Mischka Popp/Thomas Bergmann: 90 Jahre Plus – Unterhaltungen mit einer Wachstumsgruppe (ZDF)

Stimmen aus dem Off des Lebens

23.12.2005 •

Das Alltägliche und Vertraute erscheint manchmal ziemlich fremdartig und das Fremdartige zugleich vertraut. Zumindest in Filmen von Mischka Popp und Thomas Bergmann. Wie urbane Höhlenforscher ziehen die Frankfurter „Heimwerker“ immer wieder mit ihrer Kamera aus, um die sogenannte Normalität zu hinterfragen – diskret, heiter und nie dogmatisch. Nach Themen wie Sex, Murks, Verrücktheit, Sicherheit und Blindheit haben Popp und Bergmann nun einen Film zu einem Thema vorgelegt, über das es unendlich viele Reflexionen gibt – aber keine wie „90 Jahre Plus“: Vier Menschen zwischen 93 und 99 Jahren – deren Uhr nach „normalen Maßstäben“ längst abgelaufen ist – sitzen vor der Kamera und sprechen, gewissermaßen aus dem Off des Lebens.

Rechtsanwalt Hans-Joachim Lemme, der älteste der vier Methusalems, ist der Überzeugung, dass man „als Staatsbürger nie im Ruhestand ist“. Verantwortung als Staatsbürger bedeutet für ihn Streitkultur, und genau das halte ihn jung. Wenn Lemme sich an seine Demos gegen den Ausbau der Frankfurter Startbahn West erinnert (die 1981 stattfanden) und in einem Nebensatz hinzufügt: „Damals war ich schon sehr alt“ – dann wird dem Zuschauer gerade durch diese Beiläufigkeit schlagartig klar, dass dieser Mann tatsächlich steinalt ist.

Es gehört zur Qualität der 60-minütigen Dokumentation, die das ZDF zum mitternächtlichen Sendetermin versteckte (390.000 Zuschauer; Marktanteil: 6,3 Prozent), dass man beim gebannten Zusehen und Zuhören eher en passant ein Gespür fürs Altsein bekommt, und zwar unabhängig von der abstrakten Zahl „90 Jahre“. Diese völlig unaufgeregten Erzählungen der vier Senioren über Banales und allzu Banales bekommen plötzlich eine Art von stiller Abgründigkeit. Wenn etwa die 94-jährige Therese Ötzel, um die Müdigkeit zu vertreiben, immer wieder allein auf dem Friedhof spazieren geht, dann ist sie dem Tod sehr nahe, und gleichzeitig fühlt sie sich von der sauerstoffreichen Luft in dieser angenehm ruhigen Parklandschaft sehr vitalisiert. Sie lacht. Der Witz dieser stillen Metapher drängt sich nicht auf, zum Schmunzeln kommt der Zuschauer erst, wenn er sich einlässt auf diese liebenswürdig kauzige Entdeckung der Langsamkeit – die sich in betont ruhigen, beinahe meditativen Bildern spiegelt. Es gehört schon eine gewisse Sensibilität dazu, Menschen in ihrem Alltag im Altersheim so zu zeigen, dass man als Zuschauer keine Berührungsängste, sondern den Eindruck hat, „zu Gast bei Freunden“ zu sein. Das Bild des (Lebens-)Baums, mit dem der Film beginnt und endet, ist zwar nicht Originalität pur, aber auf den zweiten Blick merkt man, dass man es kaum hätte anders machen können.

„90 Jahre Plus – Unterhaltungen mit einer Wachstumsgruppe“ (Produktion: Pilotfilm) ist eine überaus lebendige Dokumentation über Menschen, die dem Tod beharrlich von der Schippe springen. Das jeweilige Geheimnis ihrer Langlebigkeit werden sie wahrscheinlich mit ins Grab nehmen, aber solange sie vor der Kamera reden, wirkt ihre Vitalität sehr ansteckend. So macht die seit ihrer Jugend sportbegeisterte Elisabeth Weber keinen Hehl daraus, dass sie sich auch noch mit 93 Jahren an ihren schlanken Beinen erfreut. Wenn sie im selben Atemzug bedauert, dass sie ihre zahlreichen Sportabzeichen, die sie bei Leichtathletik-Wettkämpfen errungen hat, nicht mehr tragen kann, „weil da ein Hakenkreuz dran ist“, dann wird Geschichte plötzlich lebendig und präsent.

Mischka Popp und Thomas Bergmann ist mit dieser Produktion ein sehr menschlicher Film gelungen, in dem es aber nie menschelt. Die Gespräche mit jener Bevölkerungsgruppe, die statistisch gesehen am schnellsten wächst, atmen eine milde Form der Altersweisheit. Gegenüber dieser halb schrägen Annäherung an das Alter sehen viele andere Dokumentationen und Dokumentarfilme über Oldies und deren Schicksale wirklich alt aus.

• Text aus Heft Nr. 51-52/2005 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.12.2005 – Manfred Riepe/FK

Print-Ausgabe 24/2019

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