Michael Proehl/Maria-Anna Westholzer: Heute stirbt hier Kainer (ARD/HR)

Tolles Unikat

21.04.2021 •

Von der Textlastigkeit und etwas zu plakativen Lakonie der ersten Minuten sollte man sich keinesfalls abschrecken lassen! Da spricht der zentrale Protagonist Ulrich Kainer aus dem Off über sich, seine Liebe zur Natur und die niederschmetternde Diagnose, die er gerade bekommen hat. Dazu sind Bilder von Kainers ärztlicher Untersuchung zu sehen und davon, wie er Abschied nimmt von seinem bisherigen, offenbar sehr einsamen Großstadtleben.

Wirklich bei sich an kommt dieser ungewöhnliche ARD-Mittwochsfilm, als schließlich an den eigentlichen Schauplatz des Geschehens geschnitten wird: Oberöhde! In dem (fiktiven) Kaff landet der Endfünfziger Ulrich Kainer (Martin Wuttke) mehr oder weniger zufällig, mit dem Plan, sich das Leben zu nehmen. Quartier bezieht er bei der alleinerziehenden Marie, Nachname: Abel (Britta Hammelstein). Einen tieferen Sinn hat der Namenswitz über Kain und Abel nicht. Wie so manches in dieser Provinz-Posse mit Western-Touch ist er vor allem eins – albern. Das allerdings auf höchstem und sehr unterhaltsamem Niveau. Denn einmal in Fahrt gekommen, erweist sich der von Michael Proehl und Maria-Anna Westholzer geschriebene und von der Koautorin auch inszenierte Film als tolles Unikat in der hiesigen Fernsehlandschaft.

„Heute stirbt hier Kainer“ ist ein Film, wie er nicht mehr oft verkommt im deutschen Krimi-Mainstream-Fernsehen – überbordend vor Einfällen, Sex, Pistolen, schräger Typen und absurder Wendungen. Dazu kommen das freche Spiel mit politischen Unkorrektheiten und das Brechen von Klischees. So gibt es hier einen Schwarzen, der sich als „diagnostizierter Masochist“ von einer Gruppe tumber Nazis mit Genuss schlecht behandeln lässt. Und die im Kugelgewitter des Showdowns festgekettete Marie hat bei der feministisch geschulten Zuschauerin auch erst einmal spontane Ablehnung hervorgerufen. Tatsächlich aber ist diese Frau keineswegs hilflos oder passiv gezeichnet, gerade in sexueller Hinsicht weiß Marie zum Beispiel sehr genau, was sie will.

Filme über Menschen – gerne sind das Männer –, die durch das Leben, das ihnen gewissermaßen dazwischenkommt, vom Sterben abgehalten werden, gibt es ja öfter. (So hatte beispielsweise die ARD unlängst den Film „Ruhe! Hier stirbt Lothar“ im Programm, der zumindest im Ansatz einen ähnlichen Plot erzählte.) Häufig geht es bei derlei Geschichten um eine zweite, in die Zukunft gerichtete Chance, die sich für die Hauptfigur auftut. Im Zentrum von „Heute stirbt hier Kainer“ aber steht ganz klar die ziemlich irre Gegenwart von Oberöhde.

Das kleine Dorf erweist sich nämlich, konträr zu seinem sprechenden Namen, als äußerst lebendig. Hier gibt es etwa den Wirt Cesare (Michele Cuciuffo), der wegen eines Immobiliendeals mit seinen früheren Kumpels Bratsche (Alexander Hörbe) und Graber (Martin Feifel) im Clinch liegt und den beiden nun mit großer Geste droht. Und so wird aus dem plötzlich im Oberöhde aufgetauchten schweigsamen Fremden im ballonseidenen 1980er-Jahre-Trainingsanzug (den Kainer nur trägt, weil seine Kleider gerade in der Wäsche sind) durch das Getratsche einiger Rentner alsbald ein sizilianischer Mafioso. Cesare habe den Mann, so geht fortan das Gerücht im Dorf, auf seine Widersacher angesetzt.

Als Graber den vermeintlichen Mafia-Schergen zu sich nach Hause bittet, eskaliert die Situation auf tragisch-absurde Weise. Und zwar ganz ohne Kainers Zutun, der getreu seinem Einsamer-Cowboy-Image doch eigentlich einfach nur seine Ruhe haben will. Auf den Plan treten sodann ein großkotziger, das Landleben verachtender Ermittler (Justus von Dohnányi) und die erwähnte Nazi-Truppe. Alle zusammen sorgen schließlich für einen minutenlangen Showdown, wie man ihn noch selten gesehen hat in einem deutschen Fernsehfilm (vielleicht zuletzt in der fulminanten „Tatort“-Folge „Im Schmerz geboren“, zu der Michael Proehl ebenfalls das Buch geschrieben hatte). Diese finale Sequenz wie auch die ganze Produktion atmen eine Lust am (Genre-)Film, die ansteckend ist. Mit Hilfe von Kameraeinstellungen, Kostüm, Szenenbild, Musik und Tonspur, aber nicht zuletzt auch Dramaturgie und Typenzeichnung wird hier so leidenschaftlich wie gekonnt veritable Westernstimmung geschaffen.

Grundlage für alles ist dabei das sorgfältige, ideenreiche Drehbuch von Michael Proehl und Maria-Anna Westholzer mit seiner gut entwickelten Story, seinem trockenen Humor, seinen interessanten Figuren und starken Dialogen. Mit ihrem sicheren Gespür für Rhythmus, Stil und Pointe setzt Westholzer das Ganze kongenial in Szene. Dazu kommt die Kameraarbeit von Armin Dierolf, die, wie zum Beispiel mit in Großaufnahme gefilmten Stiefeln neben Bahngleisen, überzeugende Western-Atmosphäre im deutschen Dorf verbreitet.

Von Matti Rouse wunderbar ausgewählt ist zudem die Musik – herrlich etwa die mit pompösen Richard-Wagner-Klängen unterlegten Auftritte von Bratsche! Auch die präzise komponierte Tonspur (Christian Mathias) überzeugt. Last but not least sei der herausragende, hochkarätige Cast erwähnt, der hier in vielen wichtigen, nahezu gleichberechtigt angelegten Figuren glänzt. Betonen muss man dennoch, neben den mit Martin Wuttke und Britta Hammelstein toll besetzten Hauptfiguren, Justus von Dohnányi mit seinem einmal mehr zur Schau gestellten grandiosen komischen Talent.

Das Einzige, das an diesem immer wieder regelrecht verblüffenden Film (der wegen eines „ARD-Extras“ zur Corona-Krise erst um 20.30 statt um 20.15 Uhr beginnt) tatsächlich so gar nicht überrascht, ist, dass als produzierender Sender der Hessische Rundfunk (HR) dahintersteckt – der in Sachen Spielfilm experimentierfreudigste unter den ARD-Sendern und seinerzeit ebenfalls verantwortlich für die mehrfach preisgekrönte „Tatort“-Folge „Im Schmerz geboren“.

21.04.2021 – Katharina Zeckau/MK

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