Michael Wech/Demian von Osten/Ralph Hötte: Todesflug MH 17. Warum mussten 298 Menschen sterben? Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/WDR/NDR)

„Wir wollen herausfinden“

02.05.2015 •

Wenn Fernsehsender Medienjournalisten bitten, erst am Sendetag über eine vorab zu sehende Reportage zu berichten, hängt das in der Regel mit der Angst vor etwaigen Einstweiligen Verfügungen zusammen. Personen oder Firmen, die in dem Film nicht gut wegkommen, könnten, animiert durch eine Vorabkritik, versuchen, die Ausstrahlung auf dem juristischen Weg noch kurzfristig zu verhindern.

Dass die Reportage „Todesflug MH 17“ im Vorführraum der WDR-Presselounge mit Einschränkungsvermerk versehen war („Für die Berichterstattung über Inhalte des Films gilt folgende Sperrfrist: Radio, TV, Internet: Montag, 5.00 Uhr, Print: Montagsausgaben“), hatte jedoch andere, weit trivialere Gründe. Wer am 27. April (Montag) die „Süddeutsche Zeitung“ aufschlug, fand darin in großer Aufmachung auf Seit 8 quasi den Film in Worten. Wobei zwei der Printautoren, Ralph Hötte und Demian von Osten, zusammen mit Michael Wech auch für die TV-Reportage verantwortlich zeichneten. Und auch in den Radioprogrammen der ARD und zudem im Deutschlandfunk wurde man schon morgens in den Nachrichten nahezu flächendeckend informiert darüber, dass „ein Rechercheteam von NDR, WDR und ‘Süddeutscher Zeitung’“ brisante Neuigkeiten herausgefunden habe zum Absturz der Passagiermaschine der Malaysia Airlines (Flug MH 17) am 17. Juli 2014 über der Ostukraine. Aha, war die Sache mit der Sperrfrist also in erster Linie eine Werbemaßnahme in eigener Sache dieser organisatorisch wie finanziell noch immer diffusen Kooperation zwischen rundfunkbeitragsfinanzierten Sendern und einem privatwirtschaftlichen Zeitungshauses, deren regelmäßige, ausführliche Nennung in Radio und Fernsehen, mit Verlaub, inzwischen fast schon etwas Comedyhaftes hat.

Und was hatten die Journalisten nun in „monatelangen Recherchen“ (so der WDR im Begleittext zum Film) Brisantes herausgefunden? Vergleichsweise wenig. Dass die Katastrophe, bei der 298 Menschen den Tod fanden, durch einen Beschuss des Flugzeugs herbeigeführt wurde, war durch die Untersuchung der Wrackteile in den Niederlanden schließlich hinlänglich bekannt. Und zur Frage, wer dafür die Verantwortung trägt, wurden die Nachforschungen des britischen Bloggers und Journalisten Eliot Higgins vom Recherche-Netzwerk Bellingcat herangezogen, der bei Katastrophen und kriegerischen Auseinandersetzungen die sozialen Netzwerke akribisch nach entsprechenden Indizien und Hinweisen durchforstet, aus denen er seine Schlüsse zieht. Wie Higgins den Autoren des „MH-17“-Films (1,47 Mio Zuschauer, Marktanteil: 10,0 Prozent) mit einer Fülle von Bildern noch einmal ausführlich darlegte, wurde seinen Recherchen zufolge die tödliche Waffe von der Besatzung eines BUK-Raketenwerfers abgefeuert, der kurz zuvor von Russland als Teil eines Konvois in die Ostukraine gebracht worden war. Demzufolge spreche alles dafür, dass die 298 Passagiere sterben mussten, weil die Soldaten das Flugzeug irrtümlich für eine ukrainische Militärmaschine hielten.

Dennoch kommt den Autoren des Films das Verdienst zu, die Geschehnisse rund um die Katastrophe von den ersten wechselseitigen Schuldzuweisungen über die politischen Hintergründe und diplomatischen Verwicklungen bis zum heutigen Stand der Dinge mit Hilfe von Archivbildern und Zeugen resp. Experten akribisch nachgezeichnet zu haben. Wofür das Team unter anderem eigens in die nicht eben ungefährliche Ostukraine gereist war, um Zeugen für die Theorie von Higgins ausfindig zu machen. Und auch dessen Sicht der Dinge es bleibt eine Theorie, solange die offiziellen Stellen der Öffentlichkeit nicht die Tatsachen mitteilen, was bis heute nicht geschehen ist. Im Film hieß es gleich zu Beginn großspurig: „Wir wollen herausfinden, wer die Verantwortung für diese Katastrophe trägt.“ Dass dies zu leisten angesichts fehlender sicherer Beweise und der äußerst verwickelten Lage in diesem internationalen Fall, in dem es Thesen und Gegenthesen gibt, bisher eigentlich gar nicht möglich ist, schien die Filmemacher nicht zu stören.

Eine Sache hatten die Autoren dann aber auch wirklich exklusiv: Dass nämlich das deutsche Außenministerium es versäumt oder nicht für nötig gehalten hatte, die deutschen Airlines auf die gestiegene Gefährdung des Luftraums über dem betreffenden Areal hinzuweisen, obwohl man darüber vom deutschen Botschafter in Kiew wenige Tage vor der MH-17-Katastrophe informiert worden war. Diese Meldung spielte zwar im Film nur eine untergeordnete Rolle, rückte jedoch in den Hörfunknachrichten der ARD am 27. April stets als die brisante Neuigkeit in den Fokus. Gleiches in der 20.00-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“ und später in den „Tagesthemen“, in denen, zehn Minuten bevor die Reportage dann ausgestrahlt wurde, auch noch einmal in einem kurzen Beitrag auf diesen Aspekt hingewiesen wurde. (Der Film „Todesflug MH 17“ begann im Übrigen wegen eines ARD-„Brennpunkts“ um 20.15 Uhr zum Erdbeben in Nepal eine Viertelstunde später als ursprünglich vorgesehen.)

Unter dem Strich war die im Rahmen der Reihe „Die Story im Ersten“ gezeigte Reportage eine durchaus sehenswerte Zusammenfassung der Ereignisse. Sie litt dabei jedoch wiederum darunter, dass hier exzessiv vom Treibmittel der Emotionen Gebrauch gemacht wurde. Sprach schon im Vorspann der Off-Kommentar gänzlich sinnfrei davon, dass sich die Menschen, die am Amsterdamer Flughafen für MH 17 eincheckten, sich „einen Traum erfüllen“ wollten, kamen auch immer wieder und ausführlich Angehörige der Opfer zu Wort, die ihre Trauer in Worte zu fassen versuchten und erklärten, welch liebenswerte Menschen ihnen entrissen worden seien. Das alles ist tragisch und fraglos bewegend, doch was sollten diese Aussagen zur Klärung der Schuldfrage beitragen? Und als dann noch in einer nachgestellten Szene der malaysische Pilot im Cockpit Bilder seiner Kinder betrachtete (die Fotos hatte man offenbar der Witwe abgeschwatzt, die ebenfalls im Film auftrat), war eigentlich schon die Grenze zum Zynismus überschritten. Diesen Ausflug ins Reich der Seifenoper hätte es nun wirklich nicht gebraucht.

02.05.2015 – Reinhard Lüke/MK

Passagierflugzeug von Malaysian Airlines: Abgeschossen über der Ostukraine

Auf der Suche nach den Ursachen der Katastrophe: Gute Recherche, aber zu viel Emotionalisierung

Fotos: Screenshots


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