Marija Erceg/Markus Imboden: Der Richter (ZDF)

Ein Mann sieht nicht rot

23.04.2018 • Unter deutschen Schauspielern genießt Heino Ferch eine Ausnahmeposition. Der 54-Jährige glänzt nicht immer als vielseitiger Charakterdarsteller, verfügt aber über eine enorme physische Präsenz. Auf diese Ausstrahlung ist auch der ZDF-Film „Der Richter“ zugeschnitten (Produktion: NFP). Ferch spielt Dr. Joachim Glahn, einen pedantischen, von seiner Profession besessenen Helden der Justiz, dessen Perfektionsdrang ihn nach und nach dazu führt, die Grenze zur Selbstjustiz zu überschreiten. Dieses Genremotiv kann reizvoll sein. Doch leider schreckt der Film am Ende vor seiner eigenen Konsequenz zurück.

Das Drehbuch hat eine Frau geschrieben, Marija Erceg. Die Autorin, bislang vorwiegend für Serien wie „SOKO Leipzig“ (ZDF) oder einst „Wolffs Revier“ (Sat 1) tätig, legt besonderen Wert auf die Zeichnung der weiblichen Figuren – die jedoch alle unter dem von Heino Ferch verkörperten Richter leiden. Seine biestige, pflegebedürftige Mutter (Marie Anne Fliegel) bedauert es sogar, den Sohn überhaupt geboren zu haben. Denn die Mutterrolle, so ihre Klage, habe ihr die eigene Karriere verbaut. Die aufopferungsvolle Ehefrau (Gesine Cukrowski) erfährt durch den Parfümgeruch am Hemdkragen ihres Mannes, dass dieser fremdgeht. Nicht minder leidgeprüft ist die Geliebte (Victoria Sordo). Sie arbeitet zwar erfolgreich als Gerichtsmedizinerin, wird aber von Richter Glahn verlassen und fragt sich daraufhin pikiert, warum sie kein Glück bei Männern habe.

Es ist schon seltsam: Der Film widmet den Frauenfiguren viel Aufmerksamkeit und überzeugt auch durch zuweilen nuancierte Charakterdarstellungen, aber leider sind die Frauen allesamt Opfer, die sich ausschließlich über Männer definieren. Das gilt insbesondere für Glahns labile Tochter Luise (Elisa Schlott), die an den hohen Ansprüchen des Vater zerbrochen und in die Drogenszene abdriftet ist. Obendrein wird sie auch noch von ihrem trashigen Freund Maik (Sebastian Hülk) gekidnappt, der im Auftrag eines Gangsters den Richter zu erpressen versucht.

Dank dieser Wendung verknüpft der Film das Familiendrama mit einem Kriminalfall: Maik ist nämlich zufällig auch der Komplize jenes zwielichtigen Unternehmers Holger Wieland (Wolfram Koch), dem Glahn als Richter einen heimtückischen Mord nachweisen will. Dies versucht Wieland mit drastischen Mitteln zu verhindern. Um einen Freispruch zu erpressen, organisiert der Schurke die Entführung der Tochter des Richters. Was umso unglaubwürdiger ist, da er die aufwendige Organisation dieser Entführung aus der Untersuchungshaft heraus managen muss. Einen Preis für plausible Drehbuchgestaltung wird die konstruierte Geschichte dieses Films jedenfalls nicht erhalten. Trotz dieser hanebüchenen Story ist der Krimi dennoch kurzweilig, gelegentlich sogar spannend. Das liegt an dem Instinktmenschen Heino Ferch. Und auch an Regisseur Markus Imboden – obwohl der Krimi-Routinier und mehrfachen Grimme-Preisträger hier alles in allem nur durchschnittliche Fernsehfilmkost abliefert.

Imboden zeigt den Richter in einem Bungalow und den Oberschurken Dirk Lüders (André Jung) in einer kühlen Designer-Villa. Um einen Kontrast zu setzen, muss Glahns Geliebte in einem sozialen Brennpunkt leben – obwohl sie sich als Gerichtsmedizinerin doch sicherlich eine bessere Bleibe leisten könnte. Doch von ihrer Hochhauswohnung aus kann die Kamera einen dekorativen Panoramaschwenk über Berlin machen. Trotz dieser filmischen Stereotypen schafft es Imboden, dass man Heino Ferch gespannt dabei zusieht, wie er als obsessiver Mann der Justiz die Grenze zum kriminellen Handeln überschreitet.

Das Highlight ist die Konfrontation mit dem Mann im Hintergrund, dem eiskalten, heimtückischen Drahtzieher Dirk Lüders, von dem dank André Jungs präziser Darstellung tatsächlich spürbare Gefahr ausgeht. In der vielversprechenden Schlussszene richtet Lüders die Waffe auf Glahns Tochter und will so den Richter dazu zwingen, einen unbequemen Mitwisser zu erschießen. Man kennt diese existentielle Konfrontation aus unzähligen Krimis und möchte wissen, wie der Richter sich entscheidet: Schießt er oder schieß er nicht? Zu gerne würde man würde Heino Ferch auch einmal als ultimativen Actionhelden sehen, als Mann, der rot sieht.

Daraus wird hier leider nichts, denn „Der Richter“ (5,72 Mio Zuschauer, Marktanteil: 18,4 Prozent) bleibt ein braver ZDF-Krimi, der Exzess wird hier allenfalls angedeutet und das Böse nur in dosierter Form gezeigt. Und deswegen wird der Zuschauer schließlich Zeuge einer halbherzigen Billiglösung: Um die brenzlige Situation zu entschärfen, werden Beamte einer SEK-Einheit in Deus-ex-machina-Manier von der Decke abgeseilt, um Lüders und den Richter zu überwältigen. Die existentielle Konfrontation wird angedeutet und vor dem eigentlichen Höhepunkt abgebrochen – so folgt der Krimi letztlich der Dramaturgie eines Coitus interruptus.

In Erinnerung bleibt dieser ZDF-„Fernsehfilm der Woche“ als routinierte Krimi-Dutzendware mit einer zerfahrenen Geschichte und einer unübersichtlichen Anzahl von Figuren – aus denen aber dank Heino Ferch der überzeugend gespielte Charakter des Richters herausragt.

23.04.2018 – Manfred Riepe/MK