Marie Wilke: Höllental. 6‑teilige Kriminaldokumentation (ZDF)

Hinter den Schlagzeilen

31.01.2021 •

Beschaulich, unwirklich, märchenhaft. Eine Stadt wie aus einem Astrid-Lindgren-Roman, mit Burgruine und mittelalterlichen Gassen, ein verwunschenes Waldgebiet wie aus der amerikanischen Fernsehserie „Twin Peaks“. Eine nahe Schlucht hört ausgerechnet auf den Namen Höllental. Man braucht einen, vielleicht mehrere Momente, um sich zu vergewissern, dass man nicht Zeuge einer Spielhandlung wird. Der unverstellte Duktus des Off-Erzählers zu den Drohnenbildern einer langen, kurvenarmen Waldstraße ist hilfreich, um der Illusion vorzubeugen. Hier spricht eindeutig kein Schauspieler. Das Städtchen Lichtenberg gibt es wirklich. Es liegt in Oberfranken, im nordöstlichen Bayern, im Eck zwischen Thüringen, Sachsen und Tschechien. Mit etwas über 1000 Einwohnern eine der kleinsten Städte Deutschlands. Man kennt sich hier.

Am 7. Mai 2001 wurde die neunjährige Peggy Knobloch auf dem Heimweg von der Schule zuletzt gesehen, von diesem Augenkontakt an hatte sie noch 200Meterbis zu ihrem Elternhaus in Lichtenberg zurückzulegen. Doch kam sie dort wohl niemals an. Bald beginnt eine groß angelegte Suche. Fahndungsmaßnahmen, Ermittlungen. Hunde, Hubschrauber, sogar Tornados der Bundeswehr werden eingesetzt. Erfolglos. Die Wälder sind unwegsam, in einem aufgegebenen Bergbaugebiet lauern Gefahren. Ein Spaziergänger meldet, er habe eine Kinderleiche gesehen. Beim Eintreffen der Polizei am genannten Ort jedoch keine Spur.

Viele Hinweise gehen ein. Wurde Peggy nach Tschechien verschleppt? Auch die Mutter, der Stiefvater und der leibliche Vater werden als Verdächtige einbezogen. Eine Spur führt in die Türkei. Und läuft ins Leere. Die Ermittlungen ziehen sich über Jahre. Schließlich wird ein geistig behinderter junger Mann festgenommen. Man will ihn zur Zeit des Verschwindens nahe Peggys Elternhaus gesehen haben. Der hilflose Mann gesteht die Tat. Wie sich später erweist, unter Druck, von den Polizisten manipuliert. Der Mann wird verhaftet, von der Boulevardpresse dämonisiert, vom Landgericht Hof zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Gudrun Rödel, selbst Mutter einer geistig behinderten Tochter und juristisch erfahren, hat Zweifel. Sie recherchiert auf eigene Faust, lässt sich zum Vormund des Verurteilten einsetzen, bekommt so Akteneinsicht. Ihre Skepsis erhält weitere Nahrung, sie zieht einen Rechtsanwalt zu Rate. Das Verfahren wird wieder aufgenommen und führt dazu, dass der Verurteilte freigesprochen wird. Die Polizei ermittelt daraufhin weiter. Fünfzehn Jahre nach dem Verschwinden Peggys, am 2. Juli 2016, wird die Leiche des Mädchens gefunden. Durch puren Zufall. Das Kind wurde ermordet, der Täter ist bis heute nicht dingfest gemacht. Im Oktober 2020 wurden die Ermittlungen eingestellt. Eines der größten Rätsel der deutschen Kriminal­geschichte bleibt ungelöst.

Die Filmemacherin Marie Wilke hat mehr als drei Jahre darauf verwandt, diesen Kriminalfall filmisch aufzuarbeiten. Ihre sechsteilige Dokumentarreihe, beauftragt von der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“, erlaubt es, sämtlichen Verästelungen nachzugehen, hinter die Schlagzeilen zu schauen, Milieus zu erkunden. Es gibt eine Vorgeschichte, die auf Missbrauch hindeutet. Und es gibt Nachwirkungen, wirtschaftliche zum Beispiel. Das frühere Ausflugsziel Lichtenberg geriet in Verruf und verzeichnete Besuchereinbrüche in einem Ausmaß, dass einige Geschäfte schließen mussten. Aspekte wie diese kommen in spekulativeren Formaten nicht zur Sprache.

Das ZDF benutzt als Genrezuschreibung für die Produktion den modischen Begriff „True Crime“, aber das schürt womöglich falsche Erwartungen, denn er verbindet sich mit jenen boulevardesken Formaten des US-Fernsehens, die mit einer aufgeregten Dramaturgie auf den Affekt des Publikums spekulieren, Emotionen schüren, bisweilen mit Schockmomenten arbeiten. „Höllental“ erscheint im Vergleich nahezu als Gegenentwurf. Ein ruhiger Rhythmus, kontemplative Impressionen. Die einzelnen Folgen setzen sich zusammen aus Archivmaterialien und Interviews.

Wo es Illustrationslücken gibt, verzichtet Marie Wilke auf theatralische Nachstellungen und zeigt stattdessen die Originalschauplätze aus heutiger Warte. Unbelebt, in langen Einstellungen, unterlegt mit Auskünften der beteiligten Zeitzeugen – von Polizisten, Einwohnern, Journalisten. Bildhaft wird das Geschehen im Kopf des Betrachters, und das reicht völlig aus, die Gefühlslage der Eltern, der Bürger, der Ermittler zu erspüren. Um Zeitsprünge zu markieren, wird schlicht Schwarzfilm eingesetzt. Wiederum ein Mittel, das jeglicher Überreizung entgegenwirkt, Zeit zum Nachdenken gewährt. Eine Musikuntermalung gibt es, aber die verhaltenen Kompositionen von Uwe Bossenz korrespondieren mit dem Inhalt, statt ihn akustisch aufzubauschen.

Inhaltlich wie ästhetisch löst sich dieser Sechsteiler von der reinen Kriminalerzählung und weitet sich zum Gesellschaftsdrama, wenn Sujets wie die Einsamkeit des Kindes, die Hilflosigkeit des Umfelds oder die in Teilen fragwürdige Rolle der Justiz angesprochen werden. Eine meisterliche Produktion, die den hohen Aufwand (Herstellung: Kundschafter Filmproduktion) auf jeden Fall rechtfertigte. Die Folgen, 42 bis 49 Minuten lang, hatten die Untertitel „Das Verschwinden“, „Die Suche“, „Das Urteil“, „Der Einspruch“, „Die Spuren“ und „Kein Ende“.

Noch eine Fußnote zum Terminus „True Crime“, weil zum Thema allerlei Falschdarstellungen kursieren. Die Bezeichnung zählt zu jenen Sprachimporten, die altbekannten Fernsehformaten zu neuem Chic verhelfen sollen. Ähnlich geschah es vorher mit der Gesprächssendung, die zur Talkshow wurde, dem Fernsehfilm, der den Kommerzsendern als TV-Movie fashionabler erschien, und dem Mehrteiler, der heute auch mal Miniserie heißt. Es sei daran erinnert, dass die Geschichte des deutschen Fernsehkrimis mit einer „True-Crime“-Reihe begann: In „Stahlnetz“ (ARD/NDR) griffen Autor Wolfgang Menge und Regisseur Jürgen Roland, dem Vorbild der 1951 gestarteten US-Serie „Dragnet“ folgend, ab 1958 reale Kriminalfälle auf und setzten sie mit Schauspielern und nach den Regeln der Spielfilm-Dramaturgie in Szene. Anders als bei „Dragnet“ fand hier vereinzelt auch dokumentarisches Material Verwendung, so in der Episode „Bankraub in Köln“ (1958), die mit einem „Tagesschau“-Beitrag und einer kurzen Sachlagenbeschreibung des Kölner Kriminalrats Karl Kiehne eingeleitet, somit gleichsam beglaubigt wurde. Das ZDF übernahm diese Variante des Dokumentarkrimis in seinen Reihen „Das Kriminalmuseum“ (1963 bis 1970) und „Die fünfte Kolonne“ (1963 bis 1968).

Auch in der Form des Mehrteilers wurden reale Verbrechen für den Bildschirm aufbereitet, zum Beispiel der 1963 verübte britische Postzugraub in dem Fernsehfilm-Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ (ARD/NDR 1966). Keine Fernsehnostalgie, sondern Voraussetzung einer zutreffenden Betrachtung: Ohne Berücksichtigung der Programmhistorie bleiben Formatanalysen, auch die des Subgenres „True Crime“ mit seinen unterschiedlichen Spielarten, meist unzutreffend und ohne Gewicht. Bei Twitter warb das ZDF für das Anschauen von „Höllental“ (weiterhin in der Mediathek abrufbar) im Übrigen damit, die Reihe sei etwas „für Fans von True Crime“.

31.01.2021 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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