Martin Rauhaus/Dror Zahavi: München 72 – Das Attentat (ZDF)

Wie es so weit kommen konnte

23.03.2012 •

Gerade einmal 40 Jahre ist es her, da waren Terrorismus und dessen Bekämpfung kein Thema, sollten auch keines sein: Die Sicherheitskräfte bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München wurden verniedlichend „Olys“ genannt, sie trugen himmelblaue Kostümchen und keine Waffen – die Bundesrepublik Deutschland wollte sich als friedliebende, offene Nation inszenieren und tunlichst alles vermeiden, was Assoziationen zu den Spielen von 1936 in Nazi-Deutschland hätte wecken können.

Genutzt hat diese Strategie nichts, ganz im Gegenteil: Die Spiele von München 1972 sind als Spiele des Olympia-Attentats in die Geschichte eingegangen, ein Super-GAU in jeglicher Hinsicht: Ausgerechnet im Land des Holocausts gelang es palästinensischen Terroristen, elf israelische Sportler als Geiseln zu nehmen, ausgerechnet bei der Veranstaltung, die sich so gerne selbst als friedliebend und völkerverbindend feiert.

Dass die Geiselnahme dann aber auch noch die denkbar schrecklichste Wendung nahm, ist zu einem sehr wesentlichen Teil auf das Verhalten der deutschen Behörden zurückzuführen, die mit aus heutiger Sicht kaum zu fassender Hilflosigkeit und Unzulänglichkeit agierten: Der ZDF-Fernsehfilm „München 72 – Das Attentat“ (Produktion: Teamworx) nimmt vor allem diesen Aspekt in den Blick, die Perspektive und das Agieren des deutschen Krisenstabs. Zu diesem gehörten unter anderem der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, sein Adjutant Ulrich Wegener (der später die nach dem Fiasko von München neu gegründete Elitetruppe GSG 9 leitete), der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber (der im Film Dieter Waldner heißt) und der bayerische Innenminister Bruno Merk.

Bernadette Heerwagen spielt im Film die Polizistin Anna Gerbers (deren reales Vorbild Anneliese Graes hieß). Sie war kein offizielles, aber doch, wie sich herausstellen sollte, ein umso wichtigeres Mitglied dieses Krisenstabs, denn sie hatte sich freiwillig gemeldet, als es darum ging, die Verhandlungen mit dem Terroristenführer „Issa“ zu führen. Nicht zuletzt durch ihre Hilfe, so erzählt es der Film, gelang es, das Ultimatum der Palästinenser, die für die Freigabe der Geiseln die Freilassung von über 200 Inhaftierten aus israelischen Gefängnissen forderten, immer wieder hinauszuzögern. Schließlich verlangten die Palästinenser ein Flugzeug und freien Abzug. Auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck in der Nähe von München kam es dann bei dem Versuch der Geiselbefreiung durch deutsche Polizisten zu der bekannten Katastrophe: Alle Geiseln, fünf Terroristen sowie ein an der Schießerei unbeteiligter deutscher Polizist starben.

Wie es so weit kommen konnte, skizziert der streckenweise fast kammerspielartig inszenierte und sorgfältig recherchierte Spielfilm sehr präzise. Die starke Fokussierung auf den deutschen Blickwinkel erlaubt es dem in Tel Aviv geborenen Regisseur Dror Zahavi, die beiden Konfliktparteien, Israelis und Palästinenser, recht ausgewogen darzustellen, ohne die Taten der Terroristen zu verharmlosen: Da ist schon die Leiche des israelischen Sportlers vor, um den herum seine festgesetzten Kollegen in einer Wohnung des Olympiadorfs Stunde um Stunde ausharren müssen. Dennoch sind die Palästinenser keine gesichtslosen Barbaren, mit der Figur des Issa (Shredi Jabarin) bekommen sie ein durchaus kultiviertes, reflektiertes Antlitz.

Eigentlich wundert man sich beim Zusehen fast, wie lange sich Issa von den stümperhaft agierenden deutschen Behörden hinhalten lässt, wie die Terroristen selbst dann noch verhandlungsbereit bleiben, als sie dem anlaufenden Versuch einer Geiselbefreiungsaktion live am Fernsehbildschirm zusehen konnten. Als den Verantwortlichen endlich dämmert, dass auch die Palästinenser die live übertragenen Bewegungen der Polizisten auf dem Dach der Sportlerunterkünfte im Fernsehen mitverfolgen, wird die Aktion abgebrochen. Selbst wenn man das heutige mediale Bewusstsein bei der Bewertung herauszurechnen versucht, so raubt einem die damalige Naivität doch den Atem. Und atemberaubend war vieles an den damaligen Geschehnissen: Glücklicherweise erzählt „München 72“ (Drehbuch: Martin Rauhaus) die entsprechenden, historisch belegten Vorgänge weitgehend schnörkellos – spannend sind sie ohnehin.

Wo der Film sich allerdings heillos verliert, ist die private Sphäre, die menschelnde Ebene, mit der das politische Geschehen ummäntelt werden soll: Die Liebesgeschichte zwischen Anna Gerbers und dem Hubschrauberpiloten Michael Bruckner (Felix Klare) ist ebenso komplett überflüssig wie die Nebenhandlung über die holländischen Campinggäste, die während der Olympischen Spiele den Garten von Bruckners Elternhaus in München bevölkern: Vor allem der letztere Erzählstrang löst sich denn auch entsprechend sang- und klanglos in Luft auf. Am konsequentesten durchgezogen und auch legitimsten ist noch der Versuch, mit der Geschichte des israelischen Fechttrainers André Spitzer (Pasquale Aleardi) und seiner um ihn bangenden Ehefrau Ankie (Esther Zimmering) den Zuschauer emotional zu packen.

Gelungen aber ist das TV-Drama nur in seinem Kern, der fatalen Verkettung aus politischer Engstirnigkeit, Naivität und vor allem der völligen Unerfahrenheit in der Konfrontation mit einem Gegner, der nichts mehr zu verlieren hat: „Wie sollen wir mit denen denn verhandeln?“, fragt Polizeipräsident Waldner ganz ratlos nach Issas Ankündigung, durch den Tod nicht zu schrecken zu sein. Da zeigt der von Heino Ferch als knallharter, unbelehrbarer Hund verkörperte Polizeipräsident in seinem Selbstzweifel sogar einmal ganz kurz einen Anflug von Menschlichkeit. Ferch spielt diese Figur im Übrigen brillant und bleibt in dem Film (4,22 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,6 Prozent) als der markanteste Akteur in Erinnerung.

Katharina Zeckau/FK

• Text aus Heft Nr. 12/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.03.2012 – FK

Olympische Sommerspiele 1972: Der sorgfältig recherchierte Spielfilm rekonstruiert das Geschehen um das Attentat, bei dem elf israelische Sportler getötet wurden

Foto: Screenshot


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