Mensch Gottschalk – Das bewegt Deutschland. Show mit Thomas Gottschalk (RTL)

Er ist wieder da

06.06.2016 •

Seine Lage hatte Thomas Gottschalk an diesem Sonntagabend bei RTL völlig richtig eingeschätzt. Es werde Zuschauer geben, sagte der Altmeister der Samstagabend-Unterhaltung, die sein ungewohntes Auftreten zur besten „Tatort“-Zeit auf zweierlei Art interpretieren würden. Entweder genervt: „Mensch, der schon wieder.“ Oder angenehm überrascht: „Ach, da isser ja wieder.“ Wohin das Gros zur Premiere von „Mensch Gottschalk“ wohl neigte?

Davon gleich mehr. Zunächst zu ihm, the one and only. „Wetten, dass..?“-Legende, Fernsehheld aus badebemäntelten Samstagabend-Kindertagen, herbstblonder Hollywood-Spezi. Er ist wieder da. Und er ist nicht nur einfach wieder da, wie diese XXL-Performance bei RTL bewies. Er kann’s noch, die große Geste, den Showfirlefanz, und er gibt noch immer nicht auf. Unverdrossen versucht er das gehaltvolle Gespräch, nur eben auf seine Weise, die ihm ja zeitlebens unter anderem den nicht gänzlich abzuweisenden Vorwurf einbrachte, bei Gesprächspartnerinnen eher an deren Knie als an deren Antworten auf seine Frage interessiert zu sein. Gleich am Anfang von „Mensch Gottschalk“ erklärte er sich: Er wolle „normales Fernsehen“ mit „normalen Menschen“ machen. Über Dinge reden, „die Deutschland bewegen“, allerdings ohne sich selbst noch den Zuschauern gleich die gute Laune für die nächste Woche zu verderben. Er mache sich Gedanken mehr als je zuvor, sagte er noch, was an seiner inneren Reife liegen möge oder an den äußeren Umständen. Aha.

Diese „äußeren Umstände“ sind nun auch so, dass Thomas Gottschalk, seit er die Moderation von „Wetten, dass..?“ im ZDF vor fünf Jahren abgab (vgl. FK-Heft Nr. 48/11), kein Knallerfernsehen mehr hinbekam. „Gottschalk Live“, diesem persönlichen Vorabend-Waterloo in der ARD (vgl. FK-Heft Nr. 16/12), folgten für den aktuellen Haussender RTL harmlose „Klassentreffen“ und eine Geburtstagsshow, sofern er nicht mit Günther Jauch in „Die 2“ unter Barbara Schöneberger malochte. Diese letzten harten Jahre im Showbiz sind an Deutschlands einst berühmtesten goldblonden Locken natürlich nicht spurlos vorübergegangen. Auch das linke Bein, man hat’s bei „Mensch Gottschalk“ deutlich gesehen, hinkte noch, trotz Reha. Aber es zeichnet große Unterhalter wie ihn nun einmal aus, dass sie sich von den erlittenen Blessuren – den körperlichen wie den seelischen – nicht behindern lassen, sondern infolgedessen geradezu aufblühen. Den angeblichen „Sportunfall beim Heli-Skiing“ (tatsächlich war es nur ein blöder Ausrutscher auf nassem Pflaster) zog Gottschalk gekonnt als Running(!)-Gag durch den langen Abend. Das Publikum im Studio Berlin-Adlershof folgte seiner anfänglichen Bitte freundlich: „Lacht auf Verdacht! Das tut niemandem weh. Mir hilft es.“

Vom Konzept her ähnelt seine neue Sendung dem RTL-Traditionsformat „Stern TV“, nur mit Gottschalk als Gastgeber (statt Steffen Hallaschka) und etwas Singerei (etwa von den Pet Shop Boys und Nena), inklusive einer Reminiszenz an „Wetten, dass..?“: Ähnlich der „Stadtwette“ waren passend zum an dem Sonntag begangenen „Tag des Hundes“ jene Hundehalter aufgerufen sich zu melden, deren Vierbeiner besondere Talente vorweisen können. Zur Belohnung gab es Tickets für eine Magier-Show. Von „Stern TV“ übernahm „Mensch Gottschalk“ (beides wird von der Produktionsfirma DCTP verantwortet) das temperamentvolle Themenhopping: von Fußball-EM zu Terror, von der EU-Krise zu selbstfahrenden Autos, vom Quiz-Millionär zu Blutkrebs, von den Simbacher Flutopfern zu Donald Trumps Pfälzer Verwandtschaft und so fort. 18 Themen, das war viel. Und trotzdem hüpfte man gerne mit von Oberfläche zu Oberfläche, es tat ja nicht weh. Man hörte auch gut zu, wenn sich Gottschalk aufs fremde politische Terrain begab, mal den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz fragte: „Werden Sie Kanzler?“. Der wollte es sich glatt überlegen – sofern Gottschalk Bundespräsident werde: „Herr Gauckschalk, schöne Idee“, sagte Schulz. Ja, doch.

An Gottschalks schönem Auftritt – übrigens live und in Farbe! – hatten frühere Weggefährten wohl einen nicht unerheblichen Anteil. Sein Redaktionsleiter zu ZDF-Zeiten, Markus Templin, übernahm hier die Produktionsausführung. Bühnendesigner Florian Wieder zimmerte dem Showmaster ein holzgetäfeltes Set im Stil der 1950er Jahre, als das Fernsehen ans Laufen kam. Nicht zuletzt extrem gute Vorarbeit leistete die Redaktion von „Spiegel TV“ – von der Gästemischung (unter anderem Samuel Koch und Dieter Zetsche) bis hin zu den Spickzetteln für den Gastgeber mit Fragen, die trotzdem genug Raum für Gottschalks berühmt-berüchtigte Spontanität ließen.

Allerschönst auch die Redaktionsidee, auf den zeitgleich in der ARD laufenden Krimi hinzuweisen. Der Durchschnittsdeutsche namens Thomas Müller, referierte Gottschalk, schaue „jetzt leider Tatort“. Und weil man Krimis ja eh nur schaue, um zu wissen, wer der Täter war, posaunte der Moderator exakt um 20.35 Uhr hinaus: „Paula war’s.“ Es war ein so perfekt wie perfide eingefädelter „‘Tatort’-Spoiler“, der noch in der Sonntagnacht die Schlagzeilen beherrschte. Allein, das Sabotieren des Konkurrenzprogramms half der eigenen Quote nicht. Viermal mehr Zuschauer entschieden sich für den „Tatort“ (8,10 Mio Zuschauer, Marktanteil: 25,0 Prozent) als für „Mensch Gottschalk“ (2,09 Mio, 7,9 Prozent). Viermal mehr Menschen dachten also: „Mensch, der schon wieder – lieber nicht.“ Jammerschade. Noch dreimal in diesem Jahr soll Presseberichten zufolge „Mensch Gottschalk“ eigentlich auf Sendung gehen. Ob RTL das trotz der aus der Sicht des Senders wohl suboptimalen Quote geschehen lässt, bleibt abzuwarten.

Dabei lief doch tatsächlich alles bei der Premiere dieser neuen Gottschalk-Show so schön nach Plan. Keine Pannen. Keine Peinlichkeiten. Keine Senftöpfe (nur veganer Hackepeter). Zwischenzeitlich twitterte das Social-Media-Team von „Spiegel TV“ mit ungläubigem Staunen, der König des Überziehens sei im Show-Ablauf „im Moment tatsächlich auf die Minute in time‘!“ Er blieb’s. Es war noch Sonntag, 23.56 Uhr, als Gottschalk pünktlich an den letzten Musik-Act Mark Forster übergab: „Der singt euch in den Montag.“ Dann ein „Servus“, nach fast vier Stunden Durchhalten, diesseits wie jenseits des Screens. „Reschpekt!“, würde ein Thomas Gottschalk, stramm auf die 70 zugehend, jetzt sagen über so viel Stehvermögen.

Jawohl, Respekt!

06.06.2016 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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