Michael Klette/Charlotte Wetzel/Gabriela Sperl/Michael Krummenacher: Preis der Freiheit. 3‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Planwirtschaft und Menschenhandel

12.11.2019 •

Am Verhandlungstisch wird brutal geschachert: „Es geht um zwei Chirurgen, für die Sie wieder nur die 95.847 D-Mark zahlen wollen“, erklärt Ilja Schneider (Oliver Masucci). Der Menschenhändler arbeitet im Auftrag der Kommerziellen Koordinierung (KoKo), einer DDR-Institution, die dem maroden sozialistischen Staat mit kapitalistischen Methoden Devisen beschaffen soll. Politische Gefangene werden gegen Geld in die Bundesrepublik verkauft. Schneider will den Preis hochtreiben mit dem Argument, die beiden Mediziner hätten ja „auf Kosten der DDR eine lange Ausbildung genossen“. Nun würden sie dem Staat fehlen. „Anscheinend nicht so sehr“, entgegnet die spitzzüngige Ina Winter (Nicolette Krebitz), die im Namen des Ministeriums für Innerdeutsche Beziehungen für die Bundesrepublik die Verhandlungen führt, „sonst hätten sie die ja nicht für 20 Monate weggesperrt.“

Der pointierte Wortwechsel verdeutlicht das Thema des Dreiteilers „Preis der Freiheit“, den das ZDF an drei aufeinanderfolgenden Abenden zur Primetime ausstrahlte, in Folgen von jeweils rund 100 Minuten. Das Ost-West-Drama nach einer Idee von Gabriela Sperl, das durch einen staatlichen tschechischen Kinematographie-Fonds mitfinanziert wurde, blickt zwei Jahre vor dem Mauerfall in den Maschinenraum des wirtschaftlich vor dem Bankrott stehenden DDR-Systems. Den Staatsbankrott aufhalten soll die KoKo, die neben Menschenhandel auch für illegale Waffenexporte und den lukrativen, aber höchst umweltschädlichen Import von Giftmüll verantwortlich ist (Stichwort: Bitterfeld).

Von dieser kapitalistischen Enklave im Herzen des Sozialismus erzählt der Dreiteiler aus der Sicht dreier unterschiedlicher Schwestern und von deren Familien. Hauptfigur ist Margot Spindler (Barbara Auer), die ältere Schwester der in den Westen abgeschobenen Dissidentin Ina Winter. Margot fungiert bei der KoKo als rechte Hand des Oberdevisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski (Thomas Thieme), der hier aber nur als Nebenfigur auftritt. Im Stil einer Miniserie ist das Schicksal jeder der drei Schwestern verknüpft mit einem Handlungsstrang, der die letzten Zuckungen des DDR-Systems aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

So engagiert sich Margots zweite Schwester, die alleinerziehende Lotte (Nadja Uhl), in der aufkeimenden Umweltbewegung. Bei diesem Erzählstrang, bei dem Lotte nicht verhindern kann, dass ihr Sohn Ingo (Michelangelo Fortuzzi) sich Neonazis in der DDR anschließt, erscheint die Aufteilung zwischen Gut und Böse allerdings etwas plakativ. Das ist nicht immer so in diesem Dreiteiler, der immer dann spannend wird, wenn er, wie beim Geschehen um Margots Ehemann Paul (Joachim Król), sich differenziert auf das Wirtschaftsthema einlässt. Paul ist eigentlich ein überzeugter Sozialist. Doch als versierter Ingenieur bei einem Volkseigenen Betrieb (VEB), der Kühlschränke produziert, ist ihm schmerzlich bewusst geworden, dass in der DDR nicht sinnvoll gewirtschaftet werden kann.

Als Paul aus diesem Grund einen Großauftrag aus dem Westen ablehnt, bei dem der VEB hätte draufzahlen müssen, muss er sich von seinem Vorgesetzten den Vorwurf anhören, er würde sich nicht „mit marxistisch-leninistischer Wirtschaftstheorie“ auskennen. Daraufhin schleudert Paul dem linientreuen Betonkopf erbost entgegen: „Ich habe mich schon mit marxistisch-leninistischer Wirtschaftstheorie befasst, da hast du noch ‘Heil Hitler!’ gerufen.“

Die Gegenfigur zum sanftmütigen Idealisten Paul verkörpert Margots Mutter Else (Angela Winkler). Als eiskalte Fanatikerin, die alle Widersprüche des Systems ausblendet, symbolisiert sie die untote Seele des Sozialismus, die permanent kränkelt, ohne zu sterben. Nach der Wende taucht der enteignete Besitzer ihres Hauses auf, um über die Rückgabe seiner Immobilie zu verhandeln. Else bittet den Herrn zum Tee. Ganz beiläufig sehen wir in der Folgeszene, wie sie ihn im Gemüsebeet verscharrt…

Neben solchen starken Momenten hat der Film jedoch auch Durchhänger, in denen er die komplex verzweigten Betätigungsfelder der KoKo nicht transparent machen kann. Besser gelingt dies in „Preis der Freiheit – die Dokumentation“, einem 45-minütigen Begleitfilm, in dem Florian Hartung (Regie) und Heike Nelsen (Buch) die Machenschaften von Alexander Schalck-Golodkowski unter die Lupe nehmen. Da die beiden Autoren, wie heutzutage üblich, Szenen aus dem fiktiven Fernsehfilm als „Beleg“ für ihre jeweilige Argumentation heranziehen, ist ihr Beitrag freilich keine eigenständige Dokumentation, sondern zugleich auch eine Art Werbefilm für die dreiteilige Spielfilmproduktion. Das ZDF zeigte die Dokumentation am 4. November um 21.55 Uhr direkt im Anschluss an den ersten Teil des Spielfilms.

„Preis der Freiheit“ verzeichnet eine erstaunliche Liste namhafter Darsteller. Nicht alle glänzen wie Joachim Król, der das Gewissen der Anständigen mit geringem gestischen Aufwand überzeugend darstellt. Zu überzeugen vermag auch der agile Oliver Masucci, der die Skrupellosigkeit des Menschenhändlers Ilja Schneider immer wieder aufblitzen lässt. Vergleichsweise blass bleibt dagegen Barbara Auer, der man die zwiespältige Drahtzieherin der KoKo nicht so ganz abnimmt. In der Rolle des über Leichen gehenden Stasi-Offiziers Norbert Krimling wirkt Godehard Giese zuweilen wie ein Softie. Als überzogene Karikatur eines Kapitalisten agiert unterdessen Fabian Hinrichs, der sich als Vertreter des Bundesfinanzministeriums wie ein antiker Imperator geriert.

Trotz einiger Unschärfen und einer eher unauffälligen Regie (Michael Krummenacher), die die zahlreichen Stränge der Erzählung nur mit Mühe verknüpft, bleibt „Preis der Freiheit“ (Gabriela Sperl Produktion für W&B Television) in Erinnerung. Visuell setzt der Dreiteiler zwar kaum Akzente, dank pointierter Dialoge gelingt es ihm aber, ein abstraktes Wirtschaftsthema konkret und durchaus packend vor Augen zu führen. Die DDR, so der Tenor des Films, nahm ihre eigenen Bürger als Geiseln, um sie im Zuge einer moralischen Erpressung an den Westen zu verschachern und mit diesem Geld den Staat und seine sozialistische Industrie zu finanzieren.

Die Planwirtschaft funktionierte nur so lange, wie die Mauer stand – die vor nun 30 Jahren fiel – und die totalitäre Staatsmacht nicht nur die Menschen entrechtete, sondern auch den freien Warenverkehr unterband. So deutlich hat man das Wechselspiel zwischen Planwirtschaft und Menschenhandel in einem populären Fernsehfilm selten gesehen. Ein wichtiges Signal in einer Zeit, in der sich einige Politiker, wie jüngst wieder eine öffentliche Diskussion zeigte, demonstrativ weigern, die DDR als „Unrechtsstaat“ zu bezeichnen.

12.11.2019 – Manfred Riepe/MK