Marlene Melchior/Leonie Krippendorff: Loving Her. 6‑teilige Serie (ZDFneo)

Schöne Leichtigkeit

27.07.2021 •

Natürlich hätten sie auch Paderborn oder Kaiserslautern nehmen können, aber die beiden Autorinnen der Serie „Loving Her“ haben sich für Bielefeld entschieden. So muss die ostwestfälische Metropole einmal mehr als Synonym für die Hölle des Provinziellen herhalten. Nach abgeschlossenem Literaturstudium in Berlin findet Hanna in der Hauptstadt keinen Job und sieht sich genötigt, zurück zu ihren Eltern nach Bielefeld zu ziehen. Die Höchststrafe! Kurz vor dem Umzug trifft Hanna auf der Straße ihre alte Liebe Franzi wieder. Beide waren schon in Bielefeld ein Paar, zogen dann gemeinsam nach Berlin, wo ihre Beziehung jedoch keine Zukunft hatte. Während Hanna sich ins Nachtleben stürzte, büffelte Franzi zielstrebig für ihr Studium. Wie das bei Jugendlieben manchmal so ist, lebte man sich auseinander.

Nun rekapituliert Hanna diese gemeinsamen Jahre. Man sieht die beiden verliebt beim Kuscheln, erlebt Szenen erster Krisen und ist schließlich dabei, wenn bei einem Abendessen beide in ihren Tellern herumstochern und sich nichts mehr zu sagen haben. Diese Beziehung ohne Happy-End hätte sicherlich auch Stoff für einen ausgewachsenen Spielfilm hergegeben, doch hier ist die Geschichte in Folge 1 nach nur zwölf Minuten durch. Es folgen fünf weitere Episoden, in denen man andere Liebschaften und Affären der Hauptprotagonistin aus ihrer Berliner Zeit kennenlernt (die Folgen sind zwischen zehn und dreizehn Minuten lang; Gesamtlänge: rund 70 Minuten).

„Instant Fiction“ nennt das ZDF dieses ungewöhnliche, in seinem Spartenprogramm ZDFneo ausgestrahlte Kurzformat, und wer selten Lust verspürt, sich ganze Tage (und Nächte) mit Endlos-Serien bei irgendwelchen Streaming-Anbietern um die Ohren zu schlagen, hat hier sicherlich eine Alternative. Die allerdings auch etwas von einer Instant-Suppe hat. Schnell gemacht, schnell konsumierbar und obendrein preiswert, aber eben auch nicht so nahrhaft wie eine vollwertige Mahlzeit, um im Bild zu bleiben.

Der Zeitmangel führt hier unter anderem dazu, dass viele der Geschehnisse und Hannas Sicht der Dinge von ihr aus dem Off referiert werden. „Alles, was ich fühlen konnte, war Schuld“, erinnert sie sich beispielsweise in Bezug auf Franzi. In einer anderen Folge heißt es: „Ich habe Sarah mit ihren Zweifeln im Stich gelassen.“ Solche Gemütsregungen oder Entwicklungen können Schauspieler in klassischen Filmen für die Zuschauer erleb- und sichtbar machen, doch dazu fehlt in diesem Format nun einmal schlicht die Zeit.

Auf der anderen Seite nehmen sich die von Marlene Melchior (Buch) und Leonie Krippendorff (Buch, Regie) ersonnenen Reflexionen ihrer Hauptfigur durchaus erfrischend aus, zumal deren Kommentare vielfach mit einer Portion Selbstironie gewürzt sind. Überhaupt geht es in der Serie trotz aller großen und kleinen Beziehungsdramen keineswegs streng problemorientiert zu. Auf Franzi folgt in diesem Reigen Lara, die in Sachen Feierwütigkeit Hanna jedoch weit übertrifft, sich alle erdenklichen Muntermacher-Pillen einwirft und gelegentlich auch Sex mit Männern nicht abgeneigt ist. Dann kommt Anouk, eine überaus attraktive Sängerin, in die sich Hanna unsterblich verliebt. Was aber leider nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

Die nächste Beziehung fällt unter mehreren Aspekten etwas aus der Reihe. Nachdem Hanna einen Praktikumsplatz in einem Verlag ergattert hat, beginnt sie eine Affäre mit dessen Leiterin Josephine, die nicht nur deutlich älter, sondern auch ihre Vorgesetzte ist. Das Machtgefälle spielt auch beim Sex eine Rolle. Als die Chefin der Praktikantin im Büro einen Umschlag mit einem sexy Slip und der Aufforderung „Zieh das an“ zusteckt, kommt Hanna der Aufforderung bereitwillig nach. „Aber sie ist nicht Harvey Weinstein“, erklärt Hanna ihren WG-Mitgliedern Holly und Tobi später zu der Szene. Die Liaison findet dann ein jähes Ende, als die beiden von Josephines Ehefrau in flagranti erwischt werden. Bleibt noch Sarah, eine junge Medizinerin, die sich ihrer sexuellen Orientierung (noch) nicht sicher ist und keinesfalls Händchen haltend mit Hanna in der Öffentlichkeit gesehen werden möchte. In einem Video-Telefonat erklärt Sarah, inzwischen auf einem Auslandseinsatz, dass sie sich frisch verliebt habe. In einen Mann.

Männer kommen in dieser Serie (auch hinter der Kamera) eigentlich nicht vor. Die lesbische Liebe erscheint nahezu allen Figuren als Selbstverständlichkeit, über die man nicht groß reden muss. Als ein Typ in einer Kneipe Hanna fragt, ob sie beim Sex nicht manchmal doch einen Penis vermisse, erklärt sie lapidar, davon habe sie eine ganze Sammlung in der Schublade. In allen Farben und Größen. Die Selbstverständlichkeit der gleichgeschlechtlichen Liebe unterschiedet diese ZDFneo-Serie wohltuend vom Mitte Mai im Spartenkanal One ausgestrahlten ARD-Pendant „All You Need“ (weiterhin in der Mediathek), wo fortwährend das Schwulsein demonstrativ als Andersartigkeit vorgeführt wurde. Auch der Umstand, dass viele der Figuren in „Loving Her“ einen Migrationshintergrund haben, wird hier mit keiner Silbe erörtert, geschweige denn problematisiert. Die Serie geht das Thema lesbische Lebenswelt mit schöner und kurzweiliger Leichtigkeit an.

Neben Buch, Regie, Kamera (Lotta Kilian) und Montage (Friederike Hohmuth) wird die Serie (Produktion: Made For Film GmbH) von den durchweg guten Schauspielerinnen getragen. Banafshe Hourmazdi agiert in der Hauptrolle der Hanna wundervoll souverän, ebenso wie auch Lena Klenke (Franzi), Emma Drogunova (Lara), Larissa Sirah Herden (Anouk), Karin Hanczewski (Josephine) und Soma Pysall (Sarah) in den einzelnen Episoden ausnahmslos überzeugend auftreten. Dass die ZDFneo-Serie keine originäre Neuschöpfung, sondern eine Adaption des niederländischen Formats „Anne+“ ist, tut ihrem Unterhaltungswert keinen Abbruch. Was da zum Beispiel genau an Dialogen übernommen wurde (im Abspann taucht auch der Posten „Übersetzung“ auf), lässt sich für den Zuschauer nicht so ohne Weiteres überprüfen. Aber zumindest Bielefeld als Schreckensszenario wird im Original kaum vorkommen.

27.07.2021 – Reinhard Lüke/MK

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