Nahid Persson: Mit wehenden Haaren gegen die Mullahs (Arte)

Digitale Guerillataktik

17.08.2021 •

Alles begann mit einem Handyvideo aus Teheran. Es zeigt eine junge Frau, die auf einen Stromkasten geklettert war (genauer gesagt: auf einen jener grauen Kästen am Straßenrand, in denen sich Relais für das Telefonnetz befinden). Schweigend schwenkt sie ihr weißes Kopftuch an einem Stock wie eine Fahne – ein stummer Protest gegen das Mullah-Regime, das Frauen im Iran nun seit 40 Jahren dazu zwingt, ihre Haare zu verbergen. Der Absender des Videos erklärte, die Frau sei daraufhin verhaftet worden.

Masih Alinejad, eine im New Yorker Exil lebende Iranerin, hat daraufhin einen Hashtag verbreitet. Via Twitter bat sie die Menschen in ihrem Heimatland darum, sich umzuhören, wo die junge Frau verblieben und was mit ihr geschehen sei. Die Reaktion: „An einem Tag haben 19.000 Leute dazu getweetet“, erzählt Alinejad, und viele weitere Frauen seien auf Stromkästen gestiegen und hätten ihre Kopftücher geschwungen, dazu die Bilder gepostet. Ein Junge habe ebenfalls mitgemacht und geschrieben: „Auch ich bin dieses Mädchen.“

Mit dieser Aktion, die inzwischen einige Jahre zurückliegt, entdeckte Masih Alinejad die Macht der sozialen Medien. Dank fünf Millionen Followern (allein auf Twitter fast 300.000) avancierte die quirlige Frau zur Symbolfigur für viele Iranerinnen, die sich mit subversiven Aktionen gegen jenes Verschleierungsdiktat auflehnen, das nur die Spitze des Eisberges der Unterdrückung ist. Wer gegen das Regime der Mullahs protestiert – und das Ablegen des Kopftuches ist ein solcher Protest –, wird dafür bestraft, wird öffentlich ausgepeitscht oder für viele Jahre ins Gefängnis gesteckt. Mit ihrer weißen Blume im offenen Haar, ihrem Markenzeichen, versucht Masih Alinejad diesen Menschen eine Stimme zu geben.

Wie wichtig diese Arbeit ist, zeigt Nahid Persson in ihrer rund 60-minütigen Dokumentation, die im Rahmen der bemerkenswerten Arte-Reihe „Menschen Leben“ ausgestrahlt wurde. Die in Schweden lebende iranische Autorin und Regisseurin hat sich schon mehrfach mit dem Thema Korruption im Iran auseinandergesetzt. Ihr lebhaftes und sehr persönliches Porträt macht spürbar, von welchem Elan Masih Alinejad angetrieben wird. So präsentiert der Film unter anderem eine Reihe von Hassbotschaften, die die Aktivistin tagtäglich ertragen muss: „Frau Masih Alinejad“, erklärt ein Anrufer mit ruhiger Stimme, „wir verätzen dir bald dein Gesicht mit Säure. Entehre nicht die iranischen Frauen.“ Wenn solche Nachrichten auf sie einprasseln, bleibt der Film jeweils sehr nah an der Protagonistin. Dokumentiert wird dabei unter anderem die niederschmetternde Nachricht von ihrem im Iran lebenden Bruder, der unter fadenscheinigen Gründen für viele Jahre weggesperrt wurde. Mit solchen Manövern versucht das iranische Regime, Alinejad zu erpressen. Die Kamera ist jeweils sehr dicht dran. Der Film ist daher zuweilen eine emotionale Achterbahnfahrt.

Die Dokumentation zeigt bedrückende Tiefs, die Masih Alinejad ertragen muss. Zum anderen aber lässt er den Zuschauer auch zahlreiche liebenswürdig skurrile Momente miterleben. So zitiert Nahid Persson beim Nachzeichnen der Biografie ihrer Protagonistin unter anderem auch ein Handyvideo aus der Zeit, in der Masih Alinejad noch in Teheran als Parlamentsreporterin arbeiten durfte. Dieser Job wurde ihr gekündigt – nachdem sie die recht hohe Gehaltsabrechnung eines iranischen Abgeordneten geleakt hatte. Davor führte sie regelmäßig Interviews mit Parlamentariern. Einen von ihnen fragte sie, warum Frauen im Iran eigentlich nicht singen dürften. Sie habe doch eine so schöne Stimme – und schon trällert sie los. Der Abgeordnete, der natürlich mitbekommen hat, dass er in dieser Situation gefilmt wird, klatscht zynisch Beifall.

Wie sehr diese Mischung aus zivilem Ungehorsam und digitaler Guerillataktik das Mullah-Regime trifft, belegt der im vergangenen Jahr vom FBI vereitelte Versuch des iranischen Geheimdienstes, die unliebsame Regimekritikerin aus New York zu kidnappen. Neben erhellenden Einblicken in Alinejads Arbeit mit sozialen Medien richtet der Film den Fokus auch auf ihre international vernetzte Medienarbeit. Dokumentiert wird unter anderem ein live im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlter Disput zwischen der Aktivistin und einem linientreuen Journalisten aus dem Iran. Den Aufhänger bildeten unter anderem jene Proteste vom November 2019 gegen die Erhöhung der Benzinpreise im Iran, bei denen das Regime innerhalb von drei Tagen über 1500 Menschen erschoss.

Der Film zeigt auch, wie Alinejad die internationale Gemeinschaft in die Pflicht nimmt. So kritisiert sie unter anderem die schwedische Handelsministerin Ann Linde, die von sich selbst sagte, sie gehöre einer „feministischen Regierung“ an. Ein um die Welt gegangenes Foto, auf dem die Ministerin während eines Staatsbesuchs in Teheran 2017 mit Kopftuch zu sehen ist, verdeutlicht, wie fadenscheinig dieser Feminismus ist. Mit der Geste, sich freiwillig dem religiösen Diktat zu unterwerfen, so Alinejad, beleidige die Schwedin „die Kultur unseres Landes“.

Indirekt angesprochen wird so auch die Doppelmoral jener sich liberal und weltoffen gebenden politischen Gruppierungen in Europa, die das Tragen eines Kopftuchs als Religionsfreiheit verteidigen – und damit im selben Atemzug jenen Frauen in den Rücken fallen, die im Iran für das Ablegen des Hidschabs massiv drangsaliert werden. Dokumentiert werden zahlreiche aus dem Alltag gepostete Handyvideos, die zeigen, wie Frauen, die sich beim Autofahren nicht verschleiern, von bärtigen Männern aus dem Wagen gezerrt und auf offener Straße verprügelt werden.

Der deutsche Titel des Films – „Mit wehenden Haaren gegen die Mullahs“ – klingt etwas pathetisch. Wenn die Regisseurin, die eine ähnliche Frisur hat, neben ihrer Protagonistin in New York den Bürgersteig entlanggeht, dann sieht man jedoch tatsächlich die im Wind wehenden Haare der beiden Frauen. Dieser Sendetitel ist dennoch angemessener als der Arbeitstitel, wonach der Film ursprünglich „Die Kopftuch-Revolution“ heißen sollte. Für der Ausstrahlung im Arte-Programm in Frankreich hieß der Film übrigens „À visage dévoilé: Le combat de Masih Alinejad“ („Mit enthüllten Gesicht: Der Kampf der Masih Alinejad“). So unterschiedlich können Vorstellungen über Sendetitel sein.

Die Dokumentation, die der Südwestrundfunk (SWR) fürs Arte-Programm beisteuerte, wurde koproduziert mit den Sendern SVT (Schweden), NHK (Japan) und RTS (Schweiz). Und als Fazit lässt sich feststellen: „Mit wehenden Haaren gegen die Mullahs“ (Real Reel-Produktion) ist ein mitreißender Film, der verdeutlicht, dass es im Iran neben der radikalislamischen Regierung und ihren korrupten Anhängern auch andere politische Gruppierungen gibt.

17.08.2021 – Manfred Riepe/MK

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