Max von Klitzing: Bevor es mich zerreißt – Pastoren am Limit. Reihe „Echtes Leben“ (ARD/NDR)

Zwischen Beruf und Berufung

04.12.2018 •

Arbeitsverdichtung nennt man das in der Wirtschaft: Immer weniger Menschen erledigen immer mehr Arbeit. In den Kirchen heißt es anders, eleganter, vornehmer: Pastoralplan oder „Gemeinschaft der Gemeinden“. Nicht nur die Gemeinden – ganz gleich ob evangelisch oder katholisch – leiden darunter. In erster Linie sind es die Hauptamtlichen, die Pastoren und Priester, die bis an ihre Grenzen gehen (müssen).

Der Filmemacher Max von Klitzing hat zwei Seelsorger beobachtet, an deren Alltag seine halbstündige Reportage aus der ARD-Reihe „Echtes Leben“ den Zuschauer teilhaben lässt. Was dieser Alltag bedeutet, sagt bereits der Sendetitel: „Bevor es mich zerreißt – Pastoren am Limit“. Die Geistlichen von heute, Menschen zwischen Beruf und Berufung, haben einen eng getakteten Terminkalender und versuchen alles, um trotz der widrigen Umstände dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Spöttisch kann man mit Blick auf ihre ‘Klientel’
von der „Fahrgemeinde“ reden im Gegensatz zur herkömmlichen „Pfarrgemeinde“: Denn wenn der katholische Pfarrer Thomas Berkefeld, gemeinsam mit zwei weiteren Priestern im Pastoralbereich Hannover-Süd zehn Kirchen, die zu einer Großgemeinde mit insgesamt 23.000 Katholiken gehören, betreuen muss, dann ist allein schon die ständige Fahrerei zwischen den verschiedenen Einsatzorten Stress pur.

Denn Seelsorge besteht bei Berkefeld und seinen Berufskollegen ja nicht nur aus drei Sonntagsmessen mit Predigten für ein je anderes ‘Publikum’, sondern auch aus Besuchen in Kindergärten, dem Austausch mit dem Pastoralteam und viel Verwaltungsaufwand. Dabei ist unausweichlich, dass bei der demografischen Entwicklung auch die Kirchengemeinden ihren Preis zahlen müssen. Angesichts von immer mehr Beerdigungen, immer weniger Taufen und noch selteneren Trauungen müssen immer weniger Seelsorger immer größere Gemeinden betreuen. Jedenfalls so lange bei den Katholiken Gemeindeleiter nur zum Priester geweihte Männer sein dürfen.

Der evangelische Pastor Matthias Storck vergleicht seine aktuelle Tätigkeit in Herford sogar schon mit der 14-monatigen DDR-Haft in Bautzen. „Ich bin heute stärker geschädigt als durch die Haft damals“, meint er vor der Kamera. Es bestehe die Gefahr, dass im Stress „Gott verlorengeht“. Helfen gegen den drohenden Burnout konnte ihm eine sechswöchige Auszeit im ehemaligen Kloster Barsinghausen, das die evangelische Landeskirche für ihre Seelsorger eingerichtet hat – mit reger Nachfrage. Also eine Auszeit von der Kanzel. Psychologische Betreuung, Bogenschießen, der Austausch mit Kollegen, Kunsttherapie und Ruhe sollen dazu beitragen, die „Fröhlichkeit im Glauben“ wiederzufinden. Pfarrer Berkefeld verweist seinerseits auf seltene freie Tage und Exerzitien, geistliche Begleitung und Supervision. Ob dies tatsächlich Hilfe ist oder nur vorübergehende Ablenkung von den systemimmanenten Belastungen?

Die am frühen Sonntagabend ausgestrahlte Reportage litt unter der Zeitnot. 30 Minuten können bei weitem nicht ausreichen, die ganze Problematik zu durchleuchten. So kamen im Film beispielsweise keine Gemeindemitglieder zu Wort, die ja – zumindest teilweise – durch ihre Ansprüche an den geistlichen Gemeindeleiter mit für den Stress sorgen. Doch um wie viele Seelen kann sich ein Seelsorger kümmern, bevor seine eigene Seele leidet? Denn der Pfarrer ist Manager von Kitas und Friedhöfen, Verwalter von Gebäuden und Personal. Wer hat sich dafür zum Priester weihen oder als Pastor ordinieren lassen? Der Film zeigte bezüglich deren Situation immerhin Schlaglichter, die aufmerken ließen.

Seit einem Jahr ersetzt die Reihe „Echtes Leben“ – zu der alle ARD-Landesrundfunkanstalten Beiträge zuliefern – das 1984 eingeführte Format „Gott und die Welt“. Trotz des neuen Titels wolle die von der ARD-Koordination ‘Kirchliche Sendungen’ verantwortete Reihe den „Religionsaspekt“ aber auch künftig „nicht weglassen“, so hieß es bei der Verkündung des neuen Titels im Herbst vorigen Jahres. Das aktuelle Beispiel mag ein Beleg dafür sein.

04.12.2018 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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