Mediale Inszenierungen: Baerbock, Laschet, Söder und das Spiel mit dem Fernsehen

20.04.2021 •

Über das Fernsehen wird in der letzten Zeit viel Unsinniges verbreitet. Da wurde beispielsweise das lineare Fernsehen totgeschrieben, das sich derzeit während der Corona-Pandemie als wichtigste Informationsquelle erweist (trotz mancher Schwächen). Da wurde die Serie als allein selig stimmendes Angebot hochgejubelt, als wenn sich alle Zuschauer im Dickicht von unendlich vielen Folgen von unendlich vielen Serien verlieren wollten. Und da wurde – neueste Erkenntnis – behauptet, dass das kommerzielle Fernsehen dem öffentlich-rechtlichen auch auf dem Feld der politischen Berichterstattung den Rang ablaufen wolle. Als Beweis dafür wurden singuläre Erscheinungen angeführt wie die von Pro Sieben ins Programm gehievten Sendungen, die Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf in einem mit dem Privatsender veranstalteten Show-Wettbewerb gleichsam gewonnen haben.

Diese Idee wie die Initiative der beiden Entertainer ist in der Tat zu loben und die von ihnen initiierten Sendungen zu Themen wie Gewalt gegen Frauen oder der Situation in den griechischen Flüchtlingslagern oder wie zuletzt die mehrstündige Dokumentation über die Arbeit von Pflegekräften sind zu Recht zu loben. Aber sie fallen vor allem auch deshalb so auf, weil man sie in ihrem Umfeld so nicht erwartet. Ein Sender wie Pro Sieben hat seit seiner Gründung das Feld der politischen Information absolut vernachlässigt. Das, was der Sender täglich um 18.00 Uhr als Hauptnachrichten für zehn Minuten anbietet („Newstime“), ist nichts als ein Alibi für die rundfunkrechtliche Behauptung, ein Vollprogramm zu sein.

Grünen-Show mit Finale-Charakter

Nun will der Sender das neue Image, das ihm Joko & Klaas beschert haben, pflegen. So gab Pro Sieben am 12. April bekannt, man werde am Montag, den 19. April, exklusiv und als erster Sender ein Interview mit derjenigen Person im Programm haben, die an diesem Tag von den Grünen für die Kanzlerkandidatur nominiert worden sei. Und dieses Interview werde „in der Primetime“ ausgestrahlt. Dort werden ansonsten außer Joko & Klaas nur amerikanische Serien rauf- und runtergespielt. Die Programmidee war jedenfalls insofern clever, als sie den medialen Gag fortsetzte, den sich die Grünen ausgedacht hatten, als sie von einem internen Wettbewerb der beiden sprachen, die sich um den Posten bewarben – Annalena Baerbock und Robert Habeck –, und also die Nominierung als eine Art Show mit finalem Charakter verkauften. Tatsächlich war die Verkündigung der Person, die an der Spitze der Partei in den Bundestagswahlkampf ziehen wird, ästhetisch wie eine Fernsehshow aufgezogen, die dann live ab 11.00 Uhr von Informationssendern wie Phoenix oder ntv übertragen wurde.

Vor einem farbigen Hintergrund, der kitschige Werbefotos mit grünen Themen zeigte, traten Habeck und ihm folgend Baerbock von links kommend ins Fernsehbild. Es brauchte einige Zeit, ehe sie die richtigen Positionen, die ihnen von der Live-Regie angewiesen worden waren, gefunden hatten. Bei dieser Positionierung stand zwar Robert Habeck im Bildvordergrund und er ergriff auch zu Anfang das Wort, doch hinter ihm stand Annalena Baerbock bereits mit einem Lächeln, dem man entnehmen konnte, was dann Habeck erst umständlich und langsam erklärte, dass nämlich Baerbock als Kanzlerkandidatin antreten werde. Anschließend erklärte die Politikerin, die sich seit Januar 2018 Jahren mit Harbeck den Parteivorsitz bei der Grünen teilt, ihre politischen Vorstellungen, die so allgemein blieben wie die grünen Reklamebilder hinter ihr.

Wirklich Innovatives bei Pro Sieben

Für Journalisten hätte das die Möglichkeit geboten, in einem Live-Interview nachzuhaken. Doch Katrin Bauerfeind und Thilo Mischke, die dann am Abend ab 20.15 Uhr im Rahmen eines „Pro Sieben Spezials“ 45 Minuten lang das erste Live-Gespräch mit der 40-jährigen Kanzlerkandidatin führten (weitere kürzere Gespräche folgten bei ntv/RTL, im ZDF-„Heute-Journal“ und in den ARD-„Tagesthemen“), vergaben ihre Chance. Bauerfeind garnierte ihre umständlich und viel zu langwährenden Fragen mit einem Jugendjargon („Geht Ihnen der Arsch auf Grundeis?“), der sowohl für die Interviewte wie auch für die Interviewer unangemessen erschien. Mischke wiederum fügte seinen deutlich kürzeren Fragen das Anliegen hinzu, dass ihm die Politikerin „naiv“ etwas erkläre, egal ob es um die Finanzierung von grünen Projekten ging oder um den Tariflohn von Pflegekräften.

So unterschiedlich diese Frageformen auch waren, beide ermöglichten der Politikerin, weiterhin im Unverbindlichen zu bleiben. Sie lieferte nichts als Variationen dessen ab, was sie bereits am Vormittag nach ihrer Wahl abgespult hatte. Wolkige Floskeln von einem besseren Leben, wie es sich der deutsche Mittelstand wünscht. Am Ende des von keiner Werbung unterbrochenen Gesprächs waren die beiden Interviewer derart begeistert, dass sie der Interviewten Beifall klatschten. Damit hat Pro Sieben endlich einmal etwas wirklich Innovatives im politischen Journalismus im deutschen Fernsehen geleistet. So etwas hätten sich selbst in den Zeiten von Franz Josef Strauß nicht einmal die CSU-Vasallen im Bayerischen Rundfunk (BR) erlaubt.

Es war einmal ein BR-Journalist namens Söder

Zu den BR-Journalisten, die in der Zeit nach Strauß der CSU sehr nahestanden, gehörte einst auch ein gewisser Markus Söder, ehe es ihn in die Politik zog, wo er es bis zum bayerischen Ministerpräsidenten schaffte, der nun Kanzlerkandidat der Union werden wollte. Daran erinnerte am selben Abend in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ (21.05 bis 22.20 Uhr) die „Spiegel“-Journalistin Anna Clauß. Der Hinweis war insofern wichtig, weil Söder unter allen gegenwärtigen Politikern derjenige ist, der das Spiel mit und im Fernsehen am besten beherrscht.

Man muss sich nur seiner Auftritte in den letzten acht Tagen erinnern, in denen sich Söder anschickte, Kanzlerkandidat zu werden: Wie er den Gang vor den Kameras verinnerlicht hat, den er einst bei John Wayne und James Stewart abgeschaut haben mag; wie er auf Accessoires achtet, zu denen beispielweise eine Mappe gehört, die er zufällig in der Hand hält und die den Namen seiner Partei CSU trägt; wie er seine Erklärungen so wirken lässt, als seien sie improvisiert und zufällig, wo doch jedes Wort wohlabgewogen ist. Seinen CDU- Kanzlerkandidatenkonkurrenten Armin Laschet zum Beispiel nannte Söder mit einem stets liebevoll gemeinten Gesichtsausdruck meist nur mit dem Vornamen Armin. Das klang freundschaftlich, hatte aber einen finsteren Beigeschmack, weil es den Konkurrenten verniedlichte.

Als aus Armin wieder Armin Laschet wurde

Armin Laschet hingegen wirkt vor den Kameras stets etwas angestrengt. Wenn er locker sein will, klingt es bemüht. Wenn er etwas Wichtiges ausdrücken will, klingt es pompös. Sein Gang vor den Kameras ähnelt eher einer Flucht als dem lockeren Spaziergang, mit dem Söder seine Nähe zur Fernsehöffentlichkeit zelebriert. Eine Woche lang beherrschte der Kampf der beiden Konkurrenten um den Posten des Kanzlerkandidaten die Nachrichten. Man konnte komplizierte Schachzüge des Politischen beobachten, man konnte Fans des einen wie des anderen Lagers bestaunen, die sich für keine Reklame für ihren Favoriten zu schade waren. Man konnte fast live vertrauliche Sitzungen von Gremien verfolgen, weil aus diesen heraus jede interne Positionsmeldung in Windeseile veröffentlicht wurde. Man konnte einen Zweikampf erleben, der nicht politisch geführt wurde, sondern allein medial. Was das Massenmedium Fernsehen zu vielen Live-Schaltungen und endlosen Gesprächsrunden ausnutzte.

Dass Söder den Kampf möglicherweise an diesem Montag, an dem die Grünen die Kandidatur von Annalena Baerbock bekannt gaben, bereits aufgegeben hatte, konnte man gegen 14.00 Uhr bei seiner live auf Phoenix übertragenen Pressekonferenz an einer Winzigkeit erahnen. Er nannte seinen Duz- und Parteifreund Armin zum ersten Mal wieder auch bei seinem Nachnamen, so als trete er aus der Kampfesordnung heraus und betrachtete den Konkurrenten als eine Person, die nun wieder ernst zu nehmen und nicht mit falschen Freundschaftsworten zu verniedlichen ist.

„Kandidat der Herzen“: Ein Trost?

Dem weiteren Wortlaut seiner Erklärung nach beharrte Söder zwar darauf, dass er der richtigere Kandidat sei, doch er kündigte an, dass er sich „einer klaren Mehrheit“ im Präsidium der „größeren Schwester“ CDU beugen werde. Irgendjemand muss Söder in den Stunden vorher erklärt haben, dass seine Haltung, er habe zwar nicht die Gremien, aber die Basis der CDU hinter sich, für einen grünen Fundamentalisten der 1980er Jahre angemessen gewesen wäre, nicht aber für einen Politiker, der alles solchen Gremien und ihren Deals zu verdanken hat. Armin Laschet nutzte entschlossen diese seine Chance und setzte am Abend dieses Montags alles auf eine Karte. In der Nacht wurde dann bekannt, dass Laschet im CDU-Präsidium in einer geheimen Abstimmung eine Zwei-Drittel-Mehrheit hinter sich vereinigen konnte. Am Dienstag (20. April) gab dann Markus Söder um 12.03 Uhr in einer wieder von Phoenix live übertragenen Pressekonferenz bekannt: „Die Würfel sind gefallen, Armin Laschet wird Kanzlerkandidat der Union.“

Anders als sein Vorbild Franz Josef Strauß sagte Söder den Merksatz nicht auf Lateinisch („Alea iacta est“), vermutlich um die historische Analogie zu Julius Cäsar, der den Satz geprägt haben soll, nicht zu strapazieren, denn danach erst begann der Bürgerkrieg im römischen Kernland, statt dass es befriedet wurde. Kann aber auch sein, dass Söder anders als Strauß um den Ursprung des Satzes gar nicht weiß.

Aber noch eine andere Begrifflichkeit weckte historische Reminiszenzen. Denn CSU-Generalsekretär Markus Blume sagte abschließend, vermutlich um seinen Chef trösten zu wollen, Söder sei „Kandidat der Herzen“. Das war nett gemeint, hatte aber einen merkwürdigen Beigeschmack, wenn man an Prinzessin Diana denkt, die „Königin der Herzen“, die nach ihrem Unglückstod dergestalt bezeichnet wurde, oder wenn man sich an Schalke 04 erinnert, den „Meister der Herzen“, der 2001 in letzter Minute die deutsche Fußball-Meisterschaft verlor und in diesem Jahr vermutlich aus der Bundesliga absteigen wird.

20.04.2021 – Dietrich Leder/MK

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