Mayte Carrasco/Marcel Mettelsiefen: Afghanistan. Das verwundete Land. 4‑teilige Dokumentation (Arte)

Zerbersten vor Schmerz

24.04.2020 •

„Dies ist die Geschichte eines Landes, das ebenso schön wie verflucht zu sein scheint“, sagt eine weibliche Kommentarstimme gleich zu Beginn dieses dokumentarischen Mehrteilers und fragt: „Was ist in Afghanistan schiefgelaufen?“ Sima Samar, die alle Wendungen der afghanischen Politik miterlebt hat, sagt: „Seit den siebziger Jahren sitzt Afghanistan in der Falle.“ Und: „Wir müssten zerbersten vor Schmerz.“ Sie wurde 2001 erste Frauenministerin des Landes.

Mayte Carrasco und Marcel Mettelsiefen, beide erfahrene Reporter, haben mit „Afghanistan. Das verwundete Land“ (Produktion: Looksfilm) eine großangelegte und ungemein materialreiche Dokumentation vorgelegt, die von Arte am Abend des 7. April in einem rund dreieinhalbstündigen Block ausgestrahlt wurde (in der ARD soll am 6. Juli eine gekürzte Fassung gezeigt werden, natürlich erst kurz vor Mitternacht). Afghanistan – das ist eine Geschichte von Besatzung und Widerstand, ein Wechselspiel von Hoffnung und Enttäuschung, ein Land, das viele Stellvertreterkriege ertragen musste und das einem Muster folgt: Die Besatzer verstehen das Land nicht. Und Afghanen mögen keine Besatzer.

In vier Teile haben die Autoren ihr Material gegliedert. Erstens die Zeit der Monarchie in den sechziger Jahren unter Mohammed Sahir Schah. Dann Putsch, Ausrufung der Republik, eine kommunistische Sowjetregierung in Kabul. Zweitens: Aus Angst vor dem Islam in den eigenen Republiken und um die afghanische Regierung zu stützen, marschiert aus der damaligen UdSSR die Rote Armee ein und muss nach zehn Jahren und muss nach zehn Jahren Afghanistan-Krieg, in dem mehr als eine Million Menschen getötet werden, den Rückzug antreten (der zugleich auch das Ende der Sowjetunion markiert). Eine der größten Armeen der Welt wurde besiegt von einer Guerilla, den islamischen Mudjahedin.

Dann, drittens, der Bürgerkrieg. Die siegreichen afghanischen Widerstandskämpfer verwandeln sich in Kriegsherren, bekriegen sich, zerstören die Hauptstadt Kabul, treiben die Bevölkerung in den Hunger. Aus Pakistan kommen die Taliban, ursprünglich Religionsstudenten, jagen die Mudjahedin in die Berge zurück und errichten 1996 ihrerseits eine Schreckensherrschaft, mit Musikverbot, öffentlichen Hinrichtungen und Burkazwang. In Afghanistan lässt sich Osama bin Laden nieder, um von dort seinen Krieg gegen die USA zu führen, von den Taliban geduldet. Dann „Nine Eleven“.

Und, vierte Etappe, wieder kommen fremde Truppen ins Land, diesmal US-Militär, unterstützt von britischen Einheiten, um die Taliban zu stürzen und Osama Bin Laden zu jagen. Ende 2001 bringt die Petersberger Konferenz einen labilen Frieden, installiert Hamid Karzai als Übergangspräsidenten und zur Unterstützung der offiziellen Regierung werden von der NATO-geführte internationale Schutztruppen (ISAF) eingesetzt. Die Taliban agieren mit Selbstmordattentaten und regenerieren sich wieder. Heute finden Gespräche um eine Regierungsbeteiligung der Taliban statt. Ein Ende der afghanischen Wirren ist nicht abzusehen.

Das ist sehr viel Stoff und die Dokumentation bietet eindrucksvolles Archivmaterial. So sieht man etwa aus der Zeit der Monarchie Kabul als eine moderne Stadt, europäisch fast, keine Schleier für die Frauen, es gibt Modeschauen und sogar eine „Miss Afghanistan“ wird gewählt. Damit freilich war nur das Leben der Elite in Kabul beschrieben, nicht aber das der Bauern in den Provinzen, wo auch das aufgeklärte Königtum nichts an den elenden Verhältnissen ändern konnte und wollte. Eindrucksvoll sind in diesem Vierteiler aber vor allem die Zeit-zeugen und Beteiligten. Die Frauen vor allem. Die schon genannte Sima Samar zum Beispiel, heute Ministerin für Menschenrechte und internationale Beziehungen. Oder Shukria Barakzai, die eingangs des Films fordert: „Ich will mein Land zurück. Ist das zu viel verlangt?“. Sie ist heute ebenso wie Nilofar Ibrahimi Parlamentsabgeordnete in Kabul. Und was die politische Rolle der Frauen anlangt, ist das Rad der Geschichte diesmal wohl doch nicht mehr zurückzudrehen. So viel Hoffnung muss sein.

Wichtige Augenzeugen zu den wesentlichen Etappen der afghanischen Tragödie liefern Argumente und Einsichten. Etwa Ruslan Aushew, Oberst der Roten Armee, der dachte, man wolle den armen Bauern helfen, und bald einsehen musste, dass der damalige Krieg für die Sowjetarmee nicht zu gewinnen war. Jan Motasim, Finanzminister der Taliban, nach dem NATO-Einsatz nach Pakistan geflohen, heute Verhandler für eine neue Regierungskoalition. Dann Massoud Khalil, der mit den Mudjahedin in den Bergen kämpfte und später Diplomat seines Landes wurde. Oder General Stanley McChrystal, von 2009 bis 2010 Kommandeur der ISAF-Truppen in Afghanistan, der offen Kritik übt am unklaren Einsatz der US-Truppen, bei deren Eingreifen immer wieder auch viele Zivilisten zu Tode kamen: „Es war für die meisten einfacher, die Afghanen zu hassen als zu verstehen. Wir blieben lieber unter uns.“

Nicht jede Auswahl von Zeitzeugen überzeugt. So spielt Gulbuddin Hekmatyar, Führer der islamischen Organisation Hizb-e-Islami und einer der berüchtigten Kriegsherren, die Kabul zerstörten, bekannt als „der Schlächter von Kabul“, hier die Rolle eines maßvollen alten Politikers vor, der nur den Frieden will. Im Krieg gegen die Rote Armee sollen die USA seine Miliz mit 600 Mio Dollar finanziert haben. Seine Rolle wird im Film nicht hinterfragt, ebensowenig wie die des CIA-Agenten Milton Bearden, der seiner eigenen Selbstdarstellung nach die US-Waffenlieferungen ungefähr allein gemanagt haben muss.

Immerhin erfährt man von Bearden einiges über amerikanischen Zynismus, über die Haltung von US-Präsident Ronald Reagan und seinem Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski, die den Sowjets vor allem das Schicksal der USA im Vietnamkrieg bescheren wollten – erfolgreich, wie man weiß. Mit den gelieferten Stinger-Raketen holten die Mudjahedin erst die sowjetischen Hubschrauber vom Himmel, Jahre später die amerikanischen. Insgesamt zeigt sich die Dokumentation in der Darstellung seltsam indifferent gegenüber den islamisti-schen Vorstellungen von Staat und Scharia – als seien das diskutable politische Positionen.

„Was ist in Afghanistan schiefgelaufen?“, fragte eingangs der Kommentar. Darauf werden im Verlauf des Mehrteilers viele verschiedene Teilantworten gegeben. Keine dürfte für sich allein befriedigend sein. Und so wie die Sache aussieht, ist die afghanische Tragödie noch nicht ausgestanden. Die Dokumentation erinnert mit ihrem vielen Material daran, wie viel wir schon vergessen haben. Und sie zeigt implizit, dass junge Afghanen viele Gründe haben, ihre Heimat zu verlassen und ihr Lebensglück in Europa zu suchen. Sie werden, wenn sie es dorthin geschafft haben, weiterhin abgeschoben. Nach diesem Film wissen wir mehr darüber, in welches Land sie da zurückkehren müssen.

24.04.2020 – Fritz Wolf/MK

„Was ist in Afghanistan schiefgelaufen?“, fragt eingangs der Kommentar: So wie die Sache aussieht, ist die afghanische Tragödie noch nicht ausgestanden

Foto: Screenshot


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