Miroslava Zlatníková/Robert Dornhelm: Maria Theresia. 2‑teiliges Historiendrama (Arte)

Spagat zwischen Gestern und Heute

29.12.2018 •

29.12.2018 • Die klassischen Streitereien eines modernen Paares tragen Franz Stephan und Maria Theresia miteinander aus. Während sie Karriere macht, fühlt er sich zunehmend überflüssig und in seiner Rolle als Mann in Frage gestellt. So weit, so typisch. Bloß, dass diese Ehestreitigkeiten fast 300 Jahre zurückliegen: Maria Theresia war Erzherzogin von Österreich, die ab 1740 bis zu ihrem Tod im Jahr 1780 die Regierungsgeschäfte der Habsburgermonarchie führte, während ihr Gatte Franz Stephan von Lothringen mit Politik nichts am Hut hatte und sich stattdessen dem Aufbau von Seidenmanufakturen widmete.

Ein ziemlich fortschrittliches Paar waren die beiden, nicht nur bei der Rollenverteilung, sondern auch in Fragen der Medizin oder der Kindererziehung – jedenfalls, wenn man dem opulent ausgestatteten Zweiteiler „Maria Theresia“ von Robert Dornhelm folgt. Bei dem Historiendrama handelt sich um eine aufwendige internationale Koproduktion des Österreichischen Rundfunks (ORF; federführend), des slowakischen Rundfunks RTVS, des tschechischen Fernsehens CZ und des ungarischen Rundfunks MTVA (Produktion: MR-Film und Beta Film mit Maya Production). Der Film, für den die Tschechin Miroslava Zlatníková das Drehbuch geschrieben hat, wurde bereits im Dezember vorigen Jahres im ORF-Fernsehen erstausgestrahlt und ist nun am 28. Dezember 2018 als Einbringung des ZDF im deutsch-französischen Kulturprogramm Arte zu sehen.

Die Liebesgeschichte von Maria Theresia (Marie-Luise Stockinger) und Franz Stephan (Vojtěch Kotek) steht ganz im Mittelpunkt des Films – vom ersten Kennenlernen, als sie gerade einmal sechs Jahre alt ist und sich in den neun Jahre älteren Charmeur verliebt, über die Verhandlungen um ihre Verheiratung gut zehn Jahre später, an denen sich unzählige Herrscherhäuser beteiligen, um das Kräftegleichgewicht in Europa stabil zu halten oder im eigenen Sinne zu beeinflussen. Am Ende setzt sich Maria Theresia durch und darf, ungewöhnlich genug für damalige Adelsverbindungen, den Mann ihres Herzens heiraten. Der muss dafür allerdings sein Land Lothringen an Frankreich abtreten – seine „Kastration“ ist also gewissermaßen schon die Bedingung für die Hochzeit.

Eine glückliche Zeit verbringen die beiden in den ersten Jahren ihrer Ehe in der Toskana. Doch als ihr Vater Kaiser Karl VI. stirbt, muss die unerfahrene und auf das Amt kaum vorbereitete Maria Theresia in Ermangelung eines männlichen Erben selbst den Habsburger-Thron besteigen. Damit endet der erste Teil des zweiteiligen Fernsehfilms, der sich überraschend politisch gibt. Regisseur Robert Dornhelm – bekannt für teure internationale Ausstattungsorgien wie etwa bei „Kronprinz Rudolfs letzte Liebe“ (2006) oder „Krieg und Frieden“ (2007) – nutzt die Love Story von Maria Theresia und Franz Stephan als Vehikel, um darüber von den politischen Intrigen am Wiener Hof, aber auch den diplomatischen Verwicklungen zwischen Preußen und Habsburgern zu erzählen. Was Buch und Regie im Übrigen auch reichlich Gelegenheit dazu gibt, mit staunendem oder dezent spöttischem Blick die absurden und menschenfeindlichen Zeremonielle des Hofes zu beleuchten.

Doch „Maria Theresia“ ist darüber hinaus die durchaus feministisch zu nennende Geschichte einer (weiblichen) Selbstermächtigung. Im zweiten Teil wird sich die Erzherzogin nicht nur gegen die Skepsis des Hofes, des Ministerrats und der Bevölkerung, sondern auch die ihres eigenen, eigentlich doch so fortschrittlichen Mannes als unbestrittene Herrscherin Österreichs durchsetzen. Maria Theresia, die sich gleich nach ihrem Amtsantritt mit dem Österreichischen Erbfolgekrieg an mehreren Fronten konfrontiert sah, wird im Film als sowohl tiefgläubig wie geistig rege und temperamentvoll gezeichnet. Allerdings lernt das zu Beginn des Geschehens so unbedarfte, fröhliche Mädel durch die Last des Regierungsamts nicht nur zu intrigieren und strategisch zu denken, sondern wird mit seinem ganzen Wesen zunehmend auch ins Korsett der Staatsräson hineingeschnürt. Zudem fordern Politik und Karriere ihren Preis im Privatleben. Die Ehe leidet, Franz Stephan pflegt diverse Affären und Maria Theresia wird vom ungarischen Grafen Esterházy umworben, der im Austausch für seine militärische Unterstützung mehr als Freundschaft erwartet.

Gerade die letztere, offenbar mit einiger dichterischer Freiheit ausgemalte und recht ausgewalzte Episode legt gewisse Schwächen in der Dramaturgie offen: Die (auch erotische) Anbahnung des Deals zwischen Österreich und Ungarn nimmt so viel Raum in Anspruch, dass für eine Erklärung, wieso sich das stolze Ungarn schlussendlich freiwillig in den Dienst der österreichischen Herrscherin stellt, keine Zeit mehr bleibt – Maria Theresias sehr emotionale Bitte um Unterstützung kann wohl kaum der alleinige Grund dafür gewesen sein. So endet der zweite Teil eher erratisch. Und in diesem Teil irritiert dann auch noch ein vermutlicher Schnittfehler, durch den eine Verwicklung des (überraschend platt gezeichneten) düsteren Hofgeistlichen in den Tod von Maria Theresias kleiner Tochter Maria Karoline suggeriert wird.

Abgesehen davon aber kann der Zweiteiler „Maria Theresia“ weitgehend überzeugen, und zwar vor allem mit seinem modernen Blick auf die historischen Geschehnisse. Dieser Zugriff wird in Dialoge gegossen, die einen für heutige Ohren stimmigen Mittelweg finden zwischen alter Form und frischem Inhalt. Die Regie wiederum gibt sich bei aller Faszination für die zugegeben prachtvollen Kostüme und die eindrucksvolle Ausstattung nicht völlig distanzlos der Opulenz hin, sondern zeigt auch deren Hohlheit und Menschenfeindlichkeit. Wobei es Dornhelm dennoch nicht lassen kann, ein szenenbildnerisches Schmankerl wie die ungarischen Krönungsfeierlichkeiten ausführlich zu zelebrieren, auch wenn dies den Film inhaltlich wie dramaturgisch nicht voranbringt.

Einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen der insgesamt 200-minütigen Produktion leisten natürlich auch die Schauspieler. Die Nebenrollen sind mit Fritz Karl, Karl Markovics, Julia Stemberger oder Cornelius Obonya hochkarätig besetzt. Und auch hierzulande eher unbekanntere Akteure wie Zuzana Stivínová, Bálint Adorjáni, Táňa Pauhofová oder Anna Posch überzeugen. Allen voran aber steht in der Rolle der Maria Theresia die junge Burgschauspielerin Marie-Luise Stockinger, die ihre schwierige Rolle zwischen jugendlicher Naivität und der Bürde des Herrschens mit Bravour meistert. Schön, wie sie mit ihrem ‘Hingefläze’ auf königlichen Sitzgelegenheiten ganz subtil ein wenig vom Widerstandsgeist ihrer Jugendjahre ins Regierungsamt hinüberrettet. Daneben erscheint der tschechische Schauspieler Vojtěch Kotek als ihr Ehemann Franz Stephan ein ganzes Stück blasser, was aber eben auch am Rollenzuschnitt liegt.

Dass ein vermeintlich so konservatives Projekt wie ein opulenter Kostümfilm fürs Fernsehen durchaus zukunftsweisendes Potenzial haben kann, zeigt dieses Großprojekt. „Maria Theresia“ jedenfalls gelingt der Spagat zwischen Gestern und Heute ziemlich gut.

29.12.2018 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 12/2019

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