Natalie Steger/Sybille Müller/Thomas Aders/Volker Schwenck: Tage des Zorns. Der Arabische Frühling – Eine Bilanz. Reihe „Mein Ausland Spezial“ (Phoenix)

Sehenswertes politisches Vexierbild

28.12.2015 •

Die Tagesberichterstattung scheint kein anderes Thema mehr zu kennen als die Flüchtlingskrise. Dabei wird kaum noch berücksichtigt, dass der Zustrom von Menschen aus dem Nahen Osten und Zentralafrika seit Ausbruch jener Krise stark angewachsen ist, die man als „Arabischer Frühling“ bezeichnet. In dem bemerkenswerten 45-minütigen Beitrag „Tage des Zorns“, den Phoenix unter dem Rubrum „Mein Ausland Spezial“ ausstrahlte, zogen vier Reporter und Korrespondenten anlässlich des fünften Jahrestags dieses „Frühlings“ eine Bilanz. Um Flüchtlinge ging es in ihrem informativen Rückblick zwar nur am Rande und substanziell neuen Fakten lieferte der Filmbericht auch keine. Dennoch wird in dieser konzentrierten Rückschau sehr gut fassbar, warum Menschen zu Hunderttausenden ihre vom Bürgerkrieg verwüsteten Heimatländer verlassen.

Der Film zeigt zunächst, wie die arabische Rebellion begann. Am 17. Dezember 2010 verbrennt sich in der tunesischen Stadt Sid Bouzid der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi aus Protest gegen korrupte Polizisten, die seine Ware gestohlen bzw. „beschlagnahmt“ haben. Das Fanal wird zum Nukleus einer Welle von Massenprotesten, die in Tunesien für einen Umsturz sorgen und rasch auf Ägypten und Libyen übergreifen, wo die Diktatoren Mubarak und Gaddafi gestürzt werden.

Die Berichterstattung sprach seinerzeit hoffnungsvoll und optimistisch vom „Arabischen Frühling“. In ihrem Rückblick verdeutlichen die Korrespondentinnen Natalie Steger (ZDF/Paris/Tunesien) und Sybille Müller (ARD/Syrien) sowie die Korrespondenten Thomas Aders (ARD/Kairo, Ägypten) und Volker Schwenck (ARD/Studioleiter Kairo/Libyen) jedoch, dass dieser Hoffnungsschimmer sehr rasch wieder verblasste. In ihrer komplexen Bilanz des „Arabischen Frühlings“ machen die Autorinnen und Autoren es sich nicht einfach. Ihr kommentarintensiver Gemeinschaftsbeitrag ist trotz etwa seiner sperrigen Machart überaus sehenswert, weil er die Situationen in den einzelnen arabischen Ländern differenziert auffächert. In dem multiplen Chaos an den vier verschiedenen Schauplätzen Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien zeichnet das Korrespondenten-Quartett eine Grundlinie nach. Brennpunktartig fokussiert ist die seinerzeit ausbrechende Anarchie in den erschütternden, von Videofilmern festgehaltenen Bildern vom Tahrir-Platz in Kairo. Hier wird am 25. Januar 2013, dem zweiten Jahrestag der ägyptischen Revolution, eine Frau inmitten einer gaffenden Menge vergewaltigt. Sie war nicht das einzige weibliche Opfer. Bereits im Februar 2011 war eine Reporterin des US-amerikanischen Networks CBS von einem Mob missbraucht worden.

Ein eindeutiges Fazit geben die beiden Autorinnen und Autoren in ihrem vielschichtigen politischen Vexierbild nicht. Man kann aus ihrer Bilanz jedoch herauslesen, dass das Machtvakuum, das durch den Zusammenbruch jahrzehntelang bestehender Diktaturen entstand, eine phallische Aggressivität entfesselte. Kehrseite dieser unkontrollierbaren Triebentladung ist eine religiös-fundamentalistische Gegenbewegung. Unterstützt von „Geldgebern aus den Golfstaaten“ rücken islamische und islamistische Gruppierungen immer stärker vor. Die „Bärtigen, die Rückwärtsgewandten“ – so eine Aktivistin aus Tunesien – wollten mit der überkommenen Ordnung der Scharia eine repressive Geschlechterordnung wieder einführen.

Im Zuge der damit einhergehenden Auseinandersetzungen brechen ehemals bestehende soziale Strukturen zusammen: In Libyen werden Flüchtende von der Polizei kaum noch kontrolliert. Menschen aus Zentralafrika werden dadurch ermutigt, den tödlichen Weg der Flucht über das Mittelmeer nach Europa zu suchen. Und in Syrien, wo der Kampf noch nicht entschieden ist, bewirkt der Bürgerkrieg einen Massenexodus.

Eine letztgültige Antwort können die Berichterstatter in ihrem Beitrag verständlicherweise nicht geben. Fest steht jedoch, dass diese Art von politischer Reportage, die über die bloße Tagesaktualität hinausgeht, zur Mangelware geworden ist. Das ist schade. Berichte dieser Art ermöglichen einen differenzierteren und nüchternen Blick auf die gegenwärtige Flüchtlingskrise. Umso lobenswerter, dass Phoenix diesen Film ermöglicht hat.

28.12.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 12/2020

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