Markus B. Altmeyer/Matthias Schmidt: Pälzisch im Abgang – Aller hopp, die Welt geht unter. 6‑teilige Serie. Reihe „Debüt im Dritten“ (SWR Fernsehen)

Gisbert kennt keine Gnade

24.12.2015 •

Das Räsonnement über US-amerikanische und deutsche Fernsehserien war im auslaufenden Jahr eines der bestimmenden Themen auf den Feuilleton- und den Medienseiten, meist unter Erwähnung der immer gleichen Referenztitel: „Breaking Bad“, die US-Version von „House of Cards“ und „Mad Men“ – alle wenig erfolgreich beim deutschen TV-Publikum. Und doch verband sich die Aufzählung stets mit der Forderung, ‘endlich’ einheimische Äquivalenzserien zu schaffen. Episch sollen sie sein, horizontal erzählt. Genauere Kriterien einer Qualitätsserie aber werden selten benannt.

Warum nicht einmal so: Stoffe, die zeitgenössisch und authentisch vom Leben realer Menschen erzählen; Dialoge, denen man ein Gespür für Umgangssprache anhört; Figuren mit Identifikationspotenzial. Tatsächlich gibt es solche Serien, in jüngster Zeit vermehrt auffindbar in den Dritten Programmen der ARD-Sender. Das heißt: mit Regionalbezug. Mal weniger gelungen wie „Meuchelbeck“ im WDR Fernsehen, mal herausragend wie „Jennifer – Sehnsucht nach was Besseres“ (seit dem 23. Dezember im NDR Fernsehen) oder von überdurchschnittlichem Rang wie „Pälzisch im Abgang“, eine sechsteilige Serie, die das SWR Fernsehen für seine Nachwuchsreihe „Debüt im Dritten“ aus Anlass von deren 30-jährigem Bestehen produzieren ließ.

Drehbuchautor Markus B. Altmeyer, kein Neuling in der Branche, liefert bei „Pälzisch im Abgang – Aller hopp, die Welt geht unter“ (Produktion: Teamwerk) unter Rückgriff auf das klassische Modell der Familienserie einen Verschnitt aus pfälzischem Lokalkolorit mit einem fantastischen Katastrophenszenario. In der Familie Fröhlich, die in einem kleinen Städchen in der Pfalz lebt, gibt es die für das serielle Melodram typischen Problemstellungen. Die Winzerin Katharina Fröhlich (Yasmina Djaballah) kämpft um den Fortbestand ihres Weinguts und unterhält eine heiße Affäre mit dem Casino-Betreiber Klaus (Christian Habekost). Ihr Lebensgefährte Micky Winkler (Guido Broscheit), ein Zugereister, ist Motivationstrainer, insolvent und hat des öfteren den Gerichtsvollzieher am Telefon, was er aber der Familie, solange es geht, verschweigt.

Tochter Nathalie (Janina Fautz) befindet sich in der Trotzphase und bereitet die Flucht aus der verhassten Pfalz vor. Sohn Basti (Cédric Cavatore) hadert mit den ihm auferlegten Pflichten im mütterlichen Betrieb und träumt vom ersten Kontakt mit dem weiblichen Geschlecht. Der lebenslustige Opa Alfred Fröhlich (Theo Pfeifer) bekrittelt die neumodischen Methoden seiner Tochter und vertritt offensiv die „pälzer“ Lebensart mit Sprüchen wie „Eher soll die Welt verderbe / Als vor Durst ein Pälzer sterbe“.

So hätten wir es mit einer beinahe typischen Heimatserie zu tun, würden nicht die Konflikte und Entwicklungen überschattet von einer bitteren Nachricht gegen Ende der ersten Folge: Die SWR-Fernsehnachrichten vermelden, dass die Erde mit dem Asteroiden Gisbert kollidieren werde und keine Aussicht auf Rettung bestehe. Die Ankunft der indischen Austauschschülerin Sunita (Jana Vijayakumaran) bei den Fröhlichs und die von ihr verursachten Taxikosten in Höhe von fast 300 Euro machen den Abend dann richtig rund.

Die drohende Apokalypse verhilft dem Geschehen selbstredend zu einer ganz eigenen Dynamik und, dank des Geschicks von Autor Altmeyer und Regisseur Matthias Schmidt, auch zu einer mal anrührenden, mal galligen Komik. Die Reaktionen der Protagonisten auf das drohende Ende gleichen den von Elisabeth Kübler-Ross formulierten fünf Phasen im Umgang mit dem Tod. Keine neue Idee, in US-Serien wie „Clueless“ und „Buffy – Im Bann der Dämonen“ wurden diese Beobachtungen bereits vor Jahren auf je eigene Weise thematisiert. Einen dramatischen Dreh erhält die SWR-Serie zudem, weil kurzzeitig Aussicht auf Hoffnung besteht. Der Asteroid soll gesprengt werden. Das Vorhaben scheitert jedoch an der Qualität der Ausrüstung – die Herstellerfirma aus Schwaben hat aus Geiz minderwertiges Material eingesetzt. Eine von vielen Sticheleien gegen die südlichen Nachbarn.

Absurder Humor – auch in Form (selbst)ironischer Episoden-Einleitungen –, authentische Figuren, natürliche und nachvollziehbare Gefühlsregungen ohne Ausrutscher in den Schwulst, auch so lässt sich Serien-Qualität definieren. Und natürlich über die Konsequenz der Erzählhaltung: Zum Ende hin, das standesgemäß mit einem Winzerfest begangen wird, hat Asteroid Gisbert seinen großen Auftritt. Und Gisbert kennt keine Gnade. 

24.12.2015 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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