Matías Gueilburt: Der Jesuit – Papst Franziskus. 4‑teilige Miniserie (Bibel TV)

Der Glücksfall mit dem Emmy

23.12.2016 •

23.12.2016 • Päpste der Neuzeit sind allerspätestens seit Johannes Paul II. Objekte von fiktiven Film- und Fernsehproduktionen. Der polnische Regisseur Krzysztof Zanussi nutzte 1981 die Kindheitserinnerungen von Karol Wojtyla, um in dem Film „Aus einem fernen Land“ die wechselvolle Geschichte Polens zu rekonstruieren. Im Vordergrund stand hier am Beispiel des späteren Papstes der Kampf der Katholiken – erst gegen die Nazis, später gegen die Kommunisten.

Auch wenn Joseph Ratzinger, der als Benedikt XVI. Nachfolger von Johannes Paul II. als katholisches Kirchenoberhaupt wurde, den Medien gegenüber eher zurückhaltend war, so soll der aus Deutschland stammende Papst doch Gegenstand einer eigenen TV-Serie werden, wie Produzent Nico Hofmann (Ufa Fiction) bereits angekündigt hat. Der jetzige Papst Franziskus, der 2013 nach dem spektakulären Amtsverzicht von Benedikt XVI. zum neuen Pontifex gewählt wurde, ist erneut jemand, der den Medien ‘Futter gibt’. Und sei es, dass er keine roten Schuhe trägt, dass er keine Luxuslimousine für Ausfahrten nutzt, dass er nicht in den päpstlichen Gemächern logiert. Franziskus umgibt sich mit Obdachlosen und Bettlern, geht zu einem Optiker in der Stadt, statt ihn kommen zu lassen, oder fällt mit Formulierungen auf, die seinen Pressestab zum Erstarren bringen. Stoff genug also für eine Verarbeitung seiner Biografie im Fernsehen.

Bibel TV, „der christlich ausgerichtete Free-TV-Sender“, wie er sich selbst nennt, strahlt „ein 24-stündiges Vollprogramm aus“, so heißt es weiter, „das das gesamte Spektrum journalistischer und unterhaltender Sendeformate abbildet“. Dafür hatte der kleine Privatsender dann auch die argentinische Fernsehserie „Der Jesuit – Papst Franziskus“ angekauft. Und es ergab sich ein Glücksfall für die Programmmacher: Die Miniserie wurde am 21. November in New York als bestes nicht englischsprachiges US-Primetime-Programm mit dem internationalen Emmy Award 2016 ausgezeichnet. Bibel TV stellte deshalb, schnell reagierend, am 22. November kurzfristig sein Programm um und zeigte zur Primetime zunächst von 20.15 bis 21.00 Uhr die 45-minütige Dokumentation „Zwei Päpste für ein Halleluja“ von Florian Kröppel aus dem Jahr 2014, einen Beitrag, in dem es schwerpunktmäßig um die von Franziskus heiliggesprochenen Vorgänger Papst Johannes XXIII. und Papst Johannes Paul II. geht. Direkt im Anschluss gab es die erste Folge der gerade mit dem Emmy ausgezeichneten Serie. Im Überschwang wurde während der Dokumentation „Zwei Päpste für ein Halleluja“ ein Countdown eingeblendet, der die verbleibende Zeit bis zur „Deutschlandpremiere“ der Franziskus-Serie anzeigte.

Die argentinische Produktion unter der Regie von Matías Gueilburt besteht aus vier 45-minütigen Folgen. Das ganze basiert auf der gleichnamigen und weltweit einzigen autorisierten Papstbiografie „Der Jesuit – Papst Franziskus. Mein Leben, mein Weg“, fußend wiederum auf Gesprächen von Sergio Rubin und Francesca Ambrogetti mit Jorge Mario Bergoglio, dem Papst aus Argentinien. Die Serie besteht vorwiegend aus Spielszenen, die dominiert werden von den beiden Schauspielern Sergio Calvo in der Rolle des jungen Kardinals Bergoglio und Gustavo Yanniello als späterer Papst Franziskus. Und man muss sagen, dass die beiden Akteure dem Papst verblüffend ähnlich sehen. Eingestreut ins Geschehen sind Erklärstücke von Publizisten wie Marco Politi (Vatikanist, früherer Berichterstatter der Tageszeitung „La Repubblica“), Ezio Mauro (Direktor von „La Repubblica“) oder Javier Martinez-Brocal (Direktor von „Rome Reports“), die das zuvor Gesehene einordnen. Weitere Zeugnisse stammen vor allem von Francesca Ambrogetti, also der Koautorin der Biografie, und von Alicia Oliveira, einer alten Freundin Bergoglios. Schließlich runden rein vom Material her dokumentarische Aufnahmen zeitgenössischer Agenturen die Bildfolgen ab.

Die Miniserie (oder auch der Vierteiler) konzentriert sich auf markante Meilensteine im Leben des heutigen Papstes. Seine Berufung zum Priester gegen den Widerstand der Mutter, eine heftige Lungenerkrankung, der Eintritt in den Jesuitenorden und die Verantwortung als Provinzial in Buenos Aires während der Militärdiktatur. Später seine Rolle im ersten Konklave, als Joseph Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. gewählt wurde und dies nur, weil Bergoglio damals seine Kandidatur zurückzog. Und schließlich sein Wirken als Pontifex Maximus in dem Bemühen zum einen, Frieden zwischen Israel und den Palästinensern sowie zwischen Kuba und den USA zu befördern, und in seiner Initiative zum anderen, die Haltung der katholischen Kirche gegenüber Ehe und Familie im umfassenden Sinne diskutieren zu lassen. Zudem räumte er die Vatikanbank auf.

Vielschichtiger Stoff also war zu bewältigen. Dies gelingt den einzelnen Folgen durchaus überzeugend, weil Regisseur Gueilburt die einzelnen Elemente geschickt miteinander zu verbinden weiß, sie gelegentlich auch miteinander in Kontrast bringt. Zudem wechselt er immer wieder die Zeitebenen zwischen Bergoglio als Papst im Vatikan und dessen Leben davor in Argentinien. Auf diese Weise versucht Gueilburt dem Zuschauer die Beweggründe des Kirchenoberhaupts zu vermitteln und dessen für die kuriale Umgebung in Vatikan zunächst unverständliche Handlungsweise zu erklären.

Bergoglio ist auch als Papst ein Mann des Dialogs, weil er mit dieser Handlungsweise gute Erfahrungen sowohl im Orden als auch als Bischof von Buenos Aires gemacht hat. Er will „Menschen mit Gott verbinden“. Seine Vorgehensweise stößt – wie man inzwischen weiß – auf teilweise erbitterten Widerstand innerhalb des Kardinalskollegiums und der Kurienverwaltung, die sich dabei auch ihr genehmer und dem Papst gegenüber oppositioneller Medien bedienen. Sie verwenden eine Phase während der Militärdiktatur, als Ordensmitglieder entführt wurden, gegen den damaligen Jesuitenoberen Bergoglio.

Bemerkenswert ist, welche Wertschätzung im Leben des Papstes Frauen erfahren. Ohne jede Spekulation, es würde mehr dahinterstecken als gegenseitiger Respekt und Gedankenaustausch, vermögen es diese Frauen, mit denen er zu tun hat, für Bodenhaftung zu sorgen. Und als eine Frau aus Argentinien ihm per Brief ihre verzweifelte Lage in der katholischen Kirche nach ihrer Scheidung schildert, ruft er sie an, um ihr zuzuhören. Und beschließt daraufhin – so wird es jedenfalls in der Serie erzählt – eine Familiensynode einzuberufen.

Dies ist alles durchaus nachvollziehbar beschrieben. Es erweckt aber dennoch streckenweise den Eindruck, als gehe es der Serie in erster Linie darum, die Persönlichkeit des Jorge Bergoglio in möglichst positivem Licht erscheinen zu lassen. Früher verfasste man Hagiografien, Heiligenbeschreibungen, die die Verehrung der beschriebenen Persönlichkeit, nachdem sie gestorben war, möglichst fördern sollten. Dies bei einem Lebenden zu erfahren, ist etwas befremdlich. Zumal wenn frühere Ereignisse im Leben überhöht werden. Ein Beispiel: Weil er sich zu lange in einem Beichtgespräch aufhält, verpasst der junge Jorge den Zug, mit dem es für ihn und seine Freunde und Freundinnen zu einem Ausflug gehen sollte. Jorge rennt noch den fahrenden Waggons hinterher, schafft es aber nicht, aufzuspringen, und bleibt allein am Gleis zurück, während der Zug seine Freunde und Freundinnen ins Vergnügen fährt. Dies wird im Film so gedeutet, als sei es das entscheidende Ereignis zur Berufung ins Priesteramt zu verstehen. Manches ist eben sehr plakativ und ohne Grautöne dargestellt. Die vier Folgen dieser Serie sind insgesamt emotional angelegt, die aufwändige Produktion hat dabei etwas von einem Fernseh-Ereignis. Hier vor allem dürften auch die Gründe für die sicher nicht unverdiente Emmy-Auszeichnung liegen.

Nur schwer nachvollziehbar ist im Übrigen der Haupttitel der Serie, „Der Jesuit“. Denn nichts wird gesagt über die Spiritualität dieses Ordens und seines Gründers Ignatius von Loyola, nichts über die Beweggründe, warum Jorge Mario Bergoglio ausgerechnet diesen Orden wählte und nicht etwa den der Franziskaner – hatte seine Mutter ihm doch von der Begegnung des Franz von Assisi mit einem Wolf erzählt, den er zähmte. Das mag seine Wahl des Papstnamens deuten, nicht aber seine Beziehung zu den Jesuiten, eine Ordensgründung aus der Gegen­reformation. Oder gilt etwa die Szene, in der die Delegation aus Kuba und den USA vom Papst zunächst warten gelassen werden, um dann gemeinsam einen auf den Teppich gefallenen Anstecker zu suchen, als jesuitische Finte? Wenn man so will.

Anlässlich des 80. Geburtstags von Papst Franziskus am 17. Dezember (Samstag) zeigte Bibel TV dann noch ab 20.15 Uhr – vom Sender deklariert „als Höhepunkt dieses TV-Highlights“ – eine 90-minütige Version von „Der Jesuit – Papst Franziskus“. Sie war zusammengestellt aus den vier Folgen der Serie, also praktisch deren kondensierte Fassung.

23.12.2016 – Martin Thull/MK