Martin Rauhaus/Ben Verbong: Ein ganz normaler Tag (Sat 1)

Mit Appellcharakter

29.04.2019 •

Der Privatsender Sat 1 hat jüngst mit drei im wöchentlichen Abstand gesendeten eigenproduzierten Spielfilmen über richtiges Handeln in schwierigen Situationen auf sich aufmerksam gemacht. Im Anschluss daran verstärkten dann jeweils kurze, zum entsprechenden Themenbereich passende Dokumentationen mit Reportage-Charakter die von den fiktionalen Filmen vertretenen didaktischen Absichten noch.

Im Zentrum der stets in Berlin angesiedelten Spielhandlungen standen jedesmal junge, starke Frauenfiguren: Der Film „Lautlose Tropfen“ (25.3.19) handelte von der Lehrerin Franziska Wellmer (Stefanie Stappenbeck) und ihrer Vergewaltigung, nachdem sie mit K.o.-Tropfen wehrlos gemacht wurde. In „Dein Leben gehört mir“ (1.4.19) ging es um die Ärztin Malu Barstedt (Josefine Preuß), die von einem Stalker terrorisiert wird. Der dritte Film widmete sich unter dem Titel „Ein ganz normaler Tag“ dem Thema Zivilcourage; hier stand die junge Staatsanwältin Jessica Mauer (Sonja Gerhardt) im Mittelpunkt. Allen drei Hauptdarstellerinnen war dabei gemeinsam, dass sie nach zunächst erheblichen Schwierigkeiten, den jeweiligen Tätern deren Schuld nachzuweisen, schlussendlich erfolgreich sind. Es gab steht’s ein Happy-End, das dem Zuschauer bedeutete, dass es sich gelohnt hatte, dass die Frauen sich gewehrt, sich für ihr Recht engagiert und Mut bewiesen hatten.

„Normal“ ist der Tag im abschließenden Film dieser ‘Trilogie’ nur zu Beginn der Handlung, bis zum brutalen Überfall in der Straßenbahn. Inwieweit das, was danach folgt, auch noch der alltäglichen ‘Normalität’ zugerechnet werden könnte oder müsste – auf keinen Fall jedoch dürfte –, ist die zentrale Fragestellung, die der Spielhandlung hier zugrunde liegt. Beim Handlungsort Berlin hätte man ja eher eine U-Bahn als Tatort vermutet, aber dann hätte es sehr viele dunkle Bilder gegeben. Jetzt ist es eine Tat am hellichten Tag in aller Öffentlichkeit und das ist ein wichtiges Statement des Films, bei dem Ben Verbong Regie führte (Produktion: Zeitsprung Pictures).

Es gibt mehrere Zeugen des Geschehens, die allerdings zunächst nur sehr halbherzig reagieren, dann aber doch noch rechtzeitig die Polizei rufen. Der Zuschauer jedenfalls hat von Anfang an Gewissheit über die Tat. Bereits im Titelvorspann ist sie in Kurzversion zu sehen und dann nochmals ausführlich am Beginn der streng chronologisch ablaufenden Spielhandlung. Und der Zuschauer weiß auch, dass die Behauptung der Verteidigung später im Prozess, die Aggression sei vom Opfer ausgegangen, nicht stimmt.

Dieser sehr gradlinig erzählte, durchaus sehenswerte Film unterscheidet sich jedoch in einem wichtigen Punkt von den beiden vorangegangenen Themenfilmen: Sowohl bei der Vergewaltigung im ersten Film als auch beim Stalking im zweiten müssen die Opfer um ihre eigene Glaubwürdigkeit kämpfen; sie treten zudem beide als aktiv Handelnde auf und wehren sich somit erfolgreich dagegen, auf die Rolle des Opfers beschränkt zu werden. Bei der Staatsanwältin mit dem sprechenden Namen „Mauer“ hingegen, die hier ihren ersten eigenen Fall zur Anklage bringt, geht es zwar auch um ihre Glaubwürdigkeit, als sie den Schlägern im Prozess die Taten zunächst nur schwer nachweisen kann, weil die Tatzeugen von den Vätern der jugendlichen Täter vor Prozessbeginn eingeschüchtert worden sind und lange schweigen; aber sie ist nicht Opfer der Gewalttat und steht dem Opfer auch nicht persönlich nahe. Das darf sie auch nicht, weil sie sonst das Amt der Staatsanwältin in dem Fall gar nicht ausüben könnte.

Bei dem Film „Ein ganz normaler Tag“ (1,61 Mio Zuschauer ab 3 Jahren, Marktanteil: 5,4 Prozent) handelt es sich um ein Justizdrama; der Staatsanwältin fehlt dabei ein – im Unterschied zu den beiden Heldinnen der Vorgängerfilme – wichtiger emotionaler Hintergrund. Opfer der von den beiden jugendlichen Tätern ausgeführten Gewalttat ist der junge Student Isaac Akibo (Julius Dombrink), ein dunkelhäutiger Deutscher afrikanischer Herkunft, der im Krankenhaus im Koma liegt; seine Freundin Meike (Stephanie Amarell) bangt um sein Leben.

Meike kommt vor allem die Rolle der emotional Betroffenen zu. Derart betroffen ist die Figur der Hauptdarstellerin zunächst einmal nicht. Das mag Drehbuchautor Martin Rauhaus dazu bewegt haben, der Staatsanwältin dann ebenfalls noch ein Quantum an persönlicher Betroffenheit zukommen zu lassen, und zwar dadurch, dass ihr Lebenspartner von denselben Leuten verprügelt wird, die auch die Tatzeugen einzuschüchtern versucht haben. Das aber bedeutet, dass die Staatsanwältin bei Bekanntwerden dieser Tatsache für befangen erklärt und vom Fall abgezogen werden würde. Also verschweigt sie den Angriff auf ihren Freund, was diesen Erzählstrang für das Filmgeschehen noch weniger plausibel macht.

So bleibt die Rolle von Jessica Mauer emotional unterkühlt; ihre wahre Stärke besteht in ihrer Hartnäckigkeit. Um nun auch Jessica eine – den Prozess eben nicht gefährdende – Emotionalität zu verschaffen, kommt überraschend eine Art magische Wurzel ins Spiel. Die schenkt ihr der schwarzafrikanische Vater des Opfers, der ihr in diesem Zusammenhang von einer Rechtstradition aus seiner Heimat erzählt, die hierzulande unter dem Begriff „Ortstermin“ in die Strafprozessordnung eingegangen ist. So findet sich unter den wenigen Spielszenen bei Dunkelheit, die zumeist Heimlichtuereien zuungunsten der Wahrheit beinhalten, auch eine nächtliche Szene im Film, in der die Staatsanwältin diese Wurzel dem Richter überreicht – zu einem Zeitpunkt, als die Anklage im Prozess wegen Beweisnot zu scheitern droht.

Mit diesem eher emotionalen Schulterschluss von Richteramt und Staatsanwaltschaft wird dann am nächsten Tag vor Gericht ein Ortstermin durchgesetzt, an dem die Tat nachgestellt wird. Der bringt nun die entscheidende Wende: Die Zeugen brechen ihr Schweigen und geben zu, von der Täterseite unter Druck gesetzt worden zu sein. Diese Szenen gehören zu den stärksten des Films und unterstreichen somit nochmals seinen Appellcharakter.

29.04.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 15-16/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren