Medienstudenten im Priesterseminar: Zur bei YouTube zu sehenden Webserie „God or Not“

06.03.2021 •

Von Martin Thull

Es ist wie ein Laborbericht, eine Versuchsanordnung, die auch die Zuschauer im Lauf der geplanten sechs Monate seit Anfang November mitgestalten können. Auf der einen Seite sind da die Medienstudenten Ferdi Stöckel (Regie, Kamera, Schnitt), Sally Müller (Kamera, Moderation) und Florian Heidecker (Originalton, Sounddesign, Mischung) und Jannik Theiss (Musik). Alle sind Studenten an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Auf der anderen Seite sehen wir Christian Jager, Julian Kania, Lukas Kämpflein und Antonio Jagodin vom Priesterseminar St. Georgen in Frankfurt am Main. Die Medienstudenten ziehen jeweils für ein paar Tage ins Seminar und beobachten den Alltag der jungen Männer, die sich dort zum Priester ausbilden lassen. Die filmischen Ergebnisse dessen sind im Internet zu sehen, als Webserie unter dem Titel „God or Not – Entscheidung im Priesterseminar“.

Alle zwei Wochen wird jeweils eine neue Folge ins Netz gestellt. Die Serie ist insbesondere für die Veröffentlichung bei YouTube gedacht, wo man sie auch abonnieren kann (www.god-or-not.de/youtube), aber sie ist auch über Facebook und Instagram abrufbar. Das Filmprojekt wird ermöglicht und gefördert vom Zentrum für Berufungspastoral (ZfB) innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz (www.berufung.org). Die einzelnen Folgen von „God or Not“ sind jeweils rund zwölf Minuten lang und sie haben eine nur grob vorgegebene Thematik, wie zum Beispiel „Jungfrauengeburt“, „Beten“ oder „Wahrheit“. Aber auch das Wohnen der Seminaristen oder ihre Motivation, ausgerechnet den Beruf des Priesters zu wählen, gehören zu den Themen. Für die Zuschauer ist es möglich, Fragen an die Protagonisten zu stellen. Die Diskussion auf der Kommentarseite ist allerdings bisher noch nicht besonders lebhaft, sie beschränkt sich gelegentlich auch nur auf Smileys.

Klischees und die Realität

Zum Ausgangspunkt für ihr Mitwirken an dem Projekt erläutern die Medienstudenten: „Unsere Idee war einfach: Wir wollten ganz und gar so, wie wir gerade leben, in ein Priesterseminar gehen. Wir wollen unser Denken, unsere Klischees, unsere Vorstellungen ungefiltert mit der Realität konfrontieren.“ Vorgespräche mit oder gar ein Casting unter den Seminaristen hat es anscheinend nicht gegeben. Es fällt auf, dass die Auswahl – wer auch immer sie getroffen hat – auf einen Erstsemester gefallen ist sowie drei höhere Semester, sehr unterschiedlich fortgeschritten im Studium also. Entsprechend geprägt und damit oft floskelhaft sind manche Antworten der jungen Männer.

Die erste Folge dient der Vorstellung der handelnden Personen auf beiden Seiten. Unter den Medienstudenten fällt Sally, 25, mit ihrer offenkundigen Naivität auf. Seminar, das sei „wie ein Kloster. Mit Gängen, alten Mauern, magisch“. Einmal abgesehen davon, dass ihr die Figur des Gekreuzigten eher unbekannt ist. Student Ferdi, 23, spricht von „Selbstgeißelung“ und weist darauf hin, dass die Seminaristen den ganzen Tag im Gebet verbringen und nach Vergebung suchen. Einer Zuschauerreaktion im Gästebuch der ersten Folge ist nicht zu widersprechen: „Ehrlich gestanden hätte ich mir etwas mehr Struktur, Vorabrecherche, Professionalität und bessere Kameraführung gewünscht“, schreibt Mara Kea.

Andere Sehgewohnheiten

Diese Unbedarftheit, diese Unkenntnis der Materie ist offenbar als Stilmittel gewollt, wenn auch für den Zuschauer gewöhnungsbedürftig. Vielleicht ist sie aber einfach nur den Sehgewohnheiten des (jungen) YouTube-Publikums geschuldet. Die erste Folge ist zudem so etwas wie die Fingerübung für die folgenden Teile. Denn der Ton ist anfangs unausgewogen, oft sind Fragen und Antworten akustisch unverständlich, weil von Nebengeräuschen etwa in der Mensa oder der Bar überlagert. Das bessert sich in den späteren Folgen.

„Ist Trinken Sünde?“, wird einmal gefragt. Aber es ist eine so oberflächliche gestellte Frage (und davon gibt es mehrere), dass auf die Antwort niemand Wert zu legen scheint. Stattdessen werden die Seminaristen beim Wein- und Biertrinken gezeigt und es wird ein Schwenk über die Fotos der früheren Päpste gezeigt. Solche Dekoration in der Bar des Seminars wird von den Medienstudenten nicht hinterfragt. Die in der Kirche ausgelegte Bibel wird wie ein Gästebuch durchgeblättert, die Orgel ausprobiert. Der Katholizismus sei die „Hardcore-Religion im Christentum“. Soweit die Klischees. Da sind die Zeugnisse der Seminaristen anders und persönlicher. So erzählen die einen davon, dass sie schon als Kind den Wunsch gehabt hätten, später einmal Priester zu werden. Natürlich seien Zweifel an dieser Berufsentscheidung möglich, dazu diene nicht zuletzt auch die Zeit im Seminar. Schließlich sei auch ein Freundeskreis außerhalb der Priesterschaft nötig. Spannend wird es, als nach der Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität gefragt wird. Christian meint, sie könne auch etwas Gutes sein für die beiden Seiten – für ein homosexuelles Paar und für die Gesellschaft. Er habe dazu aber noch keine abschließende Meinung.

In der dritten Folge geht es erstmals um ein ‘richtiges Thema’: Was ist Wahrheit? Gibt es eine objektive, eine subjektive und am Ende eine theologische Wahrheit? Da kommt so etwas wie eine Diskussion zustande. Der Ton ist inzwischen angepasst, das Filmteam hat dazu gelernt. Ein wenig Spott kommt beim „Zigarillotreffen“ auf dem Balkon auf, weil auf der Packung steht: „Kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen“. Irgendwie keine Warnung für Zölibatäre. Dienstags ist „Schweigeabend“, Sally will das für sich ausprobieren. „Glaubt ihr an die Jungfrauengeburt?“, heißt es zu Beginn. „Bei Gott ist nichts unmöglich“, lautet die wiederum floskelhafte Antwort.

Wenn die Rollen umgedreht werden

Die Beteiligten entwickeln sich – die Seminaristen werden lockerer, die Medienstudenten lassen sich ernsthafter auf ihre Gesprächspartner ein. In der vierten Folge werden die Antworten anspruchsvoller, geradezu akademisch. Jahreszeitbedingt geht es um Weihnachten, um den Verlust an Deutungshoheit über den Ursprung des Festes. Die Adventsfeier im Hof ist nur mit Maske und Abstand möglich. Es gibt eine kleine Straßenumfrage. Der Clip gewinnt an Struktur.

Die fünfte Folge wirkt als die bis dahin professionellste. Ein Thema, verschiedene Heran­gehensweisen, Beten steht hier im Mittelpunkt. Den Studenten ist wohl aufgefallen, dass das Gebet dem Alltag im Seminar eine Struktur gibt. Dennoch auch hier wieder Floskeln: „Beten ist Atmen der Seele“, meint Lukas. Gott sei kein Automat, in den man ein Gebet eingebe und unten komme das Gewünschte heraus. Beten, heißt es weiter, sei der Kontakt mit der Quelle des Lebens. Es entsteht der Eindruck größerer Ernsthaftigkeit. Auch von Sorgfalt bei der Aufnahme, beim Arrangement der Gesprächssituation. Das gilt auch für die sechste Folge. Sie ist bemerkenswert in zweierlei Hinsicht. Rein technisch ist sie so gut wie professionell, die ruhige Kameraführung ist beschränkt auf den jeweils Sprechenden, Ton und Licht sind in Ordnung. Wichtiger aber ist, dass die Rollen umgedreht werden. Nun fragen die Seminaristen, die Studenten aus Stuttgart antworten. „Warum machst du das, was du machst?“, wird Ferdi gefragt. „Filmen ist mein Ding“, sagt er, „weil ich mit krass vielen Menschen zu tun habe“. Er sei auf der Suche danach, wie alles zusammenhängt. Ihm habe imponiert, dass er einmal zum protestantischen Gottesdienst eingeladen wurde: „Komm rein, wir haben Platz für dich.“

Feuer und Wasser

Der Zuschauer muss sich bei dieser YouTube-Serie frei machen von den Sehgewohnheiten bei ‘normalen’ Fernsehdokumentationen. Die Medienstudenten aus Stuttgart haben sich offenbar nicht eingelesen in die Thematik, die sie im Priesterseminar erwarten könnte. Sie haben vage Vorstellungen von Jesus, vom Christentum, von Priestern. Rein fachlich sind sie das Wasser, das auf Feuer trifft, personifiziert in den Seminaristen. Die sind reflektiert, haben teils ihre Antwortfloskeln zur Verfügung, sind in gewisser Weise offen, aber doch gefangen in der Lebensentscheidung, sich zum Priester weihen zu lassen und fortan im Auftrag Gottes und im Dienst einer Gemeinde keusch und ehelos zu leben. Wenn Wasser auf Feuer trifft, dann zischt es. Warum zischt es nicht in diesen Videoclips? Vielleicht gehen die Akteure fast schon zu höflich und respektvoll miteinander um.

In den Reaktionen auf die einzelnen Folgen ist beim Publikum abzulesen, dass den meisten das Gezeigte gefällt. Dass es kein Drehbuch gebe, sondern auf die Spontaneität in den Gesprächen gesetzt werde, sei sympathisch. Jedenfalls ist eine Entwicklung zu beobachten – in formaler wie auch in inhaltlicher Sicht. Dass die Zugriffszahlen für „God or Not“ von der ersten bis zur sechsten Folge abnehmen, ist hier wohl dem Genre geschuldet. Bei YouTube verzeichnete die erste Folge bislang immerhin über 30.000 Aufrufe (Stand: Anfang März). Die Zahlen für die weiteren fünf Folgen bewegen sich im niedrigen fünfstelligen Bereich. Das ist alles in allen nicht so schlecht für ein thematisch doch recht eingeschränktes Experiment, das sich eher durch Flüsterpropaganda bemerkbar macht denn durch aufwendiges Marketing. Inzwischen sind auch die Folgen 7 und 8 online.

06.03.2021 – MK

Print-Ausgabe 7/2021

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