Nachtstudio. Thema: „Wie viel Kultur braucht der Mensch?“ Moderation: Volker Panzer (ZDF)

Abschied nach fünfzehn Jahren

29.06.2012 •

Am Ende sang ihm dann Deutschlands ältester Liedermacher das Lied, das dieser schon seit über vierzig Jahren singt: „Heute hier, morgen dort“. Dieses Lied von Hannes Wader, der am 23. Juni 70 wurde, enthält eine Zeile, die auf die Sendung passte, in der auftrat: „Dass nichts bleibt, wie es war.“ Denn dieses „Nachstudio“ war die letzte Ausgabe. Moderator Volker Panzer, der die Gesprächssendung vor fünfzehn Jahren geschaffen und die gesamten Jahre auch moderiert hat, hört auf. Er ist 65 Jahre alt und geht in Pension. Und damit wird die Sendung eingestellt. Viele werden sie nicht gekannt haben. Das „Nachtstudio“ trug seinen Namen zu Recht. Es wurde zur nachtschlafender Zeit ausgestrahlt. Die letzte Sendung begann um 0.20 Uhr. Und als sie nach einer Stunde endete (360.000 Zuschauer waren dabei, Marktanteil: 4,9 Prozent), folgte unter dem Titel „Der Kult im Kasten“ noch ein über zweistündiger Zusammenschnitt aus den Ausgaben der vergangenen Jahre.

Man musste die Sendung, die sich kultureller Themen annahm und in kleiner Runde mit bis zu vier Gästen diskutieren ließ, nicht unbedingt regelmäßig sehen. Da waren die Fragen, die Volker Panzer stellte, nicht immer tiefgehend genug, und die Themen wirkten mitunter recht zufällig oder gar beliebig gewählt. Aber mitunter gelangen wunderbare Gespräche, wenn nur die richtigen Gäste auf das richtige Thema trafen. Einmal sprachen der Schauspieler und Autor Hanns Zischler und der Soziologe Wolf Lepenies, beide ausgewiesene Kenner der Filmgeschichte, über die Komik von Laurel & Hardy. Das war nicht nur äußerst komisch, sondern auch tiefsinnig und im guten Sinne belehrend. Oder die Folge mit fernsehkritischen Gesprächen, die der Schriftsteller Rainald Goetz initiiert hatte – ein wunderbares Parlando über das eigene Medium.

Die Sendung hat sich im Lauf der Zeit durchaus gewandelt. In den ersten Jahren wirkte das Studio größer, die Gäste saßen weiter auseinander. Zuletzt imitierten die einander gegenüber aufgestellten sechs Sessel und der Couchtisch zwischen ihnen so etwas wie eine Wohnzimmeratmosphäre, die nur durch das Kaminfeuer, das auf einem Monitor flackerte (ein Kennzeichen der Sendung), ironisch gebrochen wurde.

Auch Volker Panzer hat sich mit der Zeit geändert. Er wirkte zuletzt nicht mehr so beflissen und streberhaft wie in den Anfangsjahren, als er jedes Mal, wenn gewichtige Namen wie Kant, Goethe oder Marx erwähnt wurden, ein zustimmendes Geräusch wie „Hmm“ von sich gab. Dass er angesichts des großen Spektrums an behandelten Themen nicht bei jeder Materie gleichermaßen firm war, konnte man ihm ebenso wenig übel nehmen wie mitunter eine gewisse Mattheit, die den Moderator angesichts von stets zwei an einem Tag aufgezeichneten Sendungen befiel. Als Leiter des Gesprächs blieb er gelassen. Er versuchte immer eine Balance zu finden zwischen dem Abarbeiten der eigenen Stichworte und der autonomen Lebendigkeit des Gesprächs. In diesem Sinne wirkte seine Sendung wie aus einer anderen Zeit.

Zum finalen „Nachstudio“-Gespräch hatte Volker Panzer den Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hans-Josef Ortheil, die Publizistin Cora Stephan und den früheren Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“, Johannes Willms, zu Gast. Es war eine Runde, die in derselben Zusammensetzung stattfand, wie eine schon vor fünfzehn Jahren. Dass Panzer schnell das Thema wechselte, als beim aktuellen Gespräch konkrete Kritik am ZDF-Programm geübt wurde, bewies erneut, dass er nicht der Radikalste unter den Moderatoren war.

Als zusätzliche (Abschieds-)Gäste waren diesmal die Liedermacher Dota Kehr, Konstantin Wecker und der erwähnte Hannes Wader eingeladen, die zum ersten Mal in der Geschichte der Sendung für Gesangsintermezzi sorgten. Ansonsten war es eine eher schwächere Sendung, die zum Thema „Wie viel Kultur braucht der Mensch?“ leise vor sich hinplätscherte. Panzers Schlusswort lautete: „Wir verabschieden uns nun ins Archiv.“ Tatsächlich dürften manche Passagen aus seiner Sendereihe als Archivmaterial noch eine gewisse Zeit interessant und präsent sein.

29.06.2012 – Dietrich Leder/FK

 

• Text aus Heft Nr. 26/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

29.06.2012 – FK

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Foto: Screenshot


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