Martin Blachmann/Ingeborg Rüthers: Warum wollte Jakob sterben? Reihe „Tag 7“ (WDR Fernsehen)

Auf den Spuren des Unfassbaren

06.11.2009 •

 Dokumentation und Reportagen behandeln in der Regel ‘relevante’ Themen. Gemäß der Verwertungslogik des Fernsehens befassen Autorinnen und Autoren sich gezwungener­maßen mit spektakulären Unfällen, ungelösten Kriminalfällen, prominenten Persönlichkeiten oder eben mit Menschen, die ‘eine Geschichte’ zu erzählen haben. In der „Tag-7“-Reihe des WDR Fernsehens – die von der Programmgruppe Religion und Bildung verantwortet wird – ist das ähnlich; doch die jeweilige Reportage oder Dokumentation für dieses Sendeformat entsteht an einem einzigen Tag. Die ausgewählten Geschichten sind zwar auch ungewöhnlich, basieren jedoch eher auf marginalen oder skurrilen Begebenheiten – wie etwa die alkoholkranke Nonne –, deren Erwähnung man ansonsten vielleicht in den „vermischten Meldungen“ finden kann. Oder aber wir erfahren etwas über einen Menschen, der lebt, ohne zu atmen.

Interessant ist hier vor allem die Machart, bei der eine Autorin das jeweilige Thema zunächst recherchiert. Die Menschen wissen also, dass danach ein Drehteam kommen wird und werden nicht wie beim Reality-TV von der Kamera überfallen. Doch der Reporter, oft ist es Martin Blachmann, sieht die Protagonisten am Drehtag dann zum ersten Mal. Das Gespräch mit den Menschen erhält so eine Spontaneität, die durch dieses Kennenlernen mitgeprägt ist. Gedreht werden fast immer 280 Minuten, aus denen die Autorin mit dem Cutter das Sendeformat von 30 Minuten herausdestilliert. Etwa 90 Folgen von „Tag 7“ wurden bereits ausgestrahlt (das Format hat im Dritten Programm des WDR die Reihe „Gott und die Welt“ ersetzt).

In der Tagesreportage „Warum wollte Jakob sterben?“ (Produktion: Spectralfilm) greift Martin Blachmann – recherchierende Autorin war Inge Rüthers – eine Begebenheit auf, die in gewissem Sinn sehr alltäglich ist: Der Selbstmord junger Menschen sei, so Blachmann in der gesprochenen Einführung, die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen. Andererseits ist der Suizid des 13-jährigen Jakob auch noch nach fünf Jahren unfassbar. Dieser Unfassbarkeit eine Form zu geben, ist das Verdienst dieser 30-minütigen Reportage.

Zu Beginn spricht Martin Blachmann mit Lehrern und Schülern. Der Gang mit der Kamera ins Klassenzimmer, die kurzen Statements der ehemaligen Kameraden – das wirkt alles auf eine nicht forcierte Weise improvisiert. Man bleibt dran, weil die Art und Weise des Zugangs ungekünstelt, aber nicht auf Teufel komm raus spontan ist. Der Reporter ist meist mit im Bild, wirkt dabei jedoch nicht unbedingt eitel, sondern eher wie ein Seelsorger.

Als nächstes zeigt der Film das Elternhaus. Vater und Mutter wirken sympathisch, die beiden Geschwister auch. Der Blick aus dem Wintergarten auf den ordentlich angelegten Garten verrät einen Haushalt der oberen Mittelschicht. Die Mutter, Anfang 40, holt ihr Studium nach. Der Vater arbeitet in einer holländischen Firma. Als die Mutter auf eine ebenso gefasste wie eloquente Weise die Umstände des Selbstmordes ihres Sohnes erzählt, wird einem beim Zuhören etwas mulmig. Unwillkürlich ertappt man sich bei dem Gedanken: Leben die etwa so in ihrer Welt, dass sie mögliche Hilferufe ihres Sohnes ignoriert haben?

Angenehm an der ‘locker‘ inszenierten Reportage ist, dass derartige Fragen auf eine zwanglose Weise auch zur Sprache kommen. Bei dem 13-jährigen Jakob gab es offenbar keinerlei Anzeichen einer Krise. Geschwister und Eltern schildern den Jungen als lustig und lebensfroh. Allerdings hatte er – so wird langsam deutlich – mit der Schule Schwierigkeiten: Als Jakob sich erhängte, waren zwei blaue Briefe unterwegs. Er sollte wohl die Klasse beziehungsweise die Schule, in der er sich wohl fühlte, verlassen. Eine Freundin machte zwei Monate zuvor per SMS Schluss mit ihm. Und der Fußballtrainer habe den fußballbegeisterten Jungen „angemotzt“ (man hätte den Trainer gerne vor der Kamera gesehen).

All das sei, so der Reporter etwas beschwichtigend, „eine Summe von normalen, kleinen Enttäuschungen [...], die dann vielleicht“ zum Selbstmord geführt hätten. Die bange Frage nach dem Warum kann und will der Film natürlich nicht beantworten. Doch durch die ungezwungene Art der Darstellung und des vertrauensvollen Sprechens vor der Kamera drängen sich gewisse Assoziationen auf. Durch die Betrachtung des häuslichen Umfeldes und die auffallend eloquenten Erzählungen vor allem der Mutter verdichtet sich der Eindruck, als habe dieser Junge irgendwie in einer ‘zu perfekten Welt’ gelebt. Die Schwierigkeiten in der Schule? – da haben die Eltern womöglich kaum Druck gemacht: „Schule war für uns nicht so wichtig“, sagt die Mutter, „dass unser Kind glücklich ist, war uns wichtig.“

Durch die improvisiert wirkende Form dieser Tagesreportage wird eine Geschichte erzählt, die aus konventioneller Sicht eigentlich keine ist. Der 13-jährige Jakob kommt aus einem tadellosen Elternhaus, hat keine Drogen genommen und war in der Schule beliebt. Brüche und Risse in dieser Fassade, die ihn in den Selbstmord trieben, sind nur sehr indirekt wahrnehmbar. Der Film will nicht in alten Wunden bohren. Der Reporter ist aufrichtig darum bemüht, dass etwas zur Sprache gebracht wird, das letztlich unfassbar ist. Notgedrungen bleibt man dabei als Zuschauer in gewisser Weise auf seinem ‘Hunger‘ sitzen. Zurück bleiben gemischte Gefühle darüber, wie erstaunlich gut die Mutter mit der Trauerarbeit zurechtkommt. Nahe geht einem eine Äußerung des Vaters: „Dieses völlig Unbeschwerte, das kommt nicht mehr, glaube ich.“

Die Einleitung des Reporters, Selbstmord sei bei Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache, macht noch eine kleine Anmerkung notwendig. Da Jugendliche generell seltener sterben, also weniger Krebs, Kreislaufprobleme oder Leberschäden haben, sind Unfall, Mord und Selbstmord „fast die einzig möglichen Todesursachen, so dass der hohe Anteil von Selbstmord überhaupt nicht überrascht“, so das „Lexikon der populären Irrtümer“.

06.11.2009 – Manfred Riepe/FK

• Text aus Heft Nr. 45/2009 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

06.11.2009 – FK

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