Michael Petroni/James McTeigue/Kate Woods: Messiah. 10‑teilige US-Serie (Netflix)

Sofa-Theologie

25.02.2020 •

Die größten Erzählmaschinen mussten sich stets immer auch der größten Mythen und Geschichten bemächtigen. Der Bibelfilm ist ein treuer Begleiter der imperialen Erzähler, des Kinos, des Fernsehens, der Streaming-Anbieter. Es ist deshalb nur folgerichtig und systemimmanent, dass Netflix zu Jahresbeginn 2020 die zehnteilige Serie „Messiah“ weltweit zum Abruf bereitgestellt hat, in der ein Messias – arabisch: al-Masih – auftaucht.

Wer ist dieses nahezu kitschig anmutende Jesus-Bildchen mit Hoodie, ein Posterboy mal im Adidas-, mal im Nike-Gewand? Ist er tatsächlich Gottes Sohn, wie er behauptet? Oder ein Scharlatan? Ein Terrorist und Anarchist? Ein Magier, ein echter Heilsbringer oder gar der Anti-Christ? Diese Fragen treiben die Medien, die Geheimdienste, die Mächte der Welt und die Glauben suchenden Menschen um. Und diese Fragen strukturieren von Anfang an eine Dramaturgie, in der nicht Gottes Sohn im Mittelpunkt steht, sondern die CIA-Agentin Eva Geller (Michelle Monaghan), für die al-Masih (Mehdi Dehbi) ein Sicherheitsrisiko darstellt: „War Jesus nicht auch nur ein populistischer Politiker, der seine Axt gegen das Römische Imperium schwang?“

Diese mysteriöse Erlöserfigur – al-Masih verkörpert eine fluide Geschlechtlichkeit und wirkt wie das Mitglied einer Hipster-Band oder eine transsexuelle Schlagersängerin – taucht eines Tages in Damaskus auf und rettet die belagerte Stadt vor den blutrünstigen Truppen der Terrororganisation IS, indem er einen wochenlangen Sandsturm entfesselt. Dann führt er seine Follower, ein paar Tausend syrische Palästinenser, an die israelische Grenze, wodurch vielfältigste politische Krisen ausgelöst werden. Er verschwindet aus einem israelischen Gefängnis, taucht plötzlich in Texas auf, wo er die Tochter eines Priesters vor einem Tornado rettet und verhindert, dass der Gottesmann, der an seinem Gott und dem Sinn des Lebens zweifelt, seine Kirche in Brand steckt. Während der Tornado alle Häuser des kleinen texa­nischen Städtchens zerstört, bleibt nur die Kirche wie durch ein Wunder verschont. Wieder formiert sich eine wundergläubige und heilssuchende Schar um den Messias und folgt ihm nach Washington, D.C., wo er vor den Augen der Weltöffentlichkeit über Wasser geht und bald darauf den amerikanischen Präsidenten zum weltweiten Truppenabzug bewegen will.

Die Serie spielt mit der Wundergläubigkeit des Zuschauers, dem Spiel von Schein und Sein, denn für alles, was passiert, könnte es auch eine logische Erklärung geben. Zwischenzeitlich wird der Messias von der CIA-Agentin als genialer Betrüger und sehr irdischer Illusionist entlarvt, doch in der letzten Episode der ersten Staffel bewirkt der vermeintlich Entlarvte ein neues, erst einmal nicht zu erklärendes Wunder.

Die zehnteilige Serie hat von Anfang an die zu erwartende Kontroverse, die sie auslösen würde, zum Motor ihrer Erzählung gemacht. Schon in Dostojewskis Erzählung „Der Großinquisitor“ wurde der zurückgekehrte Jesus aus der Welt verbannt, ja, er sollte zunächst auf den Scheiterhaufen der Inquisition geworfen werden, weil er die religiöse Machtordnung der Kirche, ihre symbolische und ikonographische Deutungshoheit, anfocht und bedrohte. Seltsam genug, dass die katholische Kirche in dieser ersten Staffel von „Messiah“ so gar keine Rolle spielt. Spart man sie sich als Konfliktpartner für eine potenzielle zweite Staffel auf, mit der allseits gerechnet wird?

Die Idee für „Messiah“ stammt von Michael Petroni, der neben sieben weiteren Kollegen auch zu den Drehbuchautoren zählt. Regie führten James McTeigue (Folgen 1 bis 4, 9 und 10) und Kate Woods (Folgen 5 bis 8). Die Serie setzt erzähltechnisch keine neuen Maßstäbe, sie ist kein neues „Breaking Bad“, „Game of Thrones“ oder „Homeland“.

Gleichwohl kitzelt sie – gut unterhaltend im Gewand des politischen Thrillers – Fragen aus dem Zuschauer heraus, nicht, indem sie ihn durch atemlose Spannung sediert, sondern dadurch, dass sie ihm religionsgeschichtliche Nachdenklichkeiten wie ganz nebenbei ins Ohr träufelt. Warum toleriert Gott das Böse? Warum hat er ein Mängelwesen wie den Menschen als eigenes Ebenbild erschaffen? Ist Gott ebenso mangelhaft wie der Mensch? Wie konnte es Gott zulassen, dass es mehrere monotheistische Weltreligionen gibt, von denen jede für sich die sinnstiftende Zentralgewalt beansprucht? Hat der digitale Kapitalismus noch ein Ohr für einen Störenfried wie Jesus? Mit welchen Medien würde Jesus kooperieren? Würden ihn die Medien auf den Thron setzen oder auf den Scheiterhaufen werfen? Wie könnte der Messias verhindern, dass seine Wort- und Bildbotschaften nicht sofort zweckentfremdet und umgeformt werden von Nachrichtensendern, Werbetreibenden, Politikern, der Industrie oder von Geheimdiensten?

Diese Fragen treiben den Zuschauer um und machen ihn zum Koautor der Serie, in deren Zentrum eine Figur steht, die keineswegs so charismatisch und allgewaltig ist, wie man erwarten könnte. Anders als etwa Bibelfilme wie „Die Passion Christi“ (2004) von Mel Gibson, die eine nahezu pornographische Authentizität behaupten und das Göttliche in naiver Bildpotenz einfangen wollen, unterläuft „Messiah“ solche martialischen Herangehensweisen. Hier ist der echte oder falsche Messias eine Projektionsfläche für individuelle Selbstentwürfe ebenso wie für staatliche Machtspieler, kirchliche Institutionen oder terroristische Zellen.

Mehdi Dehbi, der diesen Messias darstellt, erinnert durch sein zurückgenommenes Spiel, seine stylische Existenz, aber auch seine süßlich hübsche Durchschnittlichkeit daran, dass eine Skandalisierung des Christusbildes gerade im Auge des Betrachters liegt und dass dabei, von Dürer bis Caravaggio oder Grünewald, immer auch die Frage verhandelt wird, wie menschliche Individualität und göttliche Existenz in einem Bild zusammenfinden können, ohne dass Mensch und Gott sich wechselseitig skandalisieren bzw. dementieren oder energetisch befeuern.

Von dieser Wechselspannung lebt auch diese Netflix-Serie, in der Nebenfiguren wie die des Predigers Felix Iguero (John Ortiz), seiner alkoholsüchtigen Frau Anna (Melinda Page Hamilton) und seiner epileptischen Tochter Rebecca (Stefania LaVie Owen) dem vermeintlichen Messias ebenso den Rang ablaufen wie die klassischen Heldenfiguren, die Geheimdienstagentin Eva Geller oder ihr israelischer Gegenspieler Aviram (Tomer Sisley). Dennoch hängen sie alle an diesem blassen Messias, der sie wie eine Beatmungsmaschine am Leben erhält oder sie bisweilen wie ein Defibrillator mit spirituellen Stromstößen ins Leben zurückschießt und sie mit Bedeutung auflädt.

Der Cast der Serie – deren Folgen zwischen 40 und 55 Minuten Länge variieren – ist sehr ansehnlich, die Bildarrangements sind mitunter surrealistisch überhöht und die Kameraarbeit fühlt den Figuren den hektischen Puls der Gegenwart ab. Verzettelt sich diese Serie an zu vielen Schau- und Nebenschauplätzen, wie manche Kritik meint? Nein, keineswegs, man könnte sich das Weltpanorama, das die Serie eröffnet, noch vielschichtiger und konfliktfreudiger denken, man könnte die politischen, medialen und kirchlichen Sphären noch feindseliger ineinander verwoben darstellen. Das Spannendste an dieser Serie ist, dass sie ihrem Gegenstand ebenso wenig gewachsen ist wie dieser ihr und dass diese Erzählmaschine das weiß und dass sie deshalb mit dem vermeintlichen Erlöser keine Gewissheiten, sondern nur Zweifel und Zwietracht sät. Nur so wahrscheinlich kann Gott in Serie gehen, als rätselhafte Leerstelle und Sofa-Theologie.

25.02.2020 – Torsten Körner/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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