Melanie Liebheit/Gereon Wetzel: Die Kunst der Widerrede (3sat)

Der Prozess

15.05.2019 •

Zugegeben: Der Beginn dieses Films ist reichlich zäh. Vier Jura-Studenten aus München bereiten sich auf eine Art Prüfung vor. Celia, Mahja, Nina und Clemens arbeiten sich in einen zunächst recht seltsam anmutenden Fall ein. Es geht um Terroristen, die Honig vergiften. Und irgendwie geht es auch um Massenüberwachung. Wie das konkret zusammenhängt, ist dem Zuschauer anfangs völlig unklar. Denn in ihrem klassisch beobachtenden Dokumentarfilm verzichten Melanie Liebheit und Gereon Wetzel auf den Off-Kommentar.

Erst nach sieben Minuten informiert eine Schrifttafel, dass die Studentengruppe am Völkerrechtswettbewerb „Jessup Moot Court“ teilnimmt, einer renommierten Veranstaltung, bei der studentische Teams aus aller Welt in einem juristischen Wettstreit der Rede und Widerrede gegeneinander antreten. Hierfür arbeiten die Münchner sich in einen fiktiven Rechtsstreit ein, der sich an realen Begebenheiten der jüngsten Vergangenheit orientiert. Der Name Edward Snowden wird zwar nicht genannt, dennoch zeichnet sich allmählich ab, dass es um einen Vorfall geht, der unter anderem an die durch den prominenten Whistleblower ausgelöste NSA-Affäre erinnert. Ein fiktiver Staat namens Riesland, unverkennbar die USA, hat die Mobiltelefone von Spitzenpolitikern eines Landes namens Amestonia angezapft, mit dem die Bundesrepublik Deutschland gemeint ist.

Der fiktive Fall, so wird langsam deutlich, ist an den Skandal um das Abhören des Diensthandys von Bundeskanzlerin Angela Merkel durch den amerikanischen Geheimdienst angelehnt. Ist eine solche Maßnahme gerechtfertigt, um in einem Ausnahmefall terroristische Aktivitäten abzuwehren? Wenn ja, was genau ist Terror? Mit dieser komplexen Fragestellung müssen sich die vier Studenten auseinandersetzen. Dabei wird die Problematik für den Betrachter auf eine sehr ungewöhnliche und zugleich hochspannende Weise transparent. Zu Beginn hat der Zuschauer nämlich von der Thematik des Völkerrechts ebenso wenig Ahnung wie die Studenten selbst, die sich zunächst durch Aktenberge durchwühlen müssen.

Der Betrachter vor dem Fernsehschirm befindet sich somit stets auf Augenhöhe mit dem Münchner Team, das sich – unterstützt von drei Coaches – Schritt für Schritt in die Materie einarbeitet und daraufhin jeweils vor einer hochkarätig besetzten Gerichtsbank aus gestandenen Richterinnen und Richtern bestehen muss. Wie ein angehender Pilot im Flugsimulator, so proben die künftigen Juristen den Ernstfall eines internationalen Rechtsstreits zwischen souveränen Staaten – ein Geschehen, für das es keine verbindlichen Präzedenzfälle gibt.

Dieser buchstäbliche Prozess ist vielschichtig und packend. Die Studenten lernen nämlich, dass es ausschließlich um die Vermittlung nüchterner Fakten geht. Wie bei einer Castingshow müssen die zukünftigen Rechtsanwälte berücksichtigen, dass sie ihr Anliegen in geschliffenem Vortragsstil formulieren. Körpersprachliches Verhalten wie ein unkontrolliertes Grinsen oder das Herumzappeln mit den Armen wird dabei ebenso akribisch diskutiert wie die Frage, inwiefern eine Cyberattacke auf ein anderes Land mit dem konventionellen Grenzübertritt von Armeen vergleichbar ist. Juristen, so viel wird nach und nach klar, sind also auch Schauspieler. Diese Schlussfolgerung ist aber keineswegs banal. Der Film vermittelt eine Vorstellung davon, warum das Wie ebenso wichtig ist wie das Was.

Im Nachhinein wird somit deutlich: Der sperrige Beginn dieser 95-minütigen dokumentarischen Beobachtung ist unverzichtbarer Bestandteil der Vermittlungsstrategie. „Die Kunst der Widerrede“ (Horse&Fruits Filmproduktion) ist ein Film, dem ein kleines Wunder gelingt. Gereon Wetzel, der mit „Castells, lebende Türme“ (WDR Fernsehen; vgl. FK-Kritik) und „How to make a Book with Steidl“ (3sat; vgl. FK-Kritik) bereits für bemerkenswerte Langzeitbeobachtungen mitverantwortlich zeichnete, führt hier gemeinsam mit Koautorin Melanie Liebheit den Zuschauer mitten hinein in die hochaktuellen Thematiken des Völkerrechts, der Massenüberwachung und der digitalen Bürgerrechte.

„Die Kunst der Widerrede“ ist dabei aber alles andere als eine trockene Abhandlung über ein juristisches Spezialthema. Die beiden Dokumentaristen folgen dem Münchner Team von den Vorentscheidungen bis hin zur Endrunde des Wettbewerbs in Washington. Indem Wetzel und Liebheit sich dabei bewusst an die Dramaturgie des Sportfilms anlehnen, wird aus der hochabstrakten und komplexen Materie ein sinnlich nachvollziehbarer, emotionaler Prozess. Während die Münchner Studenten mit ihrem Plädoyers jeweils die Sichtweise der Gegenpartei zu widerlegen versuchen, denkt man als mitfiebernder Betrachter ihre Argumente gleichzeitig noch einmal durch: Was genau ist eine Cyberattacke? Was ist Terrorabwehr? Wo beginnt eigentlich Spionage und inwiefern ist sie gerechtfertigt? Nachdem man beim Zusehen diese Probleme selbst mitreflektiert hat, bemerkt man, wie man hier auf spielerische Weise etwas Relevantes gelernt hat. Mehr kann man von einem Dokumentarfilm eigentlich nicht erwarten.

15.05.2019 – Manfred Riepe/MK

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