Mein Lied für Dich. Musikshow mit Judith Williams (ZDF)

Schicksalsmelodie

20.11.2019 •

Wäre diese ZDF-Show ein Gericht, sie schmeckte nach Soleiern und Mettigel und verlangte als Digestif einen Eierlikör. Nicht, um sich das Geschehen auf der Bühne schönzutrinken. Die zweimal 90 Minuten „Mein Lied für Dich“ sind im öffentlich-rechtlichen Auftrag recht ansprechend und stimmig von der Gesangsshow-erfahrenen Firma Talpa Germany („The Voice of Germany“, Sat 1/Pro Sieben) produziert worden. Doch das im hippen industrial style dekorierte Studio konnte nicht übertünchen: In „Mein Lied für Dich“ steckt ganz schön viel Retrofernsehen mit 90er-Jahre-Anstrich drin. Es entführt in eine Zeit, als Grand Master Rudi Carrell in der ARD „Lass Dich überraschen“ schlagerte und „Nur-die-Liebe-zählt“-Moderator Kai Pflaume auf Sat 1 schmachtende Liebende wieder zueinander führte.

Ein bisschen Talent-, ein bisschen Überraschungsshow, ein bisschen „Versteckte Kamera“, das alles findet sich zusammengerührt in „Mein Lied für Dich“. Es treten Menschen auf wie du und ich, die auf einer Bühne ihr ganz persönliches Lied oder ihre ganz persönliche Botschaft jemand anderem überbringen wollen. Denn ein Lied, sagen der Volksmund und das ZDF, sagt mehr als 1000 Worte.

Es sind Menschen wie Karlheinz, ein Busfahrer aus Heidelberg, den die Moderatorin der Show, Judith Williams, gleich zu Beginn aus dem Publikum fischt und der nicht weiß, wie ihm geschieht. Plötzlich bekommt er, der sonst nur hinterm Steuer Arien schmettert, den großen Bühnenauftritt samt Frack und Probestunde mit Profi-Tenor Jonas Kaufmann. Gemeinsam tragen sie eine leichte neapolitanische Canzone vor. Und die Show hat mit dem singenden Busfahrer gleich ihren lustigen Paul-Potts-Moment.

So lustig wie mit Karlheinz wird es in „Mein Lied für Dich“ nicht mehr. Ein Bäckermeisterpaar, das durch ein Feuer seiner Existenz beraubt wurde, eine Großmutter, die erst die Enkelin, dann die Tochter an den Tod verlor, eine junge Frau, die mit den Spätfolgen eines Unfalls kämpft – das ist schwer tränendrückender Stoff, in den die Einspielfilme nach emotionaler Boulevardmachart da einführen. Im ZDF-Studio geht es dann so rührend weiter. Die vom Schicksal Geschlagenen singen entweder selbst oder sie lassen singen – was, ehrlich gesagt, für Ohrenzeugen daheim meist die bessere Wahl ist. Gegen eine Sarah Connor zum Beispiel, die im Auftrag von Selina für ihren Uwe „Dank dir“ singt dafür, dass er ihr mit einer Stammzellenspende das Leben rettete, ist ja auch als Amateur stimmlich schwer anzukommen. Die ehemalige Stefan-Raab-Band Heavytones spielt live dazu (die Sendung selbst kommt aus der Konserve). Und am Ende sind alle, die Singenden wie die Besungenen, einfach nur gerührt. Zum Glück bewahrt wenigstens eine die Contenance, die Moderatorin.

Judith Williams ist bekannt als die am unterhaltsamsten brüllende „Löwin“ in der Investoren-Show „Die Höhle der Löwen“, die zum Premium-Programm des Privatsenders Vox gehört. Gastgeberin einer eigenen Primetime-Show war sie bisher noch nicht; ihr ungelenkes Festhalten an den Moderationskärtchen könnte daher von ihrer mangelnden Showmasterpraxis rühren. Doch Judith Williams überzeugt in „Mein Lied für Dich“ mit anderen Qualitäten: Sie hat eine angenehm zugreifende Art, wenn es ergreifend wird. Eine Umarmung hier, ein Zurücktreten dort, wo es der intime Moment gebietet, aber nie zu lang. Droht die Stimmung dennoch zu sehr ins Rührselige zu kippen, greift sie beherzt zur Kleenex-Box, damit ihre Gäste die Tränen trocknen, und leitet über zum nächsten Programmpunkt. Verschnaufen bis zur nächsten Emotion.

Dass sich Judith Williams nicht selbst in den Emo-Strudel hineinziehen lässt, grenzt an ein Wunder. Nie verliert sie die Fassung, bleibt stets straff in ihrem Auftreten vom Stiletto bis zur hochgezogenen Augenbraue und immer auf höflich-freundliche Art anteilnehmend. Nur einmal, ungefähr in der Mitte von Sendung Nummer zwei, muss auch sie sich kurz „sammeln“, wie sie sagt. Das Studiolicht wird dafür runtergedimmt, zartes Klaviergeklimper setzt ein, der Barhocker steht parat, auf den sich Judith Williams setzt, um nun ihre eigene Geschichte mit dem Publikum zu teilen. Es ist die einer aufstrebenden Opernsängerin, die sich nach einer Tumordiagnose gegen die singende Karriere entscheidet und für eine Hormontherapie. Diese kostet sie ihre Stimme, dafür kann sie Kinder bekommen. „Ich habe mich für die Familie entschieden“, sagt Williams und lässt eine bedeutungsschwangere Pause. Das folgende Lied wolle sie allen Menschen widmen, die etwas Ähnliches erfahren haben und deshalb wie sie selbst nie die Hoffnung aufgeben sollen. Dann legt sie los, singt „Somewhere“ aus der „West Side Story“. Und man staunt. Gar nicht so übel die Stimme nach dieser dramatischen Vorgeschichte.

Die Story der verhinderten Opern-Diva gehört zum Kern der Marke Judith Williams, seit sie 2001 ihre Karriere im Homeshopping-Fernsehen startete. Sie hat damit schon Cremes und Bücher vermarktet. Und sie schwingt auch im Pressetext zu „Mein Lied für Dich“ mit, wo ZDF-Unterhaltungschef Oliver Heidemann mit den Worten zitiert wird, Williams sei durch ihre Ausbildung zur Opernsängerin „eine absolute Expertin für Musik und Performance“. Das mag ganz bestimmt zutreffen. Nur erschöpft sich Williams’ musikalische „Expertise“ in der Show in bloßer Lobhudelei der Sorte „Hammerstimme“ und „live gesungen!“. Ihr jahrelanges Teleshopping-Training kann sie indes nicht verleugnen. Die direkte Ansprache an ihre (Fernseh-)Kundin beherrscht das Verkaufstalent perfekt. „Von Herzen immer Ihre Judith Williams“, lauten ihre Abschiedsworte in der ZDF-Show. Und sie freue sich sehr, „Sie bald hier wiederzusehen“.

„Bald“ ist indes eine unpräzise Zeitbestimmung. Auf Nachfrage teilte das ZDF knapp mit: Wie es im kommenden Jahr mit der Williams-Show weitergehe, stehe noch nicht fest. Der üppigen Herzwärme in der Show stehen halt die kalten Zuschauerzahlen gegenüber: Nur 2,12 Mio (16.10.) bzw. 2,35 Mio Menschen (23.10.), davon hauptsächlich die Über-49-Jährigen, schauten sich die beiden Ausgaben von „Mein Lied für Dich“ an (Marktanteile: 7,4 bzw. 7,9 Prozent). Diese Zahlen – und die zählen gerade in der Primetime bekanntlich auch fürs öffentlich-rechtliche ZDF – liegen deutlich unter dem Durchschnitt auf dem 20.15-Uhr-Sendeplatz am Mittwochabend. Die Krimi-Wiederholung „Die Toten von Salzburg“ in der Woche nach der zweiten „Ein-Lied-für-Dich“-Show schaffte auf dem Sendeplatz das Doppelte an Zuspruch. Mit einem Eierlikör werden sie sich auf dem Mainzer Lerchenberg diesen Quotenflop nicht schöntrinken.

20.11.2019 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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