Michael Schumacher/Thomas Beetz/Vlady Oszkiel: Für Umme. 11‑teilige Serie mit jeweils rund 10‑minütigen Folgen (Amazon Prime Video)

Der Kaplan klebt klappbare Papp-Plakate

26.10.2020 •

Der Titel der neuen Amazon-Serie „Für Umme“ greift eine saloppe Redewendung auf, die so viel bedeutet wie „umsonst“. Worum geht es? Ganz zu Anfang erwacht der arbeitslose Schauspieler Moritz „Mo“ Mikkelsen angekettet in einer Badewanne. Zu sehen sind unappetitliche Details. Ein Mann mit S/M-Ledermaske schließt die Handschellen auf. Die surreale Szene ist nicht gerade eine Einladung für Liebhaber der gediegenen Komödie. Mit dieser grellen Duftmarke adressiert sich diese Comedy-Serie ganz bewusst an ein Nischenpublikum. An Zuschauer, die sich vorstellen können, welch skurrile Demütigungen ein Nachwuchsdarsteller auf Jobsuche so hinnehmen muss.

Es geht in diesem Projekt folglich um die absoluten Niederungen des Film- und Fernsehgeschäfts, geschildert aus der Perspektive eines Akteurs, „den wir aus unzähligen Filmen nicht kennen, weil er beim Casting durchgefallen ist“, wie es einmal heißt. Michael Schumacher, der durch die ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“ bekannt wurde, spielt Mo Mikkelsen, diesen verpeilten Möchtegern-Akteur Anfang 30, der in jedes Fettnäpfchen tritt und dadurch jede sich ihm bietende Chance vereitelt – was er auch anstellt, es ist nicht nur vergeblich, einmal bettelt er sogar um eine Rolle und bietet an, er würde auch „für umme“ auftreten.

Die Thematik luxuriöser Nöte eines postadoleszenten Jugendlichen, der den Anschluss ans Erwachsenenleben verpasst hat, kennt man durchaus. Da gab es zuletzt die großartige ZDF-Comedy-Serie „Fett und Fett“ von Chiara Grabmayr und Jakob Schreier (vgl. MK-Kritik), die dafür sorgte, dass auf diesem Themenfeld die Messlatte hoch liegt. „Für Umme“ setzt jedoch eine ganz Reihe erfrischend neuer Akzente. In jedem der skurrilen Castings, nach denen Mo jeweils abgelehnt wird, geht es auch um das ganz konkrete Handwerk. So müht der Möchtegern-Darsteller sich etwa mit dem Aufsagen jener Zungenbrecher ab, mit denen Schauspielschüler ihre Artikulationsfähigkeit üben. Beispielsweise: „Der Kaplan klebt klappbare Papp-Plakate“ (bitte ruhig einmal selbst versuchen, das ist wirklich nicht einfach!).

Doch wie stellt man als Schauspieler jemanden dar, der so etwas nicht kann? Der eigentlich nicht spielen kann? Das Problem erinnert an die Frage, wie man Langeweile darstellt, ohne zu langweilen. „Für Umme“ umschifft diese Klippe überraschend gut. Jede der elf knackigen Episoden übertrifft die vorangegangene. Dabei beginnt jede Folge so, dass man denkt: Das ist so schlecht, das kann eigentlich nicht funktionieren!

Oliver Korittke etwa verkörpert in zwei Folgen einen kunstbeflissenen Regisseur namens James Jarmers, der Mo in einer Art Nouvelle-Vague-Porno besetzen will. Eine Anspielung an die Independent-Ikone Jim Jarmusch. Haha! Sehr witzig, denkt man. Doch dann legt die Serie, die Michael Schumacher (Headautor) zusammen mit Thomas Beetz und Vlady Oszkiel (Regie) kreierte, immer noch eine Schippe drauf. Und dann noch eine. Vor der Kamera, so die Pointe, ist Mo ein Versager. Doch wenn er im Alltag in die Rolle einer Frau schlüpft oder einen Arztkittel überzieht, dann läuft er zur ungeahnten Hochform auf. Dank punktgenauer Dialoge bekommen diese slapstickhaften Scharaden ein erstaunliches Tempo. Sächselnde Ossis mit Laktoseintoleranz, militante Lesben und eine schwarze Mafia-Patin werfen sich im Screwball-Rhythmus die Bälle zu. Das hat Witz.

Die sprudelnde Komik dieser elfteiligen Produktion resultiert zum Teil auch aus der Vorgabe einer jeweils rund zehnminütigen Episodenlänge. Aber Moment mal: Eine Serie, deren Episoden nur zehn, zwölf Minuten lang sind? Wer braucht derartige Telehäppchen? Ist dieses Projekt selbst nicht buchstäblich für umme? Tatsächlich sind solche Produktionen eine Folge der weiteren strukturellen Ausdifferenzierung des umkämpften Medienmarkts. In dem Maß, in dem Streaming-Anbieter andere Erzähl- und Rezeptionsweisen etabliert haben (etwa das Binge-Watching), werden auch die zehnminütigen Kurzformate andere Arten von Geschichten etablieren. Es geht um neue Form des Erzählens für neue Möglichkeiten der Rezeption.

In Deutschland ist „Für Umme“ nicht der erste Versuch solcher Alternativ-Formate. Die Serie knüpft an die kurzen Spannungsbögen von Kai Wiesingers preisgekrönter Web-Serie „Der Lack ist ab“ an, von der es seit dem Start 2015 bereits fünf Staffeln gibt. Wiesingers unkonventionelle, pfiffig gemachte Comedy über ein Ehepaar, das mit Problemen des Alterns hadert, entstand nicht zufällig außerhalb des starren institutionellen Apparats linearer Fernsehprogramme. Mit Geldern von Opel und Vodafone erhielten die Macher auch die Freiheit, zu experimentieren.

Ob „Für Umme“ an den Erfolg von „Der Lack ist ab“ (inzwischen ebenfalls bei Amazon zu sehen) anknüpfen kann, bleibt allerdings abzuwarten. Immerhin wurde dieses neue Comedy-Projekt in der Presse durchweg in den höchsten Tönen gelobt. Trotz des sichtbar schmalen Budgets ist die Serie übrigens erstaunlich gut besetzt, neben Schumacher und Korittke unter anderem mit Martin Semmelrogge, Sabine Vitua, Philipp Sonntag, Heiko Pinkowski und der unwiderstehlich guten Gisa Flake.

Die Story dieser rotzfrechen, ungeschliffenen Comedy – die zugleich eine Dramedy ist – spiegelt sich übrigens in ihrer steinigen Entstehungsgeschichte. Eine Pilotfolge entstand bereits 2013. Doch nach der Insolvenz des Senders und Geldgebers eoTV, der die Serie ursprünglich finanzierte, stand das Projekt lange auf der Kippe. Dank Amazon und seiner Streaming-Plattform Prime Video konnten Michael Schumacher, Thomas Beetz und Vlady Oszkiel die Serie mit ihrer Produktionsfirma Kater Film realisieren und „Für Umme“ konnte doch noch sein (Nischen-)Publikum finden.

26.10.2020 – Manfred Riepe/MK

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