Nathan Nill/Bastian Köpf/Thomas Mielmann/Daniel Scheier/Anika Soisson: Big Dating. 8‑teilige Romantic-Comedy-Serie (NDR Fernsehen)

Mit klugem Kunstgriff

27.12.2020 •

Der 31-jährige Software-Entwickler Samuel (Ole Fischer) guckt gern Animes, ernährt sich von Zeug aus der Mikrowelle und hat, dem Klischee eines Nerds entsprechend, keinen Schlag bei Frauen. Um das zu ändern, baut er eine App, die anhand von illegal gespeicherten Daten ausrechnen kann, welche Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit ideal zueinander passen. So stößt er auf Lina (Olga von Luckwald), eine Ukulele spielende, ansteckend extrovertierte Kellnerin.

Samuel und Lina sind die beiden Hauptfiguren in der unter anderem in Hannover gedrehten Serie „Big Dating“, bei der Nathan Nill Regie führte. Zu sehen war sie im Rahmen der fünften Staffel der Reihe „Nordlichter“, der Nachwuchsfilmreihe des Norddeutschen Rundfunks (NDR). „Big Dating“ war die erste Serie in dieser bisher aus Fernsehfilmen bestehenden Reihe.

Mit Lina läuft es gut, bis Samuel feststellt, dass „falsche“ Daten auf die algorithmische Verkupplung Einfluss genommen haben. Der Grund: Lina nutzt ein Handy, das einem 35-jährigen Nerd gehört hatte, der an einem Herzinfarkt verstorben war. Als vermeintlich perfekte Frau ermittelt der Algorithmus seiner App nun Naomi (Mai Duong Kieu, bekannt durch eine der Hauptrollen in der ZDF-Serie „Bad Banks“). Sie macht ebenfalls was mit Programmieren: Naomie entwickelt Versicherungssoftware – und entpuppt sich bald als etwas langweilig.

Mit der Hauptgeschichte dieser „Romantic-Comedy-Serie“ (O-Ton NDR) sind zwei weitere Handlungsstränge verwoben: Samuels Mitbewohner – die Promovendin Inga (Anna Schimrigk) und der Hallodri Henner (Leon Ullrich) – geraten in eine Beziehungskrise, ebenso Klaus und Gisela, Samuels Eltern (Michael Kind, Victoria Trauttmansdorff). Als Vater Klaus für kurze Zeit zu Hause auszieht, um damit klarzukommen, dass seine Frau sich nicht von ihm trennen, aber auch ihre Affäre nicht aufgeben möchte, gerät er seinem Sohn gegenüber ins Philosophieren: „Dieser Russe da, Dostojewski, sagt: ‘Alle glücklichen Familien gleichen einander, jeder unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Aber diese Verwechslung – Dostojewski statt Tolstoi – passt zum ob der Turbulenzen in seiner Beziehung etwas zerstreuten Klaus.

Wie es der Titel „Big Dating“ nahelegt, ist die Serie (Redaktion: Sabine Holtgreve) eine heitere Abrechnung mit den Heilsversprechen von Dating-Plattformen und anderen Firmen, die persönliche Daten horten. Diese Haltung kommt zum Ausdruck, wenn Peter, der Chef von Samuels Firma, Sachen sagt wie: „Mit dem Algorithmus werden wir die Liebe revolutionieren“, oder wenn er – kurz vor der Präsentation der App – in die Welt posaunt: „Wir verwandeln heute Hannover in das Silicon Valley der Menschlichkeit.“ Die wesentliche Stärke der Serie liegt aber darin, wie sie die Geschichten von Beziehungen erzählt – wie diese in die Sackgasse geraten, zu scheitern drohen und sich dann doch weiterentwickeln.

Es gibt ein paar Überzeichnungen, die in Plattheiten abzurutschen drohen: so die Darstellung eines esoterischen Camps, das Samuel besucht, weil er weiß, dass Lina dorthin fährt, so auch das pseudo-adlige Milieu rund um Ingas übermächtige Mutter. Aber das wird aufgewogen durch viele charmante bis außergewöhnliche Ideen des Drehbuchautoren-Teams (Bastian Köpf, Thomas Mielmann, Daniel Scheier, Anika Soisson).

Diese Ideen sind fast alle verknüpft mit der Figur Lina. Einmal wälzt sie sich in der Öffentlichkeit auf dem Boden, ruft „Hunger, Hunger!“ und bringt Samuel dazu, dem Mitarbeiter eines Lieferdienstes zu einem überteuerten Preis das Essen abzukaufen, das eigentlich jemand anderes ganz regulär bestellt hat. Und als eine Spritztour mit Samuel – und einem Hund, den Lina kurzerhand geklaut hat – mit einer Polizeikontrolle endet, sagt Lina: „Die gute Nachricht ist, dass ich keine Drogen im Auto habe.“ Die nicht so gute Nachricht ist allerdings, dass sie, die den Wagen gesteuert hat, eigentlich gar kein Auto fahren dürfte, weil sie keinen Führerschein hat.

Die Figur Lina ist auch der Ausgangspunkt für den, wenn man so will, Twist der Serie. In der achten und letzten Folge wird deutlich, dass ihre auf den ersten Blick positive Verrücktheit auch eine abgründige Seite hat: Man sieht, wie sie morgens im leeren Becken eines Schwimmbads aufwacht – in jenem Hotel, in dem sie mit Samuel die erste gemeinsame Nacht verbracht hat. Schließlich erschleicht sie sich den Zugang zu diesem Zimmer, in dem sie mit ihm zusammen war, schmeißt wie ein wandelndes Rockstar-Klischee ein paar Sachen aus dem Fenster und bricht schließlich zusammen. Lina hatte einen „Schub“, erfährt Samuel im Krankenhaus, und sie sagt ihm, dort ende es immer, wenn sie eine Zeitlang ihre Tabletten nicht nehme. Mit diesen Andeutungen bringen die Macher die Zuschauer dazu, ihre eigene „Beziehung“ zur de facto zentralen, die Qualität der Serie definierenden Figur noch einmal etwas anders zu sehen. Das ist, jedenfalls im komödiantischen Genre, ein bemerkenswert kluger Kunstgriff.

27.12.2020 – René Martens/MK

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