Dach. Jede Begegnung mit der auf den Rollstuhl angewiesenen Mutter bedeutet für Michaela einen Blick in die eigene Zukunft. Die Auflösung dieser Folge, die weitere Handlungsstränge umfasst, besteht darin, dass sich Michaela mit ihrem Leiden zu arrangieren versucht. Gestützt von ihrer Umgebung, aber in dem Bewusstsein, dass ihr körperlicher Verfall fortschreiten wird, denn MS ist bislang nicht heilbar.

Eine Woche später, am 12. März, hatte auf demselben Sendeplatz – donnerstags um 20.15 Uhr – „Hanna Hellmann“ Premiere. Die vom ZDF versprochene „neue Heimatfarbe“ galt zunächst nur musikalisch: In der Vorspannsequenz werden die üblichen postkartenbunten Bergpanoramen untermalt mit Adeles Song „Rolling In The Deep“. Es ist generell keine gute Idee, einen derart durch Dauereinsatz entwerteten Hit zum Titelthema einer Serie zu machen. In diesem Fall wirkt diese Wahl zudem wie ein plumper Versuch, Modernität zu suggerieren, wo gar keine ist.

Die titelgebende Hauptfigur Hanna Hellmann (Diana Staehly) gerät in der Auftaktfolge durch Zufall in die Berge. Ihr Freund Stefan Reimann (Roman Knižka) macht ihr während eines München-Urlaubs, so die Exposition, einen Heiratsantrag. Hanna ist überrumpelt, ergreift die Flucht und schließt sich im Vollrausch einer Wandergruppe an. Am nächsten Tag wacht sie in den Tiroler Bergen in der Kaiserhütte auf.

Mit dieser Szene beginnt der Film. Personal und Gäste scheinen Hanna zu kennen; ihr selbst fehlt jede Erinnerung. Weil Hannas eigene Sachen in die Wäsche müssen, steckt Wirtin Lisa (Catherine Bode) sie erst einmal in ein Dirndl. Der erste Schritt zur Assimilation, denn Hanna wird natürlich in Anzing bleiben, als Schlichterin tätig werden und sogar – ohne jede gastronomische Erfahrung – die Bewirtschaftung der Kaiserhütte übernehmen. Mit dem örtlichen Ladenbesitzer und Bergführer Alessandro Ilario (Tobias Licht) betritt schon früh ein ernstzunehmender Nebenbuhler die Bühne. Nachdem Hanna mit ihrer unbefangenen und beherzten Art einige Konflikte ausgeräumt hat, deutet sich ein Kuss zwischen ihr und Allessandro an, als überraschend ihr Verlobter Stefan über den Rand der Bergwiese lugt. Fortsetzung folgt.

Neigung zum Trivialen

Es ist nicht der Kürze der Nacherzählung geschuldet, wenn die Exposition dieser Reihe unglaubwürdig erscheint – da wurde tatsächlich wenig Mühe aufgewendet. Drehbuchautorin Anja Weber lässt ihre Hauptfigur voraussetzungs- und folgenlos agieren: Hanna Hellmann wird in Anzing ansässig, ohne mit dem Leben in ihrem Heimatort Köln abzuschließen – keine Nachricht an Angehörige, keine Abmeldung, kein Umzug. Diese Vereinfachung bedeutet Verkitschung, damit ist das Air dieser Serie vorgegeben.

Für die im Wochenabstand folgende zweite Episode mit dem Titel „Geheimnisse der Berge“ bediente sich Anja Weber unverkennbar beim Plot der US-Serie „Switched at Birth“. Die auch in Deutschland ausgestrahlte Disney-Produktion erzählt von zwei jungen Frauen, die bei der Geburt vertauscht wurden, was die beteiligten Familien aber erst erfahren, als die Kinder bereits nahezu erwachsen sind. Eine der jungen Frauen ist gehörlos – nur eines von vielen Konfliktpotenzialen. Was dort nuanciert über mehrere Staffeln hinweg (derzeit läuft in den USA die vierte) ausgelotet wird, erfährt hier in der ZDF-Variante eine Auflösung durch platte Überdramatisierung. Obwohl auch „Hanna Hellmann“ (Produktion: Ufa Fiction) als Reihe angelegt ist, scheint hier kein Platz für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den angerissenen Themen. Die Heldin treibt meist selig lächelnd durchs Geschehen, löst im Handumdrehen alle auftretenden Probleme oder ignoriert sie folgenlos. Keine Erneuerung des Genres also, vielmehr eine deutliche Neigung zum Trivialen.

Ganz anders der erste Auftritt von „Lena Lorenz“. Auch diese neue Reihe (Produktion: Zieglerfilm München) eröffnete mit zwei 90-minütigen Episoden, ausgestrahlt am 9. und 16. April, und wieder führten die ersten Bilder auf eine Almwiese. Eine Dirndlträgerin tanzt im Freien, ein Bauer, ihr Vater, schlägt Zaunpfosten ein… Dann schreckt Lena Lorenz (Patricia Aulitzky) hoch. Die Szene war ein Tagtraum, ihr Alltag hat sie wieder – sie ist Hebamme in einer Berliner Klinik und wurde geweckt, weil bei einer Patientin die Wehen eingesetzt haben. Diese erfrischende Ironisierung markiert die Richtung. Die Drehbuchautoren Mathias Klaschka (von dem auch die Idee zu diesem Format stammt) und Astrid Ströher wagen einen frecheren Tonfall als üblich. Bei ihnen kann sich Herzlichkeit in rauen Worten ausdrücken, die Figuren sind ungeschmirgelt, launisch, ungerecht. So auch Hebamme Susanne (Birte Glang), die rauchend am Fenster steht und unverblümt von einem Kaiserschnitt berichtet. Sie hat „das wohl hässlichste Baby, was ich je gesehen habe“ zur Welt gebracht und sagt dazu: „Wenn’s meins wäre – ich würde es umtauschen.“

Nabelschnur und Plazenta

Kollegin Lena Lorenz ist ebenfalls gegen Sentimentalitäten gefeit: „Ich weiß auch nicht, was die alle gegen Verhütung haben.“ Und sie schimpft über die einfallslose Musikauswahl der werdenden Eltern: „Wenn ich noch einmal Vivaldi höre, kriege ich einen Schreikrampf.“ Der Schreikrampf kommt, aber er gilt dem Vater in spe, weil der lieber alles filmt, statt seine Frau zu (unter)stützen. Dann setzt die Geburt ein, und hier wird nicht wie im Hollywood-Kino die Illusion geweckt, dass Säuglinge frisch gewaschen und gewindelt zur Welt kommen. Insbesondere männlichen Figuren wird beim Anblick von Nabelschnur und Plazenta schon mal flau zumute.

Man darf gelegentlich schmunzeln bei diesen Filmen, aber es handelt sich nicht um reine Komödien. Zum Berufsalltag der Hebammen und Ärzte gehört auch, dass eine werdende Mutter bei einem Unfall ihr Kind verliert. Ein Vorfall, der ans Herz greift und neben akuten Beziehungsproblemen zu der Krise beiträgt, die Lena Lorenz veranlasst, spontan ein paar Tage Urlaub zu nehmen und ihren bayerischen Heimatort Himmelruh zu besuchen.

Mit diesem Schauplatzwechsel rückt „Lena Lorenz“ nun in dramaturgischer und inhaltlicher Hinsicht näher an „Hanna Hellmann“ heran. Die Übereinstimmungen gehen so weit, dass sich auch Lorenz zwischen zwei Männern entscheiden muss: ihrem Berliner Lebensgefährten Alexander Meissner (Marc Ben Puch) und dem ortsansässigen Lehrer Ersun Hunal (Bülent Sharif), der von sich sagt: „Einer muss ja für die Zukunft Deutschlands den Kopf hinhalten.“ Ersun ist türkischer Herkunft, was Gelegenheit gibt, unaufdringlich den beiläufigen, oft unbewusst auftretenden Alltagsrassismus anzusprechen. Auch dieser Punkt macht deutlich: Der Unterschied zwischen „Hanna Hellmann“ und „Lena Lorenz“ liegt in der Erzählhaltung und es ist ein Unterschied ums Ganze.

Kein Umsturz, aber eine Auffrischung

Bei „Hanna Hellmann“ erfordern die auftretenden Probleme nur ein wenig Initiative und sind im Nu beseitigt, bei „Lena Lorenz“ lassen sich strukturelle Ursachen ausmachen. Lenas Mutter Eva Lorenz (Eva Mattes) ist Bäuerin, der Hof hochverschuldet, was nicht ausschließlich, aber zu einem gewissen Teil mit Agrarvorschriften der EU zusammenhängt. Solchen Beschwernissen steht das Individuum eher ohnmächtig gegenüber, gleich wie der sich verschlimmernden Demenz des Großvaters Leopold Lorenz (Fred Stillkrauth). Stimmig auch die biografischen Anteile: Weil in der Klinik Personalknappheit herrscht, bekommt Lena von ihrem Berliner Arbeitgeber ein Ultimatum für ihre Rückkehr gesetzt – anders als in „Hanna Hellmann“ gibt es hier keinen sorglosen, abrupten Bruch mit dem anderen Leben, sondern hier spielt sich ein Vorgang ab, der Erwägungen und Entscheidungen verlangt. Alles andere als eitel Sonnenschein also in der zweiten neue Heimatreihe des ZDF – kein Umsturz, aber eine willkommene Auffrischung des Genres.

Die Mission „Neue Heimatfarbe“ wurde somit nur zu 50 Prozent erfüllt. Angesichts der ausdrücklich versprochenen Erneuerung hätte es mehr sein dürfen. Und warum eigentlich gleich zwei neue Reihen in unmittelbarer Folge mit der Bergwelt als Hintergrund, wo es beim ZDF doch schon den „Bergdoktor“ und „Die Bergretter“ gibt? Auch in anderen, auf dem Bildschirm unterrepräsentierten Landstrichen finden sich attraktive Motive.

Ein Kuriosum am Rande: Die beiden Akteure Patricia Aulitzky und Marc Ben Puch aus „Lena Lorenz“ waren an den jeweiligen Sendetagen beinahe zeitgleich bei RTL in der Gefängnisserie „Block B“ zu sehen, wo sie ebenfalls durchgehende Rollen innehaben.

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Die beiden neuen Heimatfilmformate im ZDF

• Hanna Hellmann

Folge 1: Der Ruf der Berge
Do 12.3.15 --- 20.15 bis 21.45 Uhr
(4,62 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,1 Prozent)

Folge 2: Geheimnisse der Berge
Do 19.3.15 --- 20.15 bis 21.45 Uhr
(4,37 Mio Zuschauer, Marktanteil: 13,6 Prozent)

• Lena Lorenz

Folge 1: Willkommen im Leben
Do 9.4.15 --- 20.15 bis 21.45 Uhr
(5,48 Mio Zuschauer, Marktanteil: 17,6 Prozent)

Folge 2: Zurück ins Leben
Do 16.4.15 --- 20.15 bis 21.45 Uhr
(5,06 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,7 Prozent)

17.05.2015 – Harald Keller/MK

Meist selig lächlend: „Hanna Hellmann“

Erwägungen und Entscheidungen: „Lena Lorenz“

Fotos: Screenshots


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