Sparen bei den Nachrichten: Neues Produktionsmodell für „RTL 2 News“

16.08.2018 • Der private Fernsehsender RTL 2 wird künftig seine zentrale und einzige Nachrichtensendung, die „RTL 2 News“, nicht mehr in Eigenregie in Berlin produzieren, sondern sie in Köln vom Unternehmen Info-Network herstellen lassen, das Teil der RTL-Gruppe ist. Außerdem wird der Sendetermin der „RTL 2 News“ von derzeit 20.00 auf dann 17.00 Uhr vorgezogen. Auf dem neuen Programmplatz wird die an ein junges Publikum gerichtete Nachrichtensendung zudem nur noch von montags bis freitags laufen; bislang ist das Format täglich zu sehen. Ab dem 3. September (Montag) werden die „RTL 2 News“ nun nach dem neuen Modus ausgestrahlt.

Durch die Änderungen reduziert der Privatsender, der seinen Sitz in Grünwald bei München hat, die Anzahl der jährlichen Ausgaben der „RTL 2 News“ um knapp 30 Prozent, wodurch sich der ohnehin schon marginale Anteil von aktueller Information im RTL-2-Programm weiter verringert. Die „RTL 2 News“ (20.00 bis 20.15 Uhr) sahen im Jahr 2017 durchschnittlich 640.000 Zuschauer (Marktanteil: 2,3 Prozent). In der Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen waren es 200.000 (9,3 Prozent). In den beiden Vorjahren lagen die Einschaltquoten höher; der Marktanteil beim jüngeren Publikum etwa betrug 2015 noch 12,2 Prozent (280.000 Zuschauer).

Auftrag für RTL‑Tochter Info‑Network

Die Änderungen bei seiner Nachrichtensendung gab RTL 2 am 27. Juli bekannt, ohne dabei konkret eine Begründung zu nennen. Mitgeteilt wurde lediglich, dass durch die Maßnahmen „Synergien von Info-Network“ genutzt würden, das bereits die täglichen und wöchentlichen News- und Magazin-Formate bei den Programmen der Mediengruppe RTL Deutschland produziere. Info-Network habe sich, was die künftige Produktion der RTL-2-Nachrichtensendung angehe, in einem Pitch durchgesetzt, erklärte RTL-2-Programmchef Tom Zwiessler. Die RTL-Gruppe gründete das Tochterunternehmen Info-Network im Jahr 2008; als dessen Geschäftsführer amtiert seither Michael Wulf. Der 59-Jährige ist zugleich auch RTL-Chefredakteur. Neben Info-Network hätten an dem Pitch noch zwei weitere Anbieter teilgenommen, erklärte RTL 2 gegenüber der MK.

Maßgeblicher Grund für Änderungen bei den „RTL 2 News“ sind letztlich wirtschaftliche Gründe. Der Sender wollte dies jedoch nicht direkt bestätigten, sondern verwies am 3. August auf MK-Nachfrage darauf, die Neuerungen seien „Teil eines Entwicklungsprozesses und wirtschaftliche Aspekte spielen bei einem privatwirtschaftlichen Unternehmen immer eine Rolle“. Durch das neue Produktionsmodell für die „RTL 2 News“ (Info-Network, reduzierte Ausstrahlungsfrequenz) dürfte der Sender künftig pro Jahr einen signifikanten Betrag einsparen. Die Frage, wie hoch die jährlichen Einsparungen ausfallen, wollte RTL 2 gegenüber der MK jedoch ebensowenig beantworten wie die Frage, wie viel Geld für die Produktion der „RTL 2 News“ bisher pro Jahr zur Verfügung stand.

Hintergrund für die Änderungen bei den „RTL 2 News“ dürfte sein, dass die Anteilseigner des im März 1993 gestarteten Privatsenders durch Kostensenkungen einem drohenden Gewinnrückgang entgegenwirken wollen. Gesellschafter von RTL 2 sind die internationale RTL Group (35,9 Prozent), die Tele-München-Gruppe (31,5 Prozent), die Bauer Media Group (31,5 Prozent) und das Unternehmen Hubert Burda Media (1,1 Prozent). Seit mehreren Jahren sinken die TV-Marktanteile von RTL 2, was für den Sender ein Problem darstellt, da er seine Einnahmen zu fast 90 Prozent (so im Jahr 2016 zu 88 Prozent) aus dem Verkauf von Fernsehwerbezeiten erzielt. Erreichte RTL 2 im Jahr 2014 noch einen Marktanteil von insgesamt 3,9 Prozent, fiel er 2017 auf 3,2 Prozent. Im ersten Halbjahr 2018 waren es nur noch 3,0 Prozent.

Der Sender, der Fragen nicht beantwortet

Auch beim jüngeren Publikum, das der Sender insbesondere erreichen will, sind die Zuschauerzahlen seit 2014 rückläufig. Bei den 14- bis 49-Jährigen und den 14- bis 29-Jährigen betrug 2014 der Marktanteil 6,3 bzw. 8,6 Prozent. Im ersten Halbjahr 2018 waren es bei den 14- bis 49-Jährigen nur noch 5,3 und bei den 14- bis 29-Jährigen nur noch 7,5 Prozent. Obwohl die Marktanteile von RTL 2 sinken, war es dem Sender gelungen, Umsatz und Gewinn stetig zu erhöhen. Im Jahr 2016 stieg der Umsatz auf 370 Mio, der Gewinn auf 65 Mio Euro. Ob es auch 2017 Steigerungen gab, ist offen. Die Wirtschaftszahlen für 2017 dürfte RTL 2 voraussichtlich Ende September im „Bundesanzeiger“ veröffentlichen. Die Frage, ob der Gewinn für 2017 niedriger als im Jahr zuvor ausgefallen sei, wollte RTL 2 gegenüber der MK ebenfalls nicht beantworten.

Von der Maßnahme, die „RTL 2 News“ künftig von Info-Network in Köln produzieren zu lassen, sind in Berlin rund 30 fest angestellte Mitarbeiter von RTL 2 betroffen (in Voll- und Teilzeit). Die genaue Anzahl nannte der Sender auf Nachfrage ebenfalls nicht. Die Nachrichtenmitarbeiter in Berlin sind in der RTL 2 Produktion GmbH & Co. KG beschäftigt, einer Tochtergesellschaft von RTL 2, die neben den „RTL 2 News“ auch noch einzelne Sondersendungen produziert. Die Firma wird nun aufgelöst. In Berlin hergestellt werden die „RTL 2 News“ seit Januar 2015; die Redaktion ist seitdem im Hauptstadtstudio der RTL-Gruppe untergebracht. Zuvor waren die RTL-2-Nachrichten ab 1999 in Köln produziert  worden (in den ersten sechs Jahren nach dem Sendestart von RTL 2 fand die Nachrichtenproduktion in Hamburg statt.)

Das Redaktionsteam der „RTL 2 News“ hatte zuletzt noch ein vierminütiges Video produziert und darin an die Gesellschafter des Senders appelliert, die „RTL 2 News“ in der bestehenden Form fortzuführen. Vergeblich. Den Mitarbeitern drohen nun Kündigungen. Derzeit gebe es „individuelle Gespräche“ mit den betreffenden Mitarbeitern, erklärte der Sender: „RTL 2 ist dabei, sozialverträgliche Lösungen zu erarbeiten.“ Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) übte deutliche Kritik: „Es ist offensichtlich, dass RTL 2 auf dem Rücken der Journalistinnen und Journalisten einen skrupellosen Sparkurs fahren will“, erklärte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Der Sender habe gegenüber den betroffenen Kollegen eine Verantwortung, die weiter reiche als bis zum Ende der täglichen Nachrichtensendung, so Überall.

Kritik vom DJV und von der Medienaufsicht

Ob die „RTL 2 News“ auf ihrem neuen Sendeplatz ebenfalls knapp 15 Minuten lang sein werden, ist bis jetzt noch nicht bekannt. Gleiches gilt dafür, ob die Nachrichtensendung in moderierter oder unmoderierter Form ausgestrahlt wird. Auch diese beiden Fragen dazu beantwortete der Sender nicht und verwies stattdessen darauf, dass am künftigen redaktionellen Konzept der „RTL 2 News“ noch gearbeitet werde.

Cornelia Holsten, die Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), kritisierte die angekündigten Änderungen bei den Nachrichten von RTL 2. „In Zeiten von Desinformation und Falschmeldungen sind verlässliche und eigenproduzierte Nachrichten- und Informationssendungen wichtiger denn je. RTL 2 erreicht mit seinem Nachrichtenformat eine Zielgruppe, die sonst eher keine Nachrichtensendung und Politikberichterstattung anschauen würde. Ausgerechnet dieses Programmangebot zu beschneiden, bedeutet Sparen am falschen Ende“, erklärte Holsten, die Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt ist.

Lizenzrechtlich seien die Änderungen bei den „RTL 2 News“ unproblematisch, erklärte Joachim Becker, Direktor der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen), in einer ersten Einschätzung gegenüber der MK. Die in Kassel ansässige LPR Hessen ist die lizenzgebende Medienanstalt von RTL 2. Der Sender hatte bereits zum Jahresende 2017 sein ohnehin geringes Informationsangebot reduziert, als er sein seit 2002 in der Nacht von Sonntag auf Montag ausgestrahltes „Nachrichtenjournal“ einstellte, in dem auf Ereignisse der abgelaufenen Woche zurückgeblickt wurde. RTL 2 kündigte nun an, dass sich Chefredakteur Matthias Walter „um den Ausbau und die Entwicklung neuer journalistischer und dokumentarischer Formate“ kümmern solle. Unter seiner Leitung werde unter anderem die zweite Staffel der Politsendereihe „Endlich Klartext!“ realisiert. Das von der Firma Doclights produzierte Format war im Januar 2018 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden (vgl. MK-Meldung).

16.08.2018 – Volker Nünning/MK