Martin Smith/Linda Hirsch: Mord im Konsulat. Mohammed bin Salman und der Fall Khashoggi. 2‑teilige US‑Dokumentation (Arte)

Akribisch recherchiert

05.03.2020 •

Die Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi, der im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet und zerstückelt wurde, sorgte im Oktober 2018 weltweit für Entsetzen. Die Verstrickung des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman in diese mittelalterlich anmutende Bluttat gilt als offenes Geheimnis.

Rund ein Jahr später begeben sich der amerikanische Journalist Martin Smith und die mehrfach preisgekrönte Produzentin und Autorin Linda Hirsch auf Spurensuche. Ihr Film „Mord im Konsulat“ (eine vom ZDF ins Arte-Programm eingebrachte US-Produktion) rückt die Exekution Khashoggis, einem der bekanntesten Kritiker des Regimes von Saudi-Arabien, in einen weltpolitischen Kontext. Untersucht werden der Aufstieg des Kronprinzen, seine ambitioniert erscheinenden Zukunftsvisionen für den Öl-Staat, sein Umgang mit Kritikern und seine Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, vor allem zu US-Präsident Donald Trump.

Der Film beginnt allerdings mit einer prätentiös anmutenden Selbstinszenierung. So lässt der Autor sich filmen, wie er als Gast der High Society von Riad unter saudischen Honoratioren weilt, die ein Autorennen beobachten. „Mein Name ist Martin Smith. Ich bin Journalist. Mir ist es gelungen, in die königliche Loge zu gelangen“, heißt es im Off-Kommentar. Der Dokumentarist will zeigen, welch gute Beziehungen er zum Zentrum der saudischen Macht hat. Sein Interview mit dem Kronprinzen bringt aber nicht die erhofften Informationen über den Mord.

Interessant ist der Film, der sich weniger auf Khashoggi als auf den Werdegang Mohammed bin Salmans konzentriert, aber dennoch. Ein Stakkato aus TV-Mitschnitten, Zeitzeugen-Interviews und Fakten skizziert das Bild des Kronprinzen als skrupellos taktierenden Machtmenschen. So brach bin Salman nach dem Amtsantritt als Verteidigungsminister seines Landes den bis heute andauernden Krieg gegen den Jemen vom Zaun. Und er versuchte Katar zu einem „Vasallenstaat“ Saudi-Arabiens zu erniedrigen. Der wohl aufschlussreichste Abschnitt der Dokumentation zeichnet nach, wie der Autokrat durch die Manipulation sozialer Medien – insbesondere des in Saudi-Arabien häufig genutzten Kurzmitteilungsportals Twitter – von sich selbst das Trugbild eines charismatischen Staatsmannes entwirft. Bin Salman inszeniert sich als weltoffener Politiker, der sogar an einer israelfreundlichen Lösung des Nahost-Konflikts interessiert zu sein scheint.

Ausschnitte aus Fernsehinterviews belegen, wie sehr Jamal Khashoggi diese Idealisierung anfangs bejubelte. Als linientreuer saudischer Publizist spendete er dem Kronprinzen Applaus und setzte den Erzfeind Iran nebenbei mit Nazi-Deutschland gleich. Als Umschlagpunkt, so das Zwischenfazit des Films, erwies sich jener Auslandsbesuch des frisch gewählten US-Präsidenten Trump im Mai 2017, der ihn nicht zufällig nach Saudi-Arabien führte. Dabei erneuerte er jene strategische Allianz, die unter seinem Vorgänger Barack Obama zurückgefahren worden war. Das saudische Königshaus hoffte, dank seiner guten Beziehungen zum neuen US-Präsidenten die Vormachtstellung in der arabischen Welt ausbauen zu können.

Aufgrund seiner wenn auch vorsichtigen Kritik an Trump galt Khashoggi fortan als unliebsamer Nestbeschmutzer, der in Saudi-Arabien mit Berufsverbot belegt wurde. Der Journalist emigrierte daraufhin in die USA, um seine Vorbehalte fortan als Kolumnist der „Washington Post“ unverblümt zu formulieren. Als er in einem dort veröffentlichten Text vom November 2017 bin Salman gar mit dem autokratischen russischen Präsidenten Wladimir Putin verglich, hatte der Journalist in den Augen der Saudis offenbar eine rote Linie überschritten. Seine am 28. September 2018 veröffentlichte Kolumne in der „Washington Post“ sollte seine letzte sein.

Inwiefern der Kronprinz die Beseitigung des abtrünnigen Schreibers tatsächlich zu verantworten hat, bleibt am Ende der Dokumentation offen. Der Film führt allerdings zahlreiche Indizien dafür an, dass die Verantwortlichen für die Bluttat aufgrund mangelnder Rechtsstaatlichkeit in Saudi-Arabien offenbar nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Streiflichter auf den einflussreichen Islam-Gelehrten Salman al-Auda, der aufgrund seiner liberalen Ansichten in Saudi-Arabien hinter Gittern sitzt, und die Frauenrechtlerin Loujain al-Hathloul, die aufgrund ihrer unverblümten Kritik an bin Salman inhaftiert war und gefoltert wurde, führen vor Augen, dass das Vorgehen gegen Dissidenten wie Khashoggi kein Einzelfall ist.

Der argumentativ dichte Film wird immer wieder aufgelockert mit skurrilen Randbeobachtungen. Zu sehen ist beispielsweise, wie in saudischen Metropolen Kinos entstehen, in denen offenbar auch freizügige Hollywood-Filme zu sehen sind. Bilder von Fahrgeschäften im Stil einer ganz alltäglichen Kirmes zeigen, wie Menschen in Saudi-Arabien sich scheinbar ausgelassen amüsieren wie überall auf der Welt.

Nur etwas ist anders: Zu sehen ist einmal, wie eine Gruppe vollverschleierter Frauen in eine Geisterbahn hineinfährt, in der genauso gut sie selbst als Horrorfiguren auftreten könnten. Das sprechende Bild konterkariert eine scheinbare Liberalisierung der saudischen Gesellschaft, die sich anzubahnen schien, als unter weltweitem Medieninteresse jene Lockerungen religiös motivierter Vorschriften verkündet wurden, die es Frauen fortan ermöglichte, in Saudi-Arabien endlich auch Auto fahren zu dürfen. PR-Maßnahmen dieser Art rücken bin Salman ins weltpolitische Rampenlicht als vermeintlichen Reformer, der quasi einem neuen arabischen Frühling den Weg bereitet.

Der Film zeichnet jedoch ein anderes Bild. „Mord im Konsulat. Mohammed bin Salman und der Fall Khashoggi“ (Produktion: Frontline mit Rain Media) ist eine sperrige, anstrengende und zuweilen etwas unübersichtlich anmutende Dokumentation. Dennoch gelingt es Martin Smith und Linda Hirsch hier, durch akribische Recherche und die Rekonstruktion politisch sensibler Zusammenhänge, ein Puzzle aus Fakten, Vermutungen und Einschätzungen zusammenzusetzen, das sich als sehr informativ erweist. Dranbleiben lohnt sich bei diesem Film, der im Übrigen aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen in zwei direkt hintereinander ausgestrahlte 52-minütige Blöcke aufgeteilt wurde. Sinnvoller wäre es gewesen, die Dokumentation an einem Stück auszustrahlen.

05.03.2020 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 12/2020

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