Matthias Glaser/Maxim Kuphal-Potapenko/Laura Lackmann/Svenja Rasocha: Blochin – Die Lebenden und die Toten. 5‑teilige Krimiserie (ZDF)

Knirschend durch die Genre‑Erzählung

02.10.2015 •

02.10.2015 • Ob Ankündigungen des Senders oder Vorabbesprechungen, kaum eine Veröffentlichung zum ZDF-Fünfteiler „Blochin“ kam ohne den Begriff „horizontale Erzählung“ aus. Der kursiert im Rezensionswesen, seit die serielle TV-Erzählung als attraktives Thema entdeckt wurde, klingt nach Fachwissen und Innovation, so wie die Begriffe „Showrunner“ oder „Writer’s Room“. Nichts davon ist neu, es handelt sich um altbekannte Einrichtungen und Funktionen industrieller Serienfertigung, deren Genese im westlichen Kulturkreis bis zu den US-amerikanischen Radio-Soaps zurückreicht.

Fernsehserien sind seit einiger Zeit ein Modethema, vorrangig die US-amerikanischen und skandinavischen Produktionen. Die Hingabe der Feuilletons und mancher, teils skurriler Web-Seiten gilt der Fortsetzungserzählung, also dem „horizontalen Erzählen“, mit der Begründung, die epische TV-Serie habe den zeitgenössischen Roman eingeholt oder gar ersetzt. Auch kein neuer Gedanke – als das westdeutsche Fernsehen ab 1959 erstmals Mehrteiler wie „So weit die Füße tragen“ oder „Am grünen Strand der Spree“ (beides ARD/WDR) produzieren ließ, wurden diese Fortsetzungsstücke als „Fernseh-Romane“ bezeichnet. Es folgten dann vor allem Krimimehrteiler, die ARD-„Straßenfeger“ nach Vorlagen von Francis Durbridge oder auch semidokumentarische Stoffe wie „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ (ARD/NDR).

In eben dieser Tradition des großen Mehrteilers steht auch „Blochin“. Der fünfteilige Krimi ist folglich keine jener US-amerikanischen Premium-Soaps, die tatsächlich in epischer Breite erzählen – Titel, die in der deutschen Serienrezeption kaum einmal Erwähnung finden. „China Beach“ beispielsweise thematisierte über vier Staffeln hinweg den Vietnam-Einsatz von Armee-Krankenschwestern und deren Rückkehr in die USA, Michael Manns „Crime Story“ entfaltete mit langem Atem die Geschichte der Mafia in den 1960er Jahren zwischen Chicago und Las Vegas einschließlich der Atombombenversuche in der Wüste Nevadas. Vor allem aber findet sich die epische Breite bei den Familienserien, in denen mitunter über mehrere Generationen hinweg erzählt wird – in der britischen Serie „Coronation Street“ seit 1960!

„Blochin“-Headautor Matthias Glasner machte mit dem von ihm und den Koautoren Maxim Kuphal-Potapenko, Laura Lackmann und Svenja Rasocha (Writer’s Room!) in gemeinsamer Arbeit verfassten Stoff das Gegenteil: Er verdichtete das Geschehen zeitlich und inhaltlich in einem Maß, dass für Zwischentöne kaum noch Raum bleibt. Der von Jürgen Vogel wuchtig und angemessen wortkarg verkörperte Kriminalermittler Blochin ficht zeitgleich an vielen Fronten. Die permanent auf ihn einprasselnden Herausforderungen lassen ihm kaum mal eine Sekunde zum Durchatmen. Im Auge des Betrachters wird die Narration somit von ständiger Bewegung und einer Kette von Konfrontationen bestimmt. Die dramatische Komponente, der, so Regisseur Glasner im Pressematerial, besonderes Gewicht beikommen sollte, erscheint in der szenischen Auflösung eher wie ein dramaturgischer Pausenfüller.

Die Auftaktepisode beginnt mit einer Rückblende. Winterlich blau getönte Bilder, zwei Kinder spielen. Plötzlich wird geschossen. Das Mädchen sinkt zu Boden, der Junge flieht, aber der Killer holt ihn ein. Schießt erneut, der Junge, getroffen, stürzt ins Wasser. Doch er überlebt.

Zeitsprung in den heißen Berliner Sommer des Jahres 2015. Der Polizist Blochin wird nachts zu einem Toten gerufen. Es ist ein alter Freund aus der Drogenszene. Blochin gehörte einst selbst zum Milieu, ging dann zur Polizei, wurde Drogenfahnder. Jetzt ist er bei der Mordkommission. Er will den Tod des Freundes aufklären, aber entgegen der üblichen Praxis übernimmt das BKA den Fall. Blochin und sein Vorgesetzter Dominik Stötzner (Thomas Heinze), zugleich sein Schwager, wittern trübe Machenschaften. Und haben natürlich Recht. Stoff genug eigentlich für einen spannenden Krimi, doch Blochin wird auch noch mit einem alten Video erpresst, das ihn als Mörder zeigt. Für Dramamomente sorgt die Erkrankung seiner innig geliebten Ehefrau Inka (Maja Schöne), mit der Blochin eine kleine Tochter (Emilia Eidt) hat.

Die weiteren Episoden – die Autoren nennen sie „Kapitel“ – werden von fortwährender Aktion getrieben. Nie hat Blochin Zeit, sich um die Belange seiner Familie zu kümmern, deren gesundheitlicher Zustand sich zusehends verschlechtert. Sein Schwager steht ihm bei, indem er den Erpresser kurzerhand erschießt, schafft damit aber neue Kalamitäten. Er und Blochin drohen aufzufliegen. Derweil wird weiterhin ermittelt; der Mord, der die Ereigniskette in Gang setzte, steht in Zusammenhang mit groß angelegten Drogengeschäften. Bundeswehrsoldaten und Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsunternehmens haben Rauschgift aus Afghanistan nach Deutschland geschafft – in so großem Stil, dass nun alle Mitwisser beseitigt werden. Und das Komplott reicht bis in höchste Kreise.

So weit die Inhalte in verknappter Form, die längst nicht alle Verästelungen einschließt. Temporeich und fiebrig geht es durchs Geschehen, mit schnellem Wechsel der Schauplätze. Es gerät durchaus spannend und zeugt von einem gewissen Geschick, wie die Autoren immer neue Gefahrensituationen aufbauen und im Schlusskapitel auflösen. Mut beweisen die Beteiligten, wenn sie zwei Gesetzesbrecher in den Mittelpunkt stellen und insofern Konsequenz zeigen, als sie keiner Figur Schonung angedeihen lassen.

Darin etwa hebt sich „Blochin“ von der Krimiregelware ab: Beim „Tatort“, beim „Polizeiruf 110“ und bei anderen Reihenproduktionen darf sich das Publikum darauf verlassen, dass dem Stammpersonal, sympathischen Figuren und Kindern nichts Übles widerfährt. Eine Verletzung, ja, gelegentlich, doch am Schluss versammelt man sich am Krankenbett und freut sich über das bestandene Abenteuer. Kriminalfilme wie zum Beispiel die „Tatort“-Folge „Franziska“ (ARD/WDR 2014), in der Franziska Lüttgenjohann, die langjährige Assistentin der Kölner Kommissare Ballauf und Schenk getötet wird, bilden eine Ausnahme und sind auch nur möglich, wenn eine Figur den Erzählkosmos verlässt (wie im Fall von Franziska-Darstellerin Tessa Mittelstaedt) oder die Reihe insgesamt ein Ende findet. Der Zuschauer will es so, will die Gaukelei, dass die Dinge nach 90 Minuten wieder im Reinen sind. „Blochin“ entspricht diesem Wunsch nur bedingt.

Das Urteil also fällt ambivalent aus. Dem selbstgestellten Anspruch, eine große horizontale Erzählung, eine Kombination aus Politkrimi und lebensweltlichem Drama zu schaffen, werden die Urheber nicht gerecht. Dafür liefern sie zwar ein oft fesselndes, aber handwerklich nicht durchweg überzeugendes Genre-Stück. So hätte etwa die Skrupellosigkeit, mit der der „Lieutenant“ genannte Stötzner (Thomas Heinze) hinterrücks einen Zeugen niederstreckt, der charakterlichen Grundierung bedurft. Sie passt nicht zu dem Mann, der liebevoll mit seiner Nichte umgeht und sich im Verhältnis zu seiner Geliebten als einfühlsam und integer erweist. Anschauungsmaterial, wie man solche Kontraste überzeugend in Einklang bringen kann, liefern beispielsweise die US-Serie „The Shield“ oder der BBC-Vierteiler „Good Cop“.

Ein weiterer Störfaktor bei „Blochin“ sind einige kleinere Mängel, die aufmerksame Zuschauer aus dem Erzählkontext reißen. So passen die Kostüme in der Anfangssequenz nicht recht zur Zeit der Handlung, und wenn eine spanische Prostituierte nicht aussagen will, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung hat, wird der Vorgang als rein dramaturgisches Konstrukt erkennbar – als EU-Bürgerin braucht sie keine.

Letztlich erfüllt dieser Fünfteiler, was die ZDF-Redakteurinnen Katharina Dufner und Caroline von Senden im Begleitmaterial zur Serie versprochen haben: „Mit ‘Blochin’ begeben wir uns in die spannenden Untiefen konsequenter Genre-Erzählung.“ Eine Bedeutung des Wortes Untiefe meint flache Stellen in Meeren und Flüssen, bei denen die Gefahr des Auflaufens besteht. Der Mehrteiler „Blochin“ ist einige Male laut knirschend über Sandbänke geschrammt und hat dabei hässliche Kratzer und kleinere Lecks davongetragen. Aber untergegangen ist er nicht.

02.10.2015 – Harald Keller/MK

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