Mona Botros/Thomas Schneider: Schuld ohne Sühne? Die katholische Kirche und der sexuelle Missbrauch (ARD/SWR) / Nicolai Piechota/Andrea Schreiber: Abschottung oder Aufbruch? Die katholische Kirche und die Missbrauchskrise (ZDF)

Auf der Suche nach Glaubwürdigkeit

06.03.2019 •

Kaum ein Thema hat Gläubige und Außenstehende in den letzten etwa zehn Jahren so sehr bewegt wie die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche. Und nirgends sonst wurde der eigene moralische Anspruch so sehr konterkariert wie durch die Taten von Geistlichen, die ihre Vertrauensposition missbrauchten. Nicht zuletzt aber sorgte das Handeln der Vorgesetzten für Empörung, die Täter schützten und Opfer oft nicht ernst nahmen. Angeblich ging es Kardinälen, Bischöfen und Prälaten um den Schutz der Institution Kirche, dabei übersehend, dass ihr unverantwortliches Handeln auf anderer Ebene einen noch viel größeren Schaden anrichtet.

Die sogenannte Anti-Missbrauchskonferenz von mehr als 100 Bischöfen, Ordensoberen und Fachleuten vom 21. bis 24. Februar im Vatikan mit Papst Franziskus nahmen ARD und ZDF zum Anlass, in den Tagen kurz vor Beginn des Gipfeltreffens in zwei Dokumentationen die Materie (erneut) aufzugreifen. Die Themenstellung brachte es mit sich, dass sich einzelne Aspekte wiederholten, wenn man beide Filme sah. Doch zugleich stellte man fest, dass sich die beiden Beiträge mit ihren unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen, die im jeweiligen Haupttitel zum Ausdruck kamen, auch sinnvoll ergänzten; die ARD fragte: „Schuld ohne Sühne?“, das ZDF: „Abschottung oder Aufbruch?“

Eine von der Kirche beauftragte Untersuchung hatte 2018 festgestellt: Es gab Tausende Opfer sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. Die Forscher sprachen von „der Spitze des Eisbergs“ – ihre Untersuchung löste Bestürzung aus. Seit Aufdeckung der Skandale hat die Kirche einiges unternommen. Bleibt die Frage, der auch beide Dokumentationen nachgingen: „Reichen die Maßnahmen aus, um Missbrauch in Zukunft zu verhindern?“

Wunibald Müller kam als Zeuge in beiden Filmen vor. Seit Jahrzehnten betreut er Opfer und auch Täter. Für ihn ist klar, dass der Pflichtzölibat abgeschafft werden muss. Den Zölibat, also die Ehelosigkeit der Priester, hält er grundsätzlich für eine wertvolle Lebensform, aber er sollte freiwillig gestaltet sein. Hier müsse sich etwas Konkretes ändern, Appelle habe es reichlich gegeben. Im ARD-Film spricht Müller darüber, dass der Zölibat für Menschen anziehend wirke, die sich mit ihrer Sexualität nicht ausreichend auseinandergesetzt hätten. Im ZDF-Beitrag erfährt der Zuschauer, dass es inzwischen in den Curricula der Priesterausbildung auch die Befassung mit der eigenen Sexualität gebe, zumindest werden Beispiele aus Münster und dem Seminar der Diözese Rottenburg/Stuttgart gezeigt – beginnende Versuche, Verhaltensformen einzuüben, die Missbrauch verhindern sollen.

Bevorzugt die 45-minütige ARD-Dokumentation – ausgestrahlt im Rahmen der Reihe „Die Story im Ersten“ – die Darstellung von Einzelfällen und die Reaktion der Institution auf diese Fälle, so geht es im halbstündigen Film des Formats „ZDFzoom“ eher darum, die tieferen Ursachen sexuellen Missbrauchs durch Ordensleute und Priester aufzuzeigen. Und Änderungen im System anzudeuten, die überfällig sind. Denn offenkundig begünstigen die innerkirchlichen Strukturen den Missbrauch: Dazu gehören die Macht des priesterlichen Amtes, eine problematische Sexualmoral, besonders im Hinblick auf die Homosexualität, sowie der Umgang mit dem Zölibat.

Die genannten Beispiele für Missbrauch lassen den Zuschauer kopfschüttelnd zurück. Wenn etwa ein Priester gegenüber einem Kind erklärt, wegen der Ehevorbereitung müsse er feststellen, ob eine Vorhautverengung des Penis vorliege. Oder wenn geschildert wird, dass ein Priester nach einem Missbrauch vom Opfer gefragt wird, wie er das mit seinem Keuschheitsgelübde vereinbaren könne. Der antwortete – so das Zitat eines Opfers im ZDF-Film –, dass dieses Gebot nur für den Umgang mit erwachsenen Frauen gelte. Solche Beispiele zeigen die Verlogenheit vieler Täter. Wobei der Leiter der Studie, die den Missbrauch untersuchte, Professor Harald Dreßing, deutlich machte, dass nicht der Zölibat die eigentliche Ursache für Missbrauch sei, sondern der nicht adäquate Umgang mit der Sexualität.

Den ZDF-Autoren ist es gelungen, neben Bischof Heiner Wilmer aus Hildesheim auch den Freiburger Erzbischof Stephan Burger für ein Statement zu gewinnen. Das war deshalb erstaunlich, weil die ARD-Autoren sich in Freiburg mit dem Pressesprecher des Erzbistums ‘begnügen’ mussten, der einen Brief des vormaligen Offizials Burger an ein Missbrauchsopfer in kalter Juristensprache relativierte und sagte, es habe sich lediglich um eine Rechtsauskunft gehandelt. Im ZDF-Film erklärt der Erzbischof sehr plastisch, dass ein Patient sich schwerlich selbst kurieren könne. Er plädiert, wie wohl eine Minderheit seiner deutschen Bischofskollegen, für externe Aufklärung. Zwar heißt es, die Bischöfe würden um eine gemeinsame Linie ringen; ob dies allerdings zu Mut für tiefgreifende Reformen führt, ist durchaus zweifelhaft. Wunibald Müller ist deutlich: „Wir fahren die Kirche mit Karacho gegen die Wand, wenn wir es nur bei Absichtserklärungen belassen.“

Es wird nicht mehr bestritten, dass es Missbrauch gegeben hat (und wahrscheinlich noch gibt). Es gibt Reaktionen: Einem Bischof wurde die Zuständigkeit für die Thematik übertragen, in einzelnen Bistümern wurden spezielle Beauftragte eingesetzt, es gibt Geld für Opfer, Leitlinien zur Vermeidung von Missbrauch, Fortbildungen und eine geänderte Priesterausbildung. Man kann nicht sagen, dass seit dem ersten Aufdecken von Missbrauch – 2010 im Berliner Canisius-Kolleg – nichts passiert sei. Was aber beide Dokumentationen herausarbeiten, ist die Notwendigkeit, am gesamten System etwas zu ändern. Sexuelle Gewalt hat, wie in beiden Filmen klar wird, immer mit Machtausübung zu tun; dies ist nach Aussagen von Fachleuten sogar das entscheidende Charakteristikum, weniger die momentane sexuelle Befriedigung. Und für die Zukunft gehe es zudem um den Verzicht auf die Pflicht zum ehelosen Leben für Priester, um eine sinnvolle Art von Gewaltenteilung und nicht zuletzt auch um den Umgang mit Frauen bis hin zur Zulassung mindestens zum Amt einer Diakonin.

Während dieser Text entsteht, wird gemeldet, dass das Bundesarbeitsgericht die Kündigung eines katholischen Chefarztes nach Wiederheirat für unwirksam erklärt hat. Sein Fall betrifft die Sonderrechte der Kirche als Arbeitgeberin von 1,4 Millionen Menschen in Deutschland: Seit zehn Jahren wehrte sich der geschiedene katholische Arzt gegen seine Kündigung. Nun hat er, nach einer vorhergehenden Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, auch in Deutschland höchstinstanzlich Recht bekommen. Ungezählte Dokumentationen und Talkrunden hat es bereits zum kirchlichen Arbeitsrecht gegeben. Man kann nach den beiden Dokumentationen zum Missbrauch den Eindruck gewinnen, dass sich in der katholischen Kirche noch mehr ändern muss als die Haltung zur Sexualität. Und vielleicht beginnen die Verantwortlichen einmal darüber nachzudenken, warum sie im Fall des Chefarztes so sehr auf die Einhaltung ihrer Regeln pochen, bei den eigenen Mitbrüdern aber lange Zeit wegschauten oder Lösungen fanden, die den Tätern dienten und die Opfer vernachlässigten. Die katholische Kirche tut sich schwer auf der Suche danach, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

06.03.2019 – Martin Thull/MK